Geschichte in ihr suchen . Denn der geschichtliche Buchstabe ist unwahr , solange nicht der Geist ihn lebendig macht und in das gebrochene rückstrahlende Licht des Gleichnisses stellt . Selbst das alte Wirtshaus zur Sonne wird der Wanderer vergebens suchen , und da ein solches Haus mit stattlichem Giebel nicht so leicht aus der Reihe der Gegenstände verschwindet , so mag er vermuten , daß er das Ebersbach dieser Volksgeschichte anderswo zu suchen habe . Darin hat er auch gewissermaßen recht : der Flecken , der eine begabte Jugendkraft nicht zu ihrer Entfaltung kommen ließ , erstreckte sich noch vor weit kürzerer Zeit als vor hundert Jahren über ganz Deutschland und besonders über den Süden desselben , und der Berg unseres alten Reiches mit seinem öden Gipfel wurde viel weiter im Umkreise gesehen als er zwischen der Rems und Fils in die Landschaft ragt . Der Erzähler , der aus Erfahrung weiß , daß alte Häuser nicht so schnell verschwinden und daß alte Wahrzeichen von einer neuen Zeit nicht so leicht auszurotten sind , hat in einem freundlichen Gasthause eines ansehnlichen Fleckens in jener Gegend , wo man die alte Sonne mit vielen Laternen nicht finden würde , ein übriggebliebenes Wahrzeichen von ihr entdeckt . Aber er wird seinen Fund hier nicht verraten ; denn der Beobachter ist nicht überall angenehm , und der Knabe , der nicht weit davon im Zimmer an einem Tische , worauf eine Rute lag , seine Aufgabe lernte , behauptete , das Rütlein sei nicht für ihn . Angelegenheiten eines einzelnen Hauses , die das öffentliche Recht und Wohl nichts angehen , muß man beruhen lassen . Der Besitzer des Hauses , der nicht Schwan heißt , sondern einen anderen guten Namen führt , ohne sich jedoch des armen Friedrich Schwan zu schämen , mag dem Wanderer von der alten Sonne selbst erzählen , soviel ihm beliebt . Daß der Schild des Hauses geändert wurde , ist schon lange her , wohl fünfzig Jahre , und fällt dem damaligen Besitzer nicht einmal zur Last . Denke man sich , er habe vielleicht einen Sohn gehabt , den der Volkswitz - man weiß , wie die Leute sind und wie sie gar in früherer Zeit waren - nach jenem berüchtigt gewordenen Namen den » Sonnenwirtle « hieß : bei dem besten Bewußtsein des Sohnes und der Eltern konnte die Bezeichnung , wie sie nun einmal für den Flecken klang , der keine Ehrenkrone darin zu sehen gewohnt war , auf die Länge so unleidlich werden , daß man lieber den Namen des Hauses änderte . Eine beschränkte Umgebung hindert ja auch den Unbefangensten , das Leben frei anzuschauen und frisch hineinzugreifen . In kleinen Verhältnissen ist dies nicht so leicht zu ändern . Ein Volk aber soll seine Wahrzeichen nicht wegwerfen , und ein Wahrzeichen ist ihm nicht bloß sein Liebling , auf den es stolz ist , ein Wahrzeichen ist ihm auch der Verbrecher , dessen es sich schämt . Wir mögen ihn verwünschen und verfluchen , wir mögen ihn aus der Gesellschaft und aus dem Lande stoßen , wir mögen ihn in der Gruft des lebenslangen Kerkers begraben oder mit der Maschine töten , die uns ein wenig von der Bildung und noch , mehr von der selbsttätigeren Kraft unserer Vorfahren unterscheidet - eines können wir ihm nicht nehmen , ein Gepräge können wir nicht an ihm vernichten . Wir müssen bekennen : Er war unser . Noch einmal den Vorhang auf und nun das letzte Bild . 39 Rein und tiefblau , wie er nur in den Mittsommertagen ist , wölbte sich der Morgenhimmel über der alten winkeligen Stadt . Die Sonne brannte schon in den ersten Morgenstunden und verkündigte einen heißen Tag . Auf dem Marktplatz vor dem Rathause stand die Menge dicht gedrängt , in gedankenloser Neugier ein trauriges Schauspiel erwartend , das ihr Ersatz für die geistigen Bedürfnisse bieten sollte , die sie durch die sonntägliche Predigt und durch die spärlichen bürgerlichen Vorkommnisse nicht zureichend befriedigt fühlte . Sie konnte nicht nach ihrer Weise hin und her wogen , denn es waren ihrer zu viele , die in festgekeilter Masse geduldig ausharren mußten und nach den Rathausfenstern emporsahen . Endlich glaubte man an den Fenstern eine Bewegung wahrzunehmen , und die Bewegung teilte sich alsbald der Menge mit , die nach der Türe des Rathauses drängte . Ein Bürger , der den Zuschauern im Saale droben vorausgeeilt war , stürzte heraus . » Es wird gleich angehen « , antwortete er auf die Fragen der vordersten , die ihn bestürmten : » aber das ist ein Mensch ! Ihr hättet ihn sehen sollen , wie man ihm das Urteil vorgelesen hat . Alles hat gezittert , das ganze Gericht ist erblaßt , nur er ist allein ruhig und unerschrocken dagestanden , und wie ' s im Urteil geheißen hat : der Erzböswicht ! hat er mit lauter Stimme und lächelnd gesagt : Der bin ich gewesen . « Eine noch stärkere Bewegung kam unter die Menge , welche das Geräusch der Kommenden aus dem Innern des Rathauses vernahm . Sie wich zurück , denn die ersten , die herauskamen , waren Gerichtsdiener , die sie barsch und grob auf die Seite trieben . Auf diese folgte , von Wachen umgeben , gefesselt und gebunden , der arme Sünder , der aber nicht wie ein solcher aussah . Sein Gang war ruhig , wie der eines Bürgers , der seinen Geschäften nachgeht , seine Haltung aufrecht , aber nicht gezwungen , und nur die Blässe seines Angesichts und der eigentümliche Glanz seiner Augen verriet , daß etwas in ihm vorging , wovon die Menschenmenge , die ihn neugierig betrachtete , nach ihrer Art kaum eine Ahnung haben mochte . Fest und kühn blickte er in die Augen der Kopf an Kopf geschichteten Menschen , durch deren Reihen er den letzten düstern Weg zur Freiheit gehen sollte . Er blieb stehen , um seine Schicksalsgenossen zu erwarten . Wiederum machte sich