Hilsborn . „ O sehr gern ! Ich hatte so liebe Lehrerinnen und Freundinnen da . “ „ Dann tut es Ihnen gewiß recht weh , diese schöne Heimat verloren zu haben ? “ „ Meine Heimat ist jetzt bei Ernestinen . An ihrem Bette ist mir wohl und ich sehne mich nach nichts Anderem , weil ich nichts Anderes ersehnen darf . “ Hilsborn brach ein welkes Akazienblatt vom Baume . „ Ach , geben Sie mir ’ s , “ bat Gretchen . „ Ich will einmal sehen , ob Ernestine wieder gesund wird . “ Und sie zählte die Blättchen eines um das andere ab . „ Ja , nein , ja , nein , ja — sie wird genesen ! “ „ Kennen Sie Faust ? “ „ Nein , wir durften Goethe nicht lesen , die Vorsteherin erlaubte es nicht ! “ „ Ihre Namensschwester zupft dort auch eine Blume und tut eine Frage , aber eine andere ! “ „ Was denn für eine ? “ „ Sie fragt , ob sie geliebt sei ? “ Gretchen sah vor sich nieder . „ Haben Sie diese Frage nie gestellt ? “ „ Wie sollte ich ? Daß mein Vater mich lieb habe , meine Lehrerinnen und Freundinnen , wußte ich — und sonst kannte ich Niemanden . “ „ Und dennoch war Ihnen dies Blumenorakel nicht fremd ? “ „ Ei nun , man hat doch immer etwas zu erraten — ob man im Examen die erste , zweite oder dritte Note bekommt ? Ob morgen ein Brief vom Vater eintrifft ? Und dergleichen mehr ! Das ist nun Alles vorbei . Jetzt gibt es keine Blumen und keine Fragen mehr für mich . “ „ So herbstliche Gedanken müssen Sie nicht aufkommen lassen . Die Blumen werden wieder sprossen und in Ihrem Herzen wird sich manche holde Neugier regen . Sie werden wohl auch einmal zu wissen verlangen , ob Ihnen Jemand gut ist , wenn Sie es Jemandem sind . “ Gretchen sah ihn mit ihren braunen Augen ernst und innig an . „ Wenn nur Ernestine mir gut ist und — “ „ Nun , und ? “ „ Und Sie , dann verlang ’ ich weiter nichts ! “ „ Gretchen , glauben Sie , daß ich Sie lieb habe ? “ „ Ja , ich glaube es ! “ sagte das Mädchen treuherzig . „ Bei dem gütigen Gott , der in unsere Seelen blickt , Gretchen , ich glaube es auch ! “ rief Hilsborn und drückte ihren weichen Arm an seine Brust . Einen Augenblick standen sie sich so gegenüber in der nächtlichen Dämmerung , dann schritten sie weiter . Es war ein ungewöhnlich milder Herbstabend . Die schmale Neumondsichel stand über der dichten Tannengruppe , die den Hügel , Ernestinens Lieblingsplatz , krönte , wie ein leuchtender Diamant auf dunklem Haar . Gretchen blickte feuchten Auges hinein . „ Der Mond ist die Sonne der Unglücklichen , “ sagte sie plötzlich . „ Er ist das einzige Licht , welches verweinte Augen ertragen . Vor dem grellen Strahl der Sonne müssen sie sich schließen . — Zu ihm dürfen sie aufschauen mit all ihren Tränen . Wenn er am Himmel emporsteigt , ist der wahre Sonntag für den Ruhebedürftigen , denn dann rastet er von allem Weh des lärmenden Tages . Sie , lieber Herr , kommen mir vor wie der Mond . Sie sind so still und friedlich wie er . Vor allen Andern fürchte ich mich , ihr Anblick tut mir weh , ich komme mir so geächtet unter ihnen vor . Nur Sie , Sie sind mir vertraut und bei Ihnen kann ich mich ausweinen und ausruhen nach allem Jammer . “ „ Gretchen , “ sprach Hilsborn , „ das ist ein unermeßlich liebes Wort ! “ „ Ach ! “ fuhr das Mädchen fort . „ Sehen Sie das schöne Nadelholz , wie sich die zackigen Äste von dem silbernen Äther abheben . Wissen Sie , ich kann keine Tanne im Mondlicht sehen , ohne zu weinen . Es ist immer , als ob zwei Freunde , die nicht beisammen bleiben dürfen , sich zum Abschied küßten . Die Tanne will nichts von der Sonne wissen , sie grünt Winter und Sommer gleich und der Mond strahlt auch im Winter wie im Sommer gleich hell . Das haben sie Beide miteinander gemein , drum erscheinen sie mir wie treue , getrennte Freunde . Mein Vater summte mich , als ich klein war , oft in Schlaf mit einem uralten Liede , das er noch von seiner Mutter wußte . Ich wurde ausgelacht , wenn ich es in der Pension einmal sang und da verschwieg ich es , denn wer kann über ein Lied lachen hören , das ihm von Vater oder Mutter an der Wiege gesungen ward ? So kam es , daß ich es selbst allmählich vergaß , nur der erste Vers fällt mir wieder ein : „ Sieh , Doris , wie im Mondenschein die Tanne steht so schön ! “ 112 Das ist Alles , was ich noch davon weiß . Ich kann aber keine Tanne im Mondlicht mehr sehen , ohne an den Vater zu denken , wie er mich Abends summend auf den Knien wiegte , so weich und warm ! Und oft wollte ich ihn bitten , mir den Text aufzuschreiben , — aber nun ist er tot und das liebe ehrwürdige Wiegenlied mit ihm ins Grab gesunken . Ich kann ’ s mir nicht mehr zurückrufen — die süßen Stimmen , die in der Kindheit zu mir gesprochen , sind verklungen auf ewig ! “ Und das Mädchen ließ in tiefem Wehe den Kopf auf Hilsborns führenden Arm sinken und weinte still . So schritten sie nebeneinander her , lange , schweigend . Der Mond begann hinter den Tannen zu verschwinden und wo der Nachtwind die Zweige auseinander bog , schimmerte er hindurch .