sichtbar wurden . » Wieviel Schufte und Narren vergällen uns das Leben ! « » Pah ! « Leonhart reichte ihr jetzt eine seiner schlechten Cigarren dar , doch war ihr das zu starker Tobak . » Dann ginge es noch an . Aber ' s ist ja viel langweiliger . Ein Franzose urtheilte triftig : Die Welt bestehe nicht aus Schuften und Narren , sondern aus Leuten , die nicht Talent genug haben , um das erstere , doch etwas zu viel , um das Letztere zu sein . « » Madam Dudeffant bemerkt sehr schön : Ceux qu ' on nomme amis sont ceux par qui on n ' a pas à craindre d ' être assassiné , mais qui laisseront faire l ' assassin ! « orakelte die geistreiche Dame , die an der Citatwuth litt . Leonhart zuckte die Achseln . » Die Niederträchtigkeit der Männer und die Putz-Dummheit der Weiber zu schildern ist fast unmöglich . Physische Laster scheinen im Buch lange nicht so schlimm wie psychische Niedrigkeit . Den Begriff eines Mordes oder den Begriff einer Dirne können wir uns bei bloßer Lectüre kaum vergegenwärtigen . Aber dafür erhalten wir im Buche einen viel stärkeren Begriff von der landesüblichen Seelenverderbniß und Verlogenheit , welche wir sonst im Leben täglich gelassen hinnehmen . Uebrigens macht alles Geschriebene vor einer letzten Grenze Halt und bleibt daher nur halbwahr . « » Sagt eure triftigen Gründe , Junker Bleichenwang ! « » Gründe wie Brombeeren ! « lachte er schlagfertig . » Das Höchste und das Schrecklichste kann man nur fühlen , nicht denken , noch weniger aussprechen . Wie beschränkt ist überhaupt unser Anschauungsvermögen ! Daher die Unmöglichkeit , eine ferne Zeit naturgetreu nachzuempfinden . Darin war die naive Renaissance uns voraus , die das instinktiv fühlte und sich wenig Skrupel machte , wenn sie Pharao ' s Tochter einfach als irgend eine Herzogin von Ferrara mit ihrer Hellebardier-Garde und die Hochzeit zu Cana als das Gastmahl irgend eines Loredano oder Contarini malte . « Da die Brunhilde spürte , daß sie auf diese Weise nie Oberwasser für ihre geplante Mentorrolle gewinnen könne , wenn man bei allgemeinen Gegenständen blieb , so lenkte sie das Gespräch auf Leonhart ' s krankhafte Reizbarkeit und Empfindlichkeit . Die solle er sich endlich abgewöhnen . Sie selbst lache nur über die Verleumdung der Welt . ( Diese schien ihr allerdings gut anzuschlagen , wie ihr elegant geschnürtes Embompoint bewies . ) » Jeder Aerger über die Welt zeigt doch nur Kleinlichkeit . « » Hm , seltsam genug , daß des Weltgebieters Napoleon ganzer Hofstaat vor dem Tage zitterte , wo er die englischen Blätter erhielt . Dann gerieth der Empereur in unzurechnungsfähige Wuth . Und Bismarck , der jeden schimpfenden Rotzbuben in Posemuckel gerichtlich belangt und durch seine Bismarck-Beleidigungs-Anträge seine Größe herabwürdigt ? Allerdings , einen vornehmen Mann hat es gegeben , der die Leute lächelnd schimpfen ließ : Friedrich - der aber darum mit Recht auch der Einzige heißt . « » Jaja , der hatte eben ein reines Gewissen . « » Oder er war ein zu großer Menschenverächter und Skeptiker , hatte auch ein kühles Naturell und die natürliche Vornehmheit eines Purpurgeborenen . Uebrigens warf auch er der Maria Theresia heftig ihre Wiener Schmähschriften vor . - Doch haben Sie Recht : Das Toben auf die Welt und das ewige Geärgertsein zeigt ein schlechtes Gewissen , mindestens einen krankhaften Gemüthszustand . Allein , wessen Gewissen ist denn rein , wessen Gemüth ist gesund ? Es ist eine Schande feig zu sein . Und doch habe ich Wenige getroffen , die sich nicht vor der Verleumdung schwer gefürchtet hätten , die nicht danach ängstlich umgespäht hätten , was die Leute sagen . Geradezu komisch wird dies , sobald es sich um sinnliche Ausschreitungen handelt . « » Ja , sinnliche Ausschreitungen - da wird am meisten geheuchelt ! Sagen Sie mal , finden Sie es nicht eigentlich unverschämt , daß die Welt sich über dergleichen ein Urtheil erlaubt ? Mischt sich doch in gewissen Fällen sogar die hohe Obrigkeit des Gesetzes ein ! « » Ah , doch nur , wenn öffentliches Aergerniß gegeben wird und die betreffende Ausschreitung einer andern Person zum Schaden gereicht . « » Allerdings , im Ganzen wohl . Doch giebt es ja Fälle , wo der Staat sich einmischt , ohne daß - - Sehn Sie z.B. , « sie sah ihn keck an und warf herausfordernd den Kopf in den Nacken . » Da soll es unter Frauen z.B. die Lesbische Liebe geben . Ich habe mir das erklären lassen . Hat wohl das Gesetz irgend ein Recht , sich in solche Dinge hineinzumischen ? « » O ja ! « erwiderte Leonhart trocken . Er erinnerte sich , daß man von der Dame behauptete , sie habe zwei junge Mädchen auf diese Weise zu Grunde gerichtet . » Das kann auch Andere schädigen . Natürlich ändern sich die Sittengesetze . In der alten Welt war das erlaubt . Siehe Sappho ! « » Ach ja , die soll ja auf Lesbos geboren sein ! « Die Augen Aureliens funkelten in einem eigenthümlichen feuchten Glanze . Leonhart hatte genug . Er erhob sich plötzlich und bedauerte unendlich , nicht länger dem Genuß ihrer Unterhaltung fröhnen zu können . Sein Arbeitstisch rufe ihn . Mit einigen oberflächlich galanten Redensarten setzte er sie an die Luft und fand ebenfalls Ausflüchte , als sie mit nochmaligem Besuche drohte . Ein Zucken um ihre sinnlichen Lippen bewies ihm , daß die Brunhilde ihn recht wohl verstand . V. » Ja , liebster Herr , das wird eine schlimme Geschichte . « Leonharts Rechtsanwalt , Isidor Knaller , klatschte sich auf sein emporgezogenes Knie . » Das giebt zwei faule Preßprozesse . Doch wie ich mir denke , ist Ihnen das ganz Recht . Macht ja Reklame . « » Danke schön . Mir sind meine Nerven wichtiger Ich bin verzweifelt . Schon wieder