Vorplatz des Mausoleums bedeckte eine zahlreiche Menschenmenge , welche nicht die Neugier allein , sondern auch so ein dankbares Erinnern herbeigezogen hatte , denn die Verstorbne war die Wohltäterin vieler Bedürftigen gewesen . Die Pforten des Gewölbes waren aufgetan , zu beiden Seiten standen die festlichgeschmückten Jungfraun im Halbkreise . Cornelie gesellte sich , sobald sie mit dem Oheim auf der Höhe anlangte , zu ihnen . Er ließ seinen Sessel der Pforte gegenüberstellen , und erwartete den Zug , dessen Annahen die in immer dichteren Haufen den Berg heraufdringenden Menschen verkündeten . In der Mitte des Platzes war mit leichten Stäben ein freier Raum für den Sarg , seine Träger , den Prediger und die Schulkinder abgesteckt worden . Siebentes Kapitel Sobald der Sarg niedergesetzt war , und die wogenden Menschenwellen , welche nun nicht allein den Platz oben , sondern auch alle Abhänge des Berges überfluteten , sich beruhigt hatten , erhoben die Jungfraun ihre Stimme , und sangen den Psalm ab , dessen gehaltne , ernste Melodie die Herzen noch tiefer angerührt haben würde , wenn nicht das vom Weiher herklingende Geräusch der heftigarbeitenden Dampfmaschine den sonderbarsten Gegensatz zu jenen frommen Tönen hervorgebracht hätte . Nach beendigtem Gesange trat der Prediger zum Sarge , verrichtete das Gebet , und knüpfte an dasselbe folgende Worte : » Ihr seid es von mir schon längst gewohnt , meine Zuhörer , daß ich euch in meinen Vorträgen nicht zwischen die Dornenhecken dunkler Glaubenslehren , nicht auf die kalten leeren Höhen spitzfindiger Grübelei zu führen pflege , weil ich der Meinung bin , daß das Christentum , ist es echter Art , dem Blute gleichen müsse , welches , mit den Werkzeugen des Lebens verbunden , sie in ungetrennter Gemeinschaft durchdringend , ihnen eben gerade das Leben schafft , während dasselbe , von jenen Werkzeugen getrennt , für sich allein nicht bestehn kann , vielmehr dann bald sich scheidet , gerinnt und verdirbt . Ich liebe es daher , euch aus noch so geringfügig scheinenden Gelegenheiten , aus eurer Arbeit und aus eurem Gewerbe , aus den kleinsten Vorfällen eurer Hauswesen , die Quellen der Erbauung zu öffnen , und bestrebte mich , den Gott , welcher jedem erscheinen muß , wenn er das Samenkorn in die Erde legt , oder sein Tagewerk am Webstuhle vollendet hat , vor aller Augen zu enthüllen . Laßt mich also auch an dieser Bahre meines Brauchs pflegen , laßt uns nicht in allgemeinen Todesbetrachtungen , welche ohne Frucht und unnütz sein würden , sondern in dem besondern Hinblicke auf den Fall , welcher uns hier zusammengeführt hat , unsre Gedanken vereinigen ! Es ist ein Gerede unter den Menschen , daß Mäßigkeit , Nüchternheit , Vorsicht , die heilsame Kälte , welche die Schritte erwägt und den Fuß nicht eher zum Weitergehn aufheben mag , bis man habe , wo man ihn niedersetze , daß diese Dinge , sage ich , zwar gute und einträgliche Eigenschaften seien , daß sie aber zu höheren und seltneren Gewinnen nicht hinzuführen vermögen , und daß sie namentlich den Menschen , welcher mit ihnen begabt ist , unfähig zu den sanften und warmen Empfindungen machen , auf welchen die Liebe ihr schönes Gebäude gründet . Man nennt die Verbindungen , welche nicht im Rausche der Leidenschaft geschlossen werden , Scheinbündnisse , man glaubt , daß bei ihrer Eingehung nur der Trieb der Gewohnheit oder eine herzlose Berechnung obgewaltet haben könne . Sehet hier ein Beispiel von der Nichtigkeit dieses Redens und Meinens ! Über die Jünglingsjahre längst hinaus , ohne stürmische Aufwallung , bedächtig das Wichtige überlegend , knüpfte der verehrte Mann , um den uns eine fromme Feier versammelt hat , das Band , dessen Unzerreißbarkeit eben diese Feier aussprechen soll . Wohl allen denen , welche einander im Augenblicke der ersten , oft so oberflächlichen Bekanntschaft die Ewigkeit ihrer leichtentstandnen Aufregung versichern , wenn sie mit der Innigkeit verbunden blieben , welche hier dem ruhig gegebnen und empfangnen Worte folgten ! Sämtlich sind wir Zeugen gewesen der Zucht und Einigkeit , des Vertrauens und des Glücks , aller der Gnaden und Segnungen , welche diese wahrhaft gottgefällige Ehe schmückten . Aber nicht genug , daß sie auf Erden die Bestimmung der göttlichen Einrichtung - das Bild der vollkommnen Menschheit durch zwei darzustellen - im genügendsten Maße erfüllte ; auch über das Grab hinaus reichten ihre Einflüsse und Wirkungen . Die Gattin scheidet , und der Zurückbleibende richtet seine Blicke beharrlich der Entschwundnen nach . Fest die Zügel der ihm überwiesenen irdischen Angelegenheiten haltend , blüht ihm doch nur noch Genuß in der Sehnsucht nach ihr , welche seine Augen nicht mehr schauen ; sein Gemüt entbrennt zu dem schönen Werke in Erz und Marmor , welches nun vollendet vor uns steht , die sterbliche Hülle der teuren Schlafengegangnen aufzunehmen , an deren Seite er selbst dereinst ruhen will . Sanften Trost empfindet er in diesen Beschwichtigungen , womit unser von Wolken überdecktes Auge sich die Ewigkeit und ihre Geheimnisse anzunähern versucht . Wenn andre Menschen von dem Weine und Brote leben , dessen sie genießen , so läßt sich von unsrem Freunde behaupten , daß ihn die Erinnerung speiste und die Hoffnung tränkte . Nehmet denn , ihr Ehelich-Verbundnen , oder die ihr in diesen Stand treten wollt , von solchem Vorgange ein Muster der Nachahmung ! Jenes stille Heiligtum , welches heute seine Weihe erhält , der Sarg und der lebende Freund - sie mögen in eurem Herzen Gelübde erzeugen , würdig des Wortes , welches der Apostel sprach : Wer sein Weib liebet , der liebet sich selbst . In dieser allesumfassenden Liebe zu einem zweiten Wesen ist der Inbegriff jeglicher sittlichen Veredlung gesetzt , der Mensch löset sich von der Selbstsucht ab , und empfängt dadurch sein Innres erhöht und gereinigt zurück . Ja , meine Freunde ... « Ein dumpfes Geräusch , wie von dem verworrnen Durcheinanderreden vieler Menschen , ließ sich in der Ferne vernehmen . Es kam aus der Gegend