des Erfolges beraubt hatte ; ich suchte nur den Punkt meiner Fehlbarkeit , weil ich zu hochfahrend war , mich für einen Pechvogel zu halten , und endigte , ohne klar zu sein , mit einem Seufzer nach Aufschub , den ich mir schon früher gewährt und nutzlos vertan hatte , soweit es den nächsten notwendigen Zweck betraf . Da saß ich nun , den Kopf abermals in die Hände begraben , und schweifte mit den Gedanken umher , bis sie in der Heimat anlangten und mir von dort aus die neue Sorge zusandten , daß die Mutter meine Lage ahnen und sich darüber bekümmern könnte . Ich hatte ihr sonst regelmäßig und in einem heitern Tone geschrieben , ihr allerlei von den fremden Sitten und Gebräuchen erzählt , die ich sah , und manche Schwänke und Schnurren eingeflochten , um sie aus der Ferne zum Lachen zu bringen und wohl auch mit meiner Fröhlichkeit großzutun . Sie antwortete mit treulichen Berichten über den Weltlauf zu Hause , und jeden Spaß vergalt sie mit einer Hochzeit oder einem Todesfall , mit dem Schiffbruch einer Haushaltung oder dem verdächtigen Glücke einer anderen . Auch der Oheim war gestorben , und die Kinder hatten sich zerstreut im verworrenen Getümmel der Heerstraße und zogen schon ihre Kinderkärrchen hinter sich her , gleich den Juden in der Wüste . Seit einiger Zeit waren jedoch meine Briefe seltener und einsilbiger geworden ; die Mutter schien sich zu scheuen , nach dem Grunde zu fragen , wofür ich ihr dankbar war , da ich doch nichts Rechtes zu melden wußte . Seit einigen Monaten hatte ich gar nicht mehr geschrieben , und sie hielt sich auch still . Als ich jetzt so in der Stille saß , klopfte es sachte an der Türe des äußeren Zimmers ; ein Kind kam herein und brachte mir einen Brief , der Schrift und Siegel der Mutter zeigte . Sie wollte die Ungewißheit oder vielmehr die Furcht nicht länger ertragen , daß es nicht nach Wunsch und Hoffnung mit mir stehe ; sie verlangte daher Aufschluß über meine Umstände und Aussichten , besorgte , daß ich bereits Schulden habe , weil sie von keinem Erwerb wisse und das kleine Erbe doch lange aufgebraucht sei . Für den Fall der Not habe sie einige Ersparnisse am Überflüssigen gemacht , die jetzt bereitlägen , ihren Dienst zu tun , wenn ich nur offen berichten wolle . Das Kind , welches den Brief gebracht , stand noch da , als ich ihn schnell gelesen ; ich hatte es beim Zeichnen des Jesuskindes in jener christlich-mythologischen oder geologischen Landschaft als Modell benutzt , um ihm die nötigsten Verhältnisse abzusehen , und da das Bild durch mein Herumsuchen zufällig in den Vordergrund geraten , so stand das Knäbchen vor demselben und sagte : » Das bin ich ! « indem es den Finger auf das Himmelskind legte . Durch diese anmutige Fügung erhielt der Vorgang einen übernatürlichen Anklang ; der kleine Träger der guten Botschaft erschien gewissermaßen als ein Abgesandter der göttlichen Vorsehung selbst , und sowenig ich an ein Wunder , etwa in Gestalt eines allgütigen Scherzes derselben , glaubte , gehe mir das kleine Abenteuer doch über die Maßen wohl und machte mir den mütterlichen Brief doppelt erquicklich . Es ist nicht anders zu sagen genau betrachtet mußte die gleiche Figur , mit der ich in dem Entwurf jenes Bildes eine tiefsinnige Ironie zu begehen der Meinung war , jetzt meine Angelegenheiten wenigstens mit einer artigen Parabel verzieren helfen , sie mit einem Bezuge auf das Unendliche veredeln . Alles schien jetzt gut und jede Erfüllung wieder möglich , ja wahrscheinlich zu sein ; keinen Augenblick zögerte ich , das Opfer anzunehmen , und schrieb meine Antwort etwas kleinlaut und doch offen und wohlgemut . Dabei ermangelte ich nicht , meiner wunderlichen Universitätsstudien zu erwähnen und dieselben als eine für die Gegenwart allerdings nachteilige , für die Zukunft aber doch irgendwie Nutzen bringende Störung darzustellen ; und schließlich landete ich wieder an dem Kap der guten Hoffnungen und Verheißungen . Als die Mutter diesen Brief empfing und ihn gelesen hatte , schloß sie die Stubentüre zu und ihren alten Schreibtisch auf und brachte aus dessen Fächern zum ersten Mal den Schatz ihrer Ersparnisse ans Licht . Sie fügte die Taler zu Rollen und diese zu einem unförmlichen Pakete , umwand es mehrmals mit starkem Papier und dieses mit Schnüren , beträufelte es überall mit Siegellack und drückte das Petschaft darauf , alles sehr unkaufmännisch mit überflüssiger Mühe , denn es war schon lange fest genug ; aber es war doch jedenfalls fest . Dann schob sie das schwere Paket in eine taftene Handtasche oder Retiküle , legte es auf den Arm und eilte auf Seitenwegen zur Post ; denn sie wünschte nicht gesehen zu werden , weil sie nicht gesonnen war zu antworten , wenn jemand sie befragt hätte , wo sie mit dem Gelde hinwolle . Mühselig und mit zitternder Hand streifte sie das seidene Säcklein von dem Geldkloben , reichte ihn durch das Schiebfensterchen und gab ihn mit einem Gefühl der Erleichterung aus der Hand . Der Beamte besah die Adresse , dann die Frau , machte seine umständlichen Verrichtungen , gab ihr den Empfangschein , und sie begab sich , ohne sich umzuschauen , hinweg , als ob sie soviel Geld jemandem genommen anstatt gegeben hätte . Der linke Arm , auf dem sie die Last getragen , war steif und ermüdet , und so kehrte sie etwas angegriffen in ihre Behausung zurück , stillschweigend durch ein Gedränge von Leuten , welche keinen Gulden für ihre Kinder hergeben , ohne damit zu prahlen , zu lärmen oder darüber zu jammern und zu klagen . Zu jener Zeit , als mein Oheim lebte und noch predigte , hatte er einmal gesagt : » Gott weiß wohl , welche Leute bescheiden und still sind und welche nicht , und er zwickt die letztern gelegentlich ein wenig , ohne daß sie wissen ,