genossen hat . O es ist eine ganz wunderbare Veränderung mit Lelio vorgegangen , und so wie er jetzt ist , ist er besser und edler , als er früher war . Ich nehme vorlieb mit den Menschen , wie sie eben sind , guter Fiorino ! allein deshalb dürfen Sie nicht wähnen , daß ich den Maßstab für höhere Naturen verloren hätte . Er rostet mir nur ein wenig ein , weil ich so äußerst selten ihn an jemand anlegen kann . « - Florentin wütete heimlich bei solchen Äußerungen Judiths und hatte zuweilen Lust , auf irgend eine Weise rächerisch störend einzugreifen in ihr Verhältnis zu Orest . Aber abgesehen davon , daß ihm bei Orests Leidenschaft für Judith die Unmöglichkeit einer Störung einleuchtete , versprach er sich durch ihre Ehe doch noch einen viel höheren Triumph seiner Ideen . Eine Apostasie , ein zerrissenes Eheband , eine jüdische Sängerin - und das alles im Hause der Windecker - welche Elemente des Fortschrittes , nach seinen Ansichten , waren nicht darin enthalten ! Vorderhand mußte er sich in sein Schicksal ergeben , bei den Ausflügen , die Judith in Roms Umgegend machte , und bei der Besichtigung der Altertümer , der Kirchen und Kunstwerke immer Lelio an ihrer Seite zu sehen . Dieser hatte ihr einen Musiker empfohlen , wie sie ihn für ihre Studien brauchte und auf ihre Einladung , sie oft zu besuchen , geantwortet : » Nein , Signora , die Welt , die Sie umgibt , ist meine Welt nicht mehr . Ich suche die Sprache zu vergessen , die man dort spricht ; der Gedanken mich zu entschlagen , die dort herrschen ; den Bestrebungen mich zu entziehen , die dort verfolgt werden . Kann ich Ihnen aber als Cicerone dienen , so bin ich gern dazu bereit und hoffe Ihnen etwas von der Langweile zu ersparen , welche Sie bei einem gemieteten Cicerone unfehlbar ausstehen müßten . « Judith nahm gern den Vorschlag an und setzte hinzu : » Desto mehr genieße ich Ihre Unterhaltung . « Florentin sagte erbittert : » Signora , Ihr kaprizioser Kopf macht es wie Ihre Stimme : beide suchen umsonst ihres Gleichen ! Sie haben jahrelang Lelio zum Hausgenossen gehabt und nie eine Vorliebe für seine Unterhaltung geäußert . Kaum verläßt er Ihr Haus , so wird er Ihnen unentbehrlich . « » Unentbehrlich nicht , « entgegnete Judith , » aber lieb und angenehm , und ich finde meine Kaprizen durchaus gerechtfertigt . « » O das finden die Damen immer ! « rief Florentin . » Dann bin ich ja vollends in meinem Recht , « sagte Judith lachend , » wenn ich es mache , wie mein ganzes Geschlecht . « - Sie fuhr eines Tages mit Madame Miranes , Lelio und Florentin zum Grabe der Cäcilia Metella - dieser Frau , welche das seltsame Schicksal hat , daß ihr Name und ihr Grabmal durch die Jahrtausende gehen , ohne daß man irgend etwas von ihr selbst weiß . » Und dann ist man noch stolz auf seine Berühmtheit ! « rief Judith . » Und dann freut man sich des Gedankens , daß die Nachwelt unsere Namen aufbewahren werde ! Eine gänzlich unbekannte Frau genießt diese Ehre in weit höherem Grade , als sie unsereinem je zu teil wird , nur weil ihr Name , in eine Marmortafel geschnitten , ihr Grab anzeigt und weil dies Grab eine Art von festem Turm ist , der den Jahrtausenden trotzt . Rom kühlt ungemein gegen den Durst nach irdischer Unsterblichkeit ab . Man sieht hier so recht , wie die verschiedenen Epochen in der Geschichte auf einander folgen , wie eine jede ihre Größen hat und wie sie alle nach und nach untergehen . Rom ist ein ächtes elysisches Gefilde im Sinn des Altertums : eine Schattenwelt ! und ist melancholisch , wie eine solche sein muß . « » Ist es nicht recht eigentümlich , « sagte Lelio , » daß gleichsam ein verlorener Ton aus uralter Offenbarung in die Fabelwelt sich versenkt hat und einen leisen Anklang der großartigen Harmonie angibt , die im Christentum zur vollen Erhabenheit sich entfaltet ? Die christliche Lehre vom Dasein nach dem Tode - im Himmel für die Heiligen , in der Hölle - für die Verlorenen , im Purgatorium für die , welche dereinst in den Himmel übergehen werden , findet sich , gleichsam durch einen Hohlspiegel verzerrt , in der griechischen Fabel vom Olymp , vom Orkus und von den elysischen Gefilden . « » Der Hohlspiegel ist die Sinnlichkeit , in welche die Griechen versunken waren , « sagte Judith . » Die verzerrt alles Große ! die Schönheit wird weichlich , die Kraft brutal und ich habe nie begreifen können , wie vernünftige Menschen unserer Tage für die griechische Götterlehre und für das griechische Kunstideal schwärmen konnten . Das Technische der Kunst , die Vollendung und Harmonie der Form , die Behandlung des Materials ist unvergleichlich ; aber ein Herkules als Ideal der Kraft , oder eine Venus als Ideal der Schönheit genügen mir nicht . « » Sie stellen das Menschliche idealisiert dar , « sagte Florentin . » Was verlangen Sie denn noch mehr , Signora ? « » Daß sich Göttliches in ihnen darstelle . « » Mit der Anforderung geraten Sie abermals in eine Fabelwelt . « » Oder in die christliche Kunst , « ergänzte Lelio . Wie ein guter und ein böser Geist standen diese beiden Menschen beständig neben Judith und jeder redete zu ihr in seiner Sprache und suchte sie zu gewinnen für das Reich , das er vertrat . Aber um jeden Menschen , wenn auch nicht in so ausgeprägten Gestalten , regen und bewegen sich ähnliche Einflüsse . Während sie das Grabmal betrachteten , das ein Rundbau von so enormer Größe ist , daß er in Roms mittelalterlichen Bürgerkriegen als Festung diente - und nach allen Seiten ihn umgingen , kam von der