bald genug in das Leben der Flies ' schen Familie hineingefunden und das Zutrauen der Eltern und der Tochter eben durch seine Zurückhaltung gewonnen . Er besaß alte Bekannte und Freunde in der Stadt , hatte mit seinen geistlichen Amtsgenossen , deren es mehrere an der katholischen Kirche des Ortes gab , von Alters her Verkehr , und da er außerdem in den Morgenstunden die Bibliotheken zu besuchen pflegte , während auch die noch immer nicht aufgegebenen Nachforschungen nach Paul einen Theil seiner Zeit beanspruchten , waren Seba und die Baronin nach den ersten Morgenstunden , in welchen Angelika mit dem Caplan die gewohnten religiösen Betrachtungen wieder aufgenommen hatte , sich bis zum Mittag selber überlassen . Eines Morgens hatten sie in dem hellen Sommerwetter lange und ruhig plaudernd bei einander gesessen . Man erwartete am folgenden Tage das Eintreffen von Mamsell Marianne , und die Heimkehr der Baronin sollte dann in kleinen Tagereisen vor sich gehen . Die Freundinnen hatten die Möglichkeit eines Wiedersehens besprochen , das durch den Umzug der Flies ' schen Familie nach der Residenz gar sehr erschwert ward ; ein ausführlicher Briefwechsel war verabredet worden , als die Baronin sich erhob , um , auf Seba ' s Arm gestützt , in den Gängen des Gartens umher zu wandeln . Man konnte dabei einige der Nachbarhäuser sehen ; die Baronin wollte wissen , wem sie gehörten , und plötzlich den Kopf nach dem Flies ' schen Hause zurückwendend , fragte sie , ob Herbert ' s Zimmer nach der Seite des Gartens gelegen wären . Herbert ' s Zimmer ? Also Sie wußten es , daß er in unserem Hause wohnt ? rief Seba und wurde roth , als habe sie sich ein Unrecht vorzuwerfen und als bereue sie den Ausruf . Zweifeltest Du daran ? entgegnete die Baronin ; sieh ' , da bin ich scharfsichtiger gewesen . Ich erkannte grade an der Sorgfalt , mit welcher Ihr es vermiedet , Herbert ' s vor mir zu gedenken , daß Ihr Alle wußtet , was ich für ihn empfunden habe , und ich hatte mir vorgenommen , es Dir zu sagen - denn weßhalb sollte ich es Dir verschweigen , da ich Dich wie eine Schwester liebe ? Sie verlangte sich niederzusetzen , und Seba meinte sie nie schöner als in diesem Augenblicke gesehen zu haben . Ihre Augen glänzten , obschon die Lider sie verschämt bedeckten , ihr Mund lächelte , während der Schmerz ihn leise umspielte , und es lagen in ihrer Stimme wie in ihrem ganzen Ausdrucke eine Unschuld und Wahrhaftigkeit , die etwas Ueberwältigendes für Seba hatten . Ich habe viel gelitten , liebe Seba ! nahm die Baronin das Wort : denn schön , wie die Empfindung war , die mich zu Herbert zog , war sie mir nicht mehr erlaubt . - Sie hielt wieder inne und sagte dann : Es war sein Mitleid mit mir , das mich rührte ; es waren seine Jugend und seine Warmherzigkeit , die mich zu ihm zogen . Ich trug eine Sehnsucht nach Liebe in der Brust , und ich vergaß , daß Gott nicht jedem Menschen die Erfüllung seiner Wünsche für zuträglich erkennt . Ich wollte glücklich sein nach meinem Ermessen , nicht das Glück erkennen , welches Gottes Rathschluß mir zuertheilt hat , und ich habe noch immer Stunden , in denen ich ohne den Beistand meines guten Beichtigers mich nicht auf mich selber verlassen könnte , obschon der Tod ein guter Lehrmeister ist und man in seiner Nähe mit neuen Augen sieht . Ich habe viel , recht viel gelernt , als ich mich ihm verfallen glaubte , und ich habe mit Gottes Beistand noch Vieles zu vergüten in der Welt . Auch Herbert habe ich Unrecht gethan und will versuchen , es ihn vergessen zu machen . Sage ihm das , Liebste , wenn Du ihn wiedersiehst , und - fügte sie mit tiefer Traurigkeit hinzu - Du sollst es wissen , Du ganz allein : ich fürchte , ich werde daran sterben , daß ich mein ungenügsam Herz und meine Pflicht nicht mit einander zu vereinen , daß ich mir nicht genügen zu lassen wußte . Seba hätte ihr Muth einsprechen mögen , aber sie vermochte es nicht . Eine Traurigkeit wie diese schien ihr über den Trost erhaben zu sein , und die Baronin hatte es auf einen solchen auch nicht abgesehen , denn sie ergriff Seba ' s Hand , schloß sie in die ihrige und sagte : Ich wollte Dir das gern sagen , liebe Seba , damit Du siehst , wie sehr ich Dir vertraue , wie ich Dich liebe und kein Geheimniß vor Dir haben will ! Aber - und sie schlang ihren Arm mit mädchenhafter Zärtlichkeit um Seba ' s Nacken - auch von Dir , Liebe , weiß ich mehr , als Du mir anvertraut hast , und auch das wollte ich Dir eigentlich sagen , ehe Marianne morgen kommt und ehe wir von einander gehen ! Seba bog sich zurück , daß sie sich von dem Arme Angelika ' s freimachte , sah sie mit starrem Auge an und sprach kalt und tonlos : Sie wissen Nichts ! Doch , Liebe , ich weiß ! sagte jene , die nicht fassen konnte , was mit Seba vorging . Aber diese ergriff die Hand der erschreckten Frau , und sie eben so schnell , als sie dieselbe erfaßt hatte , wieder von sich stoßend , rief sie hart und fest : So vergessen Sie , was Sie wissen ! Die Baronin verstummte ; Seba sah finster brütend vor sich nieder . Sie hatte es wohl vernommen , wie Angelika ihr unaufgefordert zum ersten Male das schwesterliche Du gegönnt ; sie hatte sich dessen gefreut , sie war gerührt worden von der Hingebung , mit welcher ihr die Baronin ihr Vertrauen gewährt hatte , um das ihrige zu erhalten . Nie hatte ihr Herz sich mehr befriedigt , nie hatte