kämpfte , für eine Sache , der der Vater nach seinen Ansichten keinen glücklichen Fortgang wünschen durfte , und während doch auch der Gedanke an das Mißlingen des überkühnen Unternehmens ihn des Sohnes wegen mit Furcht erfüllen mußte . Es lastete also zwiefach drückend die Sorge , welche Wendung wohl dieser Krieg nehmen werde , auf seiner Seele . Blieben die Franzosen auch in diesem Kampf Sieger , so war auf lange Zeit jede Hoffnung zur Befreiung Deutschlands verschwunden , und wurden sie dort im hohen Norden vernichtet , welch Schicksal theilte dann sein Sohn ? Diese Gedanken , die dem Grafen immer wiederkehrten und die selbst der Anblick des heiteren , schönen , sich schnell entwickelnden Kindes nicht zerstreuen konnte , raubten ihm die milde , gleichmäßige Stimmung , die sonst in jedem Kummer ihn zur Stütze und zum Troste seiner Familie machte , und er war viel allein , um nicht durch seinen Trübsinn den Kummer der Andern zu erhöhen . Jetzt erfuhr man durch die Zeitung , daß eine große , furchtbare Schlacht bei Borodino geschlagen war , worin sich die Franzosen Sieger nannten und in deren Folge Moskau in ihre Hände fallen mußte . Ein zwiefaches Entsetzen erregte diese Nachricht in dem Grafen . War dann auch Rußland verloren ? Und was war in dieser entsetzlichen Schlacht aus Evremont geworden ? Denn von ihm trafen keine Nachrichten ein . Aber noch ein Mal sollte der Balsam des Trostes die geängstigten Herzen erquicken . Ein Courier , der nach Paris eilte , ein Bekannter Evremonts , erfüllte sein dem Freunde gegebenes Versprechen . Er machte einen unbedeutenden Umweg und stieg einen Augenblick bei dem Grafen ab , um den bekümmerten Eltern ein Paket von der Hand des geliebten Sohnes zu übergeben und zu versichern , daß er ihn gesund verlassen habe , ob dieß gleich beinah ein Wunder zu nennen sei , weil er sich rücksichtslos allen Gefahren des furchtbarsten Kampfes ausgesetzt habe . In Evremonts Briefen war der Eindruck nicht zu verkennen , den die neuesten Ereignisse auf seine Seele gemacht hatten . Sie waren ernst , und kein Strahl der jugendlichen Heiterkeit leuchtete darin , womit er sonst von überstandenen Gefahren sprach . Nach der Erwähnung des Kampfes bei Borodino sagte er : Ich habe viele Schlachten mitgefochten und habe den Tod in den Reihen der Krieger wüthen sehen , aber niemals bin ich Zeuge so entsetzlichen Blutvergießens gewesen , und ob wir gleich Sieger sind , so glaube ich doch , daß , wenn wir noch öfter ähnliche Schlachten erleben sollten , selbst das große Genie des Kaisers nicht hinreichen würde , um Mittel aufzufinden , bei so großen Opfern , wie solche Siege sie erfordern , nicht unterzugehen . In mir , fuhr er fort , wurden während der Schlacht und nach dem Kampfe , außer der Theilnahme an dem allgemeinen Leiden , noch Empfindungen erregt , die einen so tiefen Eindruck auf mein Gemüth gemacht haben , daß ich mich seitdem ernster fühle und daß es mir wenigstens jetzt noch scheint , als ob die Heiterkeit der Jugend dadurch auf immer in meiner Seele untergegangen sei . Der Kampf hatte schon einige Stunden gewährt , die feindlichen Kugeln streckten ganze Reihen nieder . Ein Regiment in der Nähe des meinigen war beinah vernichtet , als es den Befehl erhielt , sich mit meinen Truppen zu vereinigen und unter meiner Anführung weiter zu kämpfen . Der einzige übrig gebliebene Offizier führte mir den schwachen Rest seiner Mannschaft zu , und indem er sich mir näherte , um meine Befehle zu vernehmen , und ich , indem ich sie ihm geben wollte , ihn anblickte , erkannten wir uns beide und erblichen in demselben Augenblick , er vielleicht aus Schrecken , wie er mich erblickte , ich aus Abscheu und Entsetzen , denn es war Lamberti , der in Gemeinschaft mit seinen Brüdern mich hatte ermorden wollen , mit denen er mich wahrscheinlich in der Ueberzeugung verlassen hatte , daß ich wirklich todt sei , als Ihre Menschenliebe , mein theurer Vater , den schwach glimmenden Funken des Lebens in meiner Brust bewahrte , wie Sie mich , nachdem Jene entflohen , im Walde in Schlesien fanden . Wir starrten uns beide einige Augenblicke schweigend an . Endlich faßte ich mich und sagte ihm : Wir haben uns vielleicht über die Vergangenheit gegen einander zu erklären , doch ist dazu jetzt nicht der Augenblick ; Sie sind mir zugeordnet und wir bekämpfen heute in Eintracht den gemeinschaftlichen Feind . Er beugte sich ohne weitere Antwort und vernahm eben so stumm meine Befehle , die ich kaum noch Zeit zu ertheilen hatte , als unsere gemeinschaftlichen Regimenter zu einem neuen Angriff beordert wurden . Wir stürmten von Neuem auf die Feinde , und ich hatte Gelegenheit zu bemerken , wie dieser Lamberti mit Löwenkühnheit allen Gefahren Trotz bot , und ich mußte wenigstens den unbeugsamen Muth eines Menschen bewundern , den ich sonst alle Ursache hatte zu verabscheuen . Zuletzt in der Hitze des Gefechtes hatte ich ihn aus den Augen verloren und ich mußte ihn für todt oder verwundet halten , und konnte , da der Kampf bis zum Abend fortwüthete , nicht weiter an ihn denken . Endlich endigte die Nacht das mörderische Gefecht ; die Russen zogen sich zurück und wir blieben Herren des blutigen Feldes . Nach einer kurzen Erholung , als kaum der Morgen dämmerte , führten mich Dienstgeschäfte nach der Gegend des Schlachtfeldes zurück . Meine entsetzten Augen suchten den gräßlichen Anblick zu vermeiden , ich bog mit meinen Begleitern etwas seitwärts , wir wollten ein kleines Gebüsch umreiten , als ein Ton unser Ohr traf , der uns alle zugleich erbeben machte . Es war ein menschliches Geheul ; aber wenn das Wehklagen der Verwundeten , die nicht alle zugleich versorgt werden konnten , schon herzzerreißend war , so drückte sich in diesem Tone eine so gräßliche Verzweiflung aus , daß sich die Haare unseres Hauptes empor sträubten