Sokratische Philosophie und deinen eigenen Geist unentgeltlich zum Besten geben können . Das Glück thut äußerst selten so viel für Männer deines Schlages ; du bist weise genug , daß du es entbehren konntest ; aber Sokrates selbst hätt ' es schwerlich von sich gestoßen , wenn es ihm so ungesucht in die Arme gelaufen wäre . Musarion ist beinahe ein wenig ausgelassen vor Freude , und wirkt und webt und stickt mit ihren Mägden über Hals und Kopf , um ihre kleinen Amorinen auf deine Ankunft recht herauszuputzen . Auch Kleone nimmt ihren Antheil an unserm Vergnügen , und scheint kaum der persönlichen Bekanntschaft zu bedürfen , um eine so gute Meinung von dir zu hegen , als einem viel eitleren Mann als du bist genügen könnte . In der That kennt sie dich , da sie alle deine Briefe an mich gelesen und wieder gelesen hat , bereits so gut , daß ihre Phantasie nur sehr wenig von der kleinen Parteilichkeit , für dich zu verantworten hat , deren sie zuweilen im Scherz von Musarion und mir beschuldiget wird . Deine Neugier , ob das Bildniß , woran sie in dem Gemälde zu arbeiten scheint , einen Freund oder eine Freundin vorstelle , hätte mich beinahe vergessen gemacht , daß Kleone nicht weiß daß ich sie gemalt habe , geschweige daß du im Besitz dieses Bildes bist . Du siehest leicht , daß beides ein Geheimniß vor ihr bleiben muß , wenn sie in ihrer ganzen holden Unbefangenheit vor dir erscheinen soll . Uebrigens muß ich dir sagen , daß die nachdenkliche und theilnehmende Miene , die dir an ihrem Bilde aufgefallen zu seyn scheint , der gewöhnliche Ausdruck ihres Gesichtes ist , und eigentlich nichts weiter sagt , als daß sie sich immer in einem Zustande von Besonnenheit und reiner Zusammenstimmung mit der ganzen Natur befindet . Sie ist immer in sich selbst ruhend , aber immer bereit sich mit andern zu freuen oder zu betrüben . Ich kann mich nicht erinnern , sie jemals weder gleichgültig noch in Leidenschaft gesehen zu haben . Sie ist nichts weniger als zurückhaltend , und ich bin ihres Zutrauens zu mir so gewiß , daß ich es für unmöglich halte , daß sie irgend eine Neigung in ihrem Herzen nähren sollte , die sie vor mir oder Musarion verheimlichen müßte . Auf alle Fälle rathe ich dir indessen auf deiner Hut zu seyn . Denn wenn du sie in einem spangenhohen Bilde schon so anziehend findest , was wird es erst seyn , wenn du sie selbst in Lebensgröße siehest , und die Musik der Peitho hörest die auf ihren Lippen sitzt ? Dein edler Bruder , dem es an Zeit fehlt , dir selbst zu schreiben , ersucht mich dir zu melden , er habe alle Verfügungen getroffen , daß du bei deiner Ankunft , wenn sie auch so bald erfolgt als wir wünschen , deine beiden Häuser zu deinem Empfang bereit und ausgeschmückt finden werdest . 42. Antipater an Diogenes . Anstatt Aristippen mit diesem Briefe an dich zu belästigen , würde ich ihn selbst nach Korinth begleitet haben , wenn meine rhetorischen Uebungen bei Isokrates mich nicht an die Minervenstadt fesselten . Du wirst aus seinem eignen Munde vernehmen , daß er bloß nach Korinth gekommen ist , um von seinem und deinem Freund Learchus Abschied zu nehmen , und nach unsrer glücklichen Vaterstadt zurückzukehren , wohin ich mir nicht eher erlauben werde ihm zu folgen , bis ich mir bewußt bin , die Ausbildung unter den Griechen erhalten zu haben , die mich am geschicktesten machen kann , meinen Mitbürgern einst in öffentlichen Geschäften nützlich zu seyn . Diejenige Gattung von Beredsamkeit , worin Isokrates alle seine Mitwerber hinter sich läßt , die Kunst das Vertrauen und die Beistimmung der Zuhörenden mehr durch klare , leicht faßliche und zierliche Entwicklung der Sache zu gewinnen , als ihrer Einbildungskraft durch ein magisches Farbenspiel und eine künstlich verfälschende Beleuchtung nachzustellen , oder die Gemüther durch einen Strom von Bildern , Redefiguren und leidenschaftlichen Ergießungen mit sich fortzureißen - - ich sage , diese Gattung von Beredsamkeit , der es mehr um Wahrheit als Schein , mehr um Ueberredung als Ueberwältigung , aber weniger um Ueberredung als Ueberzeugung des Zuhörers zu thun ist , scheint für Republiken wie Cyrene ganz eigentlich gemacht , aber auch ein unnachläßliches Erforderniß zu einem Staatsmann in solchen Republiken zu seyn . In dieser Rücksicht ist vielleicht Isokrates selbst noch zu Attisch ; ich meine damit , er läßt sich von der angebornen Redseligkeit der Athener und ihrem leidenschaftlichen Hang zum Schönsprechen , natürlicherweise also von der Begierde auf diesem Wege zu gefallen , und seine Mitbürger durch schöne Bilder , zierliche Gegensätze , ausgesuchte Worte , und künstlich gedrechselte , dem Ohr schmeichelnde Perioden zu bezaubern , vielleicht mehr beherrschen als er sollte . Wenigstens möcht ' ich ihn , wie viel auch in der Kunst von ihm zu lernen ist , nicht ohne Einschränkung zu meinem Muster nehmen , wenn ich einst in Cyrene öffentlich zu reden haben werde . Aristipp hat mich daher aufgemuntert , auch Platons Schule fleißiger zu besuchen als ich bisher gethan habe . Er ist der Meinung , Platons Unterricht über Gesetzgebung und Staatsverwaltung - wiewohl er auch in diesem Fach alles auf idealische Vollkommenheit hinaufschraubt , könnte mir doch einen zwiefachen Nutzen schaffen : einmal , insofern es gut und sogar nöthig ist , das Höchste , wornach man streben soll , wenn man es gleich nie erreichen wird , wenigstens zu kennen , damit man den festen Punkt immer im Auge habe , dem man sich unverwandt zu nähern sucht ; und dann , weil Aristipp die scharfen Begriffe und strengen Grundsätze , an welche man sich bei Platon gewöhnt , für ein gutes Mittel hält , sich vor den willkürlichen Ansichten und bloß auf Meinung und Vortheil des Augenblicks gegründeten Vorstellungen , womit die Redner sich gewöhnlich behelfen , zu verwahren , die Redekunst