; so ging sie , um Fragen zu verhüten , vor denen sie bangte , selbst zu Fragen über . » Hast du Briefe ? « sagte sie . » Ich meine Briefe von Kathinka . « » Nicht Briefe , aber flüchtige Zeilen . Ich empfing sie vorgestern , den Tag vor unserer Abreise . « » Und von wo ? « » Von Myslowitz , einem Städtchen an der Grenze . Die Güter des Grafen sind in der Nähe . « » Darf ich wissen , was sie schreibt ? « » Ich habe keine Geheimnisse , Renate . Und hätt ich sie , so würd es mich glücklich machen , sie mit dir teilen zu können . « » Ich dürste nie nach Geheimnissen , aber ich bin voller Verlangen , von Kathinka zu hören . Bitte , lies . « Und Tubal las : » Myslowitz , 4. Februar Mein lieber Tubal ! Wir gehen morgen über Miechowitz und Nowa-Gora auf Bninskis Güter . Ein katholischer Geistlicher wird uns begleiten . Ich gedenke ( Bninski wünscht es ) in unsere alte Kirche zurückzutreten . Es ist nichts in mir , was mich daran hindern könnte ; alles in allem gefällt mir das Römische besser als das Wittenbergische . Schreibe mir bald . Ich bin begierig , von Euch zu hören , von allen . Ich denke stündlich an Papa und jetzt oft auch an unsere Mutter . Du begreifst . Bninski will nach Paris ; er ist , wie ich ihn mir gedacht , und ich bin glücklich , ganz glücklich . Freilich ein Rest bleibt . Ist es unser Los oder Menschenlos überhaupt ? Deine Kathinka « Eine Pause trat ein . Dann sagte Renate : » Und diese Zeilen sollen dich nun begleiten . Es ist schön , ein liebes Wort mit hinauszunehmen . Aber nicht ein solches . Es klingt so trüb und traurig . « » Ach , Renate , daß ich ein tröstlicheres Wort mit mir nehmen könnte . Sprich es . Du weißt , was mich zu hören verlangt . « Sie schwieg . Tubal aber fuhr fort : » Ich weiß , warum du schweigst . Es fehlt uns etwas in den Herzen der Menschen , das ist unser Verhängnis . Meinen Vater hat es getroffen und ihm am Leben gezehrt , und nun trifft es mich . Es ist , als ob wir etwas verscherzt hätten . Einen Augenblick schien es , daß es anders werden sollte ; da fällt nun dies in unser Leben hinein . Und wieder ist es hin . Altes und Neues zeugt gegen uns , und das Ja , das ich zu hören verlange , will nicht über deine Lippen . « Da war nun das » Selbstbekenntnis « , das Marie am Abend vorher erst prophezeit hatte , und der leise Spott ihrer Worte klang schmerzlich in Renaten nach . Aber einen Augenblick nur , dann war es überwunden , und alles , was sich jemals zu Tubals Gunsten in ihrer Seele geregt , es war wieder da , doppelt da unter dem Einfluß eines tiefen Mitgefühls , das seine Worte geweckt hatten , und mit jener Offenheit und Heiterkeit , die den Zauber ihres Wesens ausmachte , sagte sie : » Höre mich , Tubal , ich will dir nichts verschweigen . Lewin und ich , wir haben es oft miteinander durchgesprochen , auch gestern erst . Euer Los ist nicht das schlimmste . Eines ward euch versagt , ein anderes ward euch gegeben . Und dies andere ... « Sie schwieg . Er aber ergriff ihre Hand und rief , indem er sie mit Küssen bedeckte : » O diese deine Hand , daß ich sie halten dürfte mein lebelang , immer , immer . « » Ich werde sie keinem andern reichen . Aber verlange von dieser Stunde nicht mehr , und am wenigsten binde dich . Ich , ich bin gebunden . « » O sage , daß du mich liebst , Renate . Sprich es , es hängt so viel an diesem Wort . « » Nein , nicht jetzt . Es sind nicht Zeiten für Bund und Verlöbnis oder doch nicht für uns . Aber andere Zeiten kommen . Und hast du dann das eigene Herz geprüft und das meine vertrauen gelehrt , dann , ja dann ! « Elftes Kapitel Hohen-Ziesar Der Ausflug zu Drosselstein war auf zwei Uhr festgesetzt worden . Schon vorher hatten sich Berndt und Bamme verabredet , den Weg ihrerseits zu Pferde zurücklegen zu wollen . Der alte General auf seinem Shetländer . Ihnen gesellte sich Tubal , der , nach dem Vormittagsgespräche , von einer ihm selber unerklärlichen Scheu befallen war , die Fahrt an Renatens Seite zu machen . Er schien unsicher , welchen Ton er anzuschlagen habe . Oder war es ein anderes noch ? Die Reiter nahmen einen Vorsprung . Sie konnten indes den Stein vor Miekleys Mühle kaum passiert haben , als auch schon das Schlittengespann vorfuhr , das die Geschwister samt Grell und Hirschfeldt nach Hohen-Ziesar hinüberbringen sollte . Jeetze stand mit Decken und Kissen bereit , Lewin nahm die Leinen , und einen Augenblick später zogen die Braunen an und trabten die stille Dorfgasse hinauf . Das Klingen der Glöckchen mischte sich mit der Heiterkeit unserer Reisenden , von denen Lewin auf der Pritsche ritt , während der auf einem bloßen Brettstück untergebrachte Grell die beständige Versicherung von der Bequemlichkeit seines Rücksitzes durch ein ebenso beständiges Hin- und Herrutschen widerlegte . Am plauderhaftesten war Renate . Sie fühlte sich glücklicher denn seit lange . Dasselbe Zwiegespräch , das in Tubal verlegen nachwirkte , war ihr über Erwarten hinaus eine Quelle des Trostes geworden . Was sie dem alten Geheimrat in der Bohlsdorfer Kirche gesagt hatte : » Du pochst nicht an die rechte Tür « , das war damals wie zu jeder Zeit der Ausdruck ihres Herzens gewesen . Solange sie Tubal liebte ,