Wie leiser Auferstehungsruf rauschte es in dem dürren Laube und den entblätterten Wipfeln . Ruhig und sicher glitt das silberne Schiffchen am Horizont hinab und duftige Gewebe umwallten die jungen Wanderer wie Brautschleier . Kein Blütenregen , kein Nachtigallenschlag entzückte diese schuldlosen Herzen , die noch über kaum geschlossenen Gräbern trauerten , und doch war es ein nahender Frühling , der sich ihnen verkündete unter Tränen und Herbststürmen . „ Wir müssen hinauf , “ sagte Gretchen sich plötzlich besinnend . „ Sie werden uns vermissen ! “ Und sie eilte besorgt dem Freunde voran . — Oben angekommen hielt er sie noch einmal zurück , bevor sie in das Krankenzimmer trat . „ Gretchen , Sie haben mir unermeßlich viel gegeben in dieser halben Stunde und doch ist es mir immer noch nicht genug ; Sie müssen mir jeden Abend eine solche halbe Stunde schenken , wollen Sie ? “ „ Von Herzen gern ! “ „ Und , Gretchen , ich werde diese Nacht hier im Vorzimmer wachen . Werfen Sie mir manchmal einen Blick durch die Tür zu . “ „ Weshalb das ? “ fragte Gretchen errötend . „ Weil ich nichts auf der Welt so gern sehe , wie Ihr liebes Gesichtchen ! “ „ O , das freut mich ! “ stammelte Gretchen . „ Wollen Sie daran denken , mir einmal zuzulächeln , wollen Sie ? Ich werde darauf warten von Minute zu Minute , von Stunde zu Stunde ! “ „ Sie sollen nicht vergebens warten , wie könnte ich Ihnen einen Wunsch verweigern ? “ Mit diesem tiefinnigen Wort , dessen beglückende Kraft sie selbst nicht ahnte , entschwand sie dem jungen Manne . Sie trat in das Krankenzimmer , das Herz so übervoll von Wohl und Wehe . Johannes kniete am Bette und hatte die Stirn auf Ernestinens herabhängenden Arm gelegt . Die Staatsrätin nickte der Eintretenden freundlich zu . Zu sprechen wagte Niemand , denn Ernestine schien zu schlummern . Gretchen setzte sich leise zur Staatsrätin und drückte dankbar die dargebotene Hand derselben . So saßen sie eine lange Stunde regungslos . Da verfiel Ernestine in neue , furchtbare Delirien . — Es war , als sei ihre ganze Krankheit nichts , als das vergebliche Streben der Natur , feindliche , unerträgliche Ideen auszustoßen , die sich wie zerstörende Parasiten in ihrem Kopfe eingenistet hatten ! Johannes brachte endlich seine Mutter dahin , sich zur Ruhe zu begeben , auch die Willmers mußte sich entfernen und er wachte allein mit Gretchen . Er litt so namenlos beim Anblick von Ernestinens Körper- und Seelenmartern , daß es ihm eine Erleichterung war , das bekümmerte Mutterauge nicht auf sich ruhen zu wissen , vor dem er sich eine qualvolle Selbstüberwindung auferlegen mußte . Gretchen stand ihm getreulich bei , obgleich auch dem armen Kinde bei den vielen schrecklichen Anspielungen auf seinen Vater , die Ernestinens Lippen entschlüpften , das Herz brechen wollte . Ernestinens Phantasien schütteten das ganze Bild ihrer Vergangenheit , zerrissen und zerstückt , durcheinandergeworfen , aber doch erkennbar , vor dem gequälten Mädchen aus , das durch Alles einen roten Faden hindurchgehen sah : die Schuld seines Vaters . Heiße Tropfen rannen der stillen Pflegerin über die Wangen ; Johannes bemerkte es nicht , er hatte nur Auge und Ohr für die Geliebte . Das arme , verwaiste Kind fühlte sich recht einsam . Aber nein , wie konnte sie sich solchen Gedanken hingeben ? War ihr nicht ein Freund nahe , ein Beschützer ? Und hatte sie ihm nicht versprochen , ihm einmal zuzunicken , dem treuen Wächter , der ihrer harrte ? Wie konnte sie das auch nur eine Minute lang vergessen ! Und sie schlüpfte leise an der Tür hin , während Johannes bei Ernestinen stand und schaute hinaus . Da saß er , das Auge erwartungsvoll nach ihr gerichtet und ein schönes Lächeln erhellte seine feinen Züge , als er Gretchen sah . Er sprang auf und riß ein Blatt , das er beschrieben , aus seinem Notizbuch . „ Gretchen , “ sagte er , „ da hab ’ ich etwas für Sie , nehmen Sie ’ s auf , wie ’ s gemeint ist : liebevoll ! Sie machen eine schwere Nacht durch . Ich kann mir denken , was Sie bei dem Allen leiden ! — Nicht wahr . Sie vergessen nicht , daß hier Jemand ist , der mit Ihnen und für Sie wacht ? “ Gretchen reichte ihm die Hand . Er legte das beschriebene Blatt hinein . „ Ich danke Ihnen , bevor ich den Inhalt kenne , “ flüsterte Gretchen . „ Was von Ihnen kommt , kann nur etwas Gutes sein . “ Sie nickte ihm noch einmal zu und trat in das Zimmer zurück . „ Seht , er mordet sein Kind — der Vampyr — er hat es mit mir verwechselt — Oheim , Oheim ! “ schrie Ernestine , als Gretchen am Bette vorüber ging . „ O , o , das Kind , ’ s war ein so schönes Kind , das Gretchen ! Das muß Johannes wissen , der Totenkopf ist ja von Leutholds Tochter ! “ Gretchen setzte sich zum Tisch , auf dem die Nachtlampe brannte . Ein Frösteln durchlief ihre Glieder . Diese letzten Worte Ernestinens hatten sie mit unaussprechlichem Grauen erfüllt . — Doch sie hielt ja einen Talisman in der Hand , Hilsborns Schriftzüge bannten alle finsteren Mächte . Sie entfaltete das Blatt und las . Weine , weine , armes Herz , Singe Deine trüben Lieder ! Fallen in den Schoß Dir nieder Still die Tränen , — himmelwärts Richte dann Dein sehnend Auge , Aus den ew ’ gen Sternen sauge Trost Dir für den ird ’ schen Schmerz . Weine , weine , armes Herz ! Sind verklungen Deine Lieder — Sandten keinen Trost Dir nieder Selbst die Sterne , — erdenwärts Wende dann Dein suchend Auge — Und von Freundeslippen sauge Ird