sie sich glücklicher , als in der Liebe dieser Frau gefühlt , und eben durch das flüchtige Glück heraufbeschworen , trat das Schrecken ihrer Vergangenheit plötzlich wieder dämonisch vor sie hin . Sie kämpfte einen bittern , schweren Kampf . Das menschlich berechtigte Verlangen , einmal in ihrem Leben ihr Herz zu entlasten , die Scheu es auszusprechen , was sie erlitten und gefehlt hatten , und vor Allem die Sorge , der kranken Angelika ein Mitwissen und einen Schmerz aufzuladen , welche für sie , für Gerhard ' s Schwester , schwerer als für jeden Andern zu tragen sein mußten , stritten in Seba ' s Inneren mit wechselnder Gewalt , aber die Liebe für Angelika trug über jedes selbstsüchtige Verlangen den Sieg davon , und matt und wie erschöpft von ihrem stillen Ringen und Selbstüberwinden , sagte sie : Die Stunde ist nun da , vor der mir oft gebangt hat und in der ich auf Deine Liebe verzichten oder fordern muß , was nur große Liebe gewähren kann ! Glaube , daß ich nicht unwerth bin der Liebe und des Vertrauens , deren Du mich würdigst ; glaube , daß sie mein Glück , mein höchstes Gut sind - aber frage mich Nichts ! In ernstem Schweigen blieb sie an der Seite der Baronin sitzen . Angelika war auf einen solchen Ausgang nicht gefaßt gewesen . In ihr Mitleid mit der Freundin mischte sich ein Gefühl der Kränkung . Sie war es nicht gewohnt , sich zurückgewiesen zu sehen , und was konnte , was mußte zwischen ihrem Bruder und Seba vorgegangen sein , daß diese vor der Erinnerung mit so kranker Scheu zurückwich ? Sie mochte die Gedanken nicht verfolgen , welche sich ihr aufdrängten , und beiden Frauen kam das Dazwischentreten des Caplans gelegen , der , eben heimgekehrt , gleichzeitig mit den brieflichen Nachrichten des Freiherrn auch ein Schreiben der Gräfin Berka erhalten und diese nun beide der Baronin zugänglich zu machen hatte . Angelika war sehr ergriffen , als sie zum ersten Male wieder ein direktes Lebens- und Liebeszeichen der Ihrigen erhielt . Und ich sollte meine Leiden nicht segnen , ich sollte nicht erkennen , daß die Vorsehung ihre wundersamen Wege hat und daß sie uns für unsere Schmerzen himmlische Belohnungen zu bereiten weiß ! rief sie , während ihre bebenden Hände die Briefe ihrer Eltern an ihre Lippen drückten und ihre Augen in Freudenthränen glänzten . Ja , gewiß , es gibt wunderbare Ausgleichungen und Herzenstrost , wenn man desselben eben nöthig hat ! - Sie mochte kaum bedenken , wie wehe sie Seba mit diesen Worten that , denn die ganze Rücksichtslosigkeit des Glückes war über sie gekommen ; aber der Caplan sah die Niedergeschlagenheit in des Mädchens Mienen , und es entging ihm eben so wenig , daß die Baronin den Ausdruck ihrer Freude nicht so ausschließlich wie sonst an ihre Freundin richtete . Es mußte etwas zwischen ihnen vorgefallen sein , es mußte sich ein Zwiespalt zwischen ihnen aufgethan haben , und dem Geistlichen kam dies nicht unerwünscht ; denn die Gesellschaft eines Freidenkenden , eines Zweiflers hat , selbst wenn er seine Meinungsäußerung zurückhält , immer ihre Gefahren für die Ruhe eines Herzens , das man in den Banden des zweifellosen Glaubens und in den geistigen Schranken festzuhalten wünscht , in welche der kirchliche Zwang die Seelen bannen muß , um seine Gewalt über sie nicht zu verlieren ; und ohne den Anschein der Neugier auf sich zu laden , hatte der Caplan dennoch in den verschiedenen Unterhaltungen mit Madame Flies und mit der Kriegsräthin den Namen des Mannes erfahren , welchen Seba geliebt hatte . Er war , wie Seba ' s Wesen sich ihm kund gab , für sein Theil überzeugt , daß sie dem Grafen näher gestanden , als ihre Eltern und ihre Freunde wußten , daß sie ihre Unschuld an ihn verloren habe und daß eine Festigkeit und Abgeschlossenheit wie die ihrige nicht aus einem jungfräulich unentweihten Herzen erwachsen konnten . Aber weit mehr als die kleine Verstimmung , welche die Freundinnen gegen einander augenblicklich hegten , seinen Absichten entsprach , war die Versöhnung mit ihrer Familie ihm für Angelika bedenklich , und er fragte sich , ob in diesem Falle es nicht geboten sei , die Freundschaft und den Zusammenhang seines Beichtkindes mit Seba zu begünstigen , um in dieser ein Gegengewicht gegen den Einfluß zu gewinnen , den der erneute Verkehr mit ihrer Familie auf die Baronin auszuüben nicht verfehlen konnte . Er hielt es für wahrscheinlich , daß die Gräfin Berka die liebevolle Hingebung der Baronin an die Tochter ihres Juweliers sehr auffallend finden und nicht billigen würde ; er sah es voraus , daß bei dem Grade von Selbstständigkeit , den die Baronin eben jetzt gewonnen hatte , ein Widerspruch ihrer Familie sie nur fester an Seba binden müsse , und er hielt es für gut und heilsam , wenn sich gleich Anfangs irgend ein trennendes Element zwischen sein Beichtkind und dessen protestantische Angehörige stellte , wenn dem Herzen der Baronin auch von dieser Seite kein volles Genügen geboten , wenn ihr vielmehr Hindernisse und Beunruhigungen in den Weg gestellt wurden , welche zu beseitigen , zu beschwichtigen und tragen zu helfen , sie ihres religiösen Glaubens und seines Beistandes nöthig haben mußte . Da der Freiherr es von dem Ermessen des Caplans und von den Wünschen der Baronin abhängig gemacht hatte , in welcher Weise das Wiedersehen mit ihren Eltern ausgeführt werden sollte , erklärte Angelika sich sofort bereit , auf den Vorschlag ihrer Mutter einzugehen , die sich erboten hatte , die Tochter holen zu kommen und sie selber nach Richten zu geleiten , wo der Vater sie erwarten und wohin die übrigen Familienmitglieder sich erst begeben sollten , wenn das Befinden der Baronin ohne Nachtheil den Verkehr mit einem größeren Menschenkreise zulassen würde . Ein reitender Bote des Grafen hatte die Anfrage und das Anerbieten der Gräfin überbracht und sollte den Bescheid der Tochter mit zurück