Bonaventura kannte den schauerlichen Ruf des Kronsyndikus . Er kannte auch Paula ' s Geburtsstunde . Man schrieb derselben die Folgen ihres gestörten Nervenlebens zu . Jakobe von Wittekind wurde von ihrem leidenschaftlichen ältern Bruder bis zum zwanzigsten Jahre erzogen . Als sie dann den Grafen Joseph heirathete , zerfiel dieser mit dem Bruder , was jedoch letztern nie hinderte , dann und wann , begleitet von zwei gewaltigen Jagdhunden , in hohen Stiefeln und Sporen , die Reitpeitsche in der Hand , auf Schloß Westerhof zu erscheinen und in irgendeinem Anlaß , wie er ja sonst auch sagte , » Ordnung zu stiften « oder » den Nagel auf den Kopf zu treffen « . An den Folgen einer der dann entstandenen Scenen erkrankte die hochschwangere Frau , kam zu früh nieder und starb . Oft schon hatte Bonaventura erklärt , daß auf dem Hause der Wittekinds der Geist des Unsegens ruhe ... Nun aber eure wunderliche Heimat ! fuhr Benno , die trüben Gedanken vermeidend , fort und zeigte über den breiten Strom hinüber in die dunkelnde Ferne . Liegt es nicht fast wie ein Geheimniß über allem , was die Sitte und der Sinn der Menschen dort hervorbringt ? Nicht fester sitzt das Horn an der Stirn des Pflugstiers , als ein Vorurtheil oder eine Uebereinkunft in diesen Köpfen ! Graf Joseph heirathete nicht , sah nicht den Kronsyndikus , seinen Schwager mehr ; seine Güter verwaltete Onkel Levinus , der Bruder des Obersten von Hülleshoven , die Wirthschaft die Tante Benigna , die Schwester der Gemahlin desselben , Monika ' s von Ubbelohde , der Mutter Armgart ' s in Lindenwerth dort oben ; aber daß der Kronsyndikus als Oheim Paula ' s gewisse Rechte auf sie behielt , daß er nach des Grafen Joseph Tode ihr rechtmäßiger Vormund werden mußte , daran änderten die Jagdhunde , die Sporen und die Reitpeitsche des gewaltthätigen Mannes nichts . Ebenso wenig , wie die Frömmigkeit des Grafen Joseph diesen hinderte , das Familienstatut in Ehren zu halten . Nun ? sagte Bonaventura und lenkte damit auf manchen Streit zwischen den Freunden hinüber . Ist es denn also nicht schön , wenn sich die Zeiten einander so Wort halten ? Ist es denn nicht erhebend , wenn so durch die Jahrhunderte hindurch die Hände sich ergreifen , festhalten und in allem , was da welken und vergehen muß , doch ein ewig Bleibendes sich erhält und wär ' es nur das Gemeingefühl wenigstens eines Stammes , wenigstens einer Familie und besäße sie kein anderes Wappen und keinen andern Stammbaum , als nur ein altes Gebetbuch , das vom Großvater auf den Enkel erbt und in dem die Geburten der Söhne und Enkel , die Pathen und die Priester verzeichnet sind , die sie tauften ? Bonaventura sprach diese Worte in seiner Begeisterung so hin und überlegte erst , als sie gesprochen waren und Benno schwieg , daß sie gerade an das streiften , was Benno tief unmuthig an seinem dunkeln Dasein sein Zigeunerthum nannte . Beide schwiegen ... An einer einsamen Stelle , schon ziemlich entlegen von den Thoren der Stadt , auf einer Bank am Ufer des Stromes hatten sie sich niedergelassen ... Ein stilles nächtliches Landschaftsbild lag vor ihnen ... Der Mond stand an der fernen Bergkette , an deren Fuß Lindenwerth wie in den Wellen schwamm ... Die mächtigen Holzflöße , die wie kleine Niederlassungen so wohnlich angethan sind und hinuntergleiten zum Niederlande , lagen still jetzt am Ufer ... Im blauen Mondlicht , das wie Phosphor um die alten Eichenstämme leuchtete , glühte das Feuer einer Küche , rings saßen im Kreise die Passagiere , Handwerksbursche , Auswanderer , ihr Nachtmahl haltend , ehe sie sich auf der mittlern Diele , den Ranzen als Kopfkissen benutzend , unterm freien Himmel streckten ; ein Hund bellte auf dem Floß , wie nur daheim ein Nachbarhund in St.-Wolfgang bellen mochte , wo eben jetzt Frau Renate schon zur Ruhe ging ... Es war ein Stillleben von den Sternen an bis zu den im Grase auffliegenden Insekten , von dem fernen Brausen einer sich zur Ruhe begebenden Dampfesse bis zu den Knaben , die hochaufgeschürzt leise am Ufer noch im Schilfe schlichen und im Abenddunkel den Fischen mit der Angelruthe sicherer beizukommen hofften als am Tage ... Und einer Welle gleich , die gerade der Mond in seinen ganzen Goldglanz taucht , blitzte ein gefangener weißleuchtender Fisch auf , den die Knaben vom Hamen lösten und in ihren Sack warfen , sich umschauend , ob dem verbotenen Fange ein anderer lauschte , als da oben unter der einsamen Pappel am Muttergottesbilde ein junger Priester und sein plaudernder Freund .... Nun huschte mit schaukelndem , schnellem Fluge auch eine Fledermaus dem Lichte eines einsamen Häuschens zu ... In der leichten , weichen Luft war alles wie verklärt und jeder Schatten barg Ahnungsvolleres , als vielleicht die Wirklichkeit wahr gemacht hätte ... Wie die Wellen so ruhig ziehen ! hatte Benno gesagt . Möchte man nicht glauben , eine solche Abendstille spottete aller menschlichen Entwürfe , aller Anstrengungen , alles ohnmächtigen Verstandes ! Bonaventura erwiderte lächelnd : Denkst du an die Weisheit deines Sporenritters in partibus ? Welches sind denn nun die Anschläge , um unserm Glauben 60000 Seelen zu erhalten ? Paula , sagte Benno , steht wie Helena da , um die sich die Parteien bekämpfen ! Und es sind ihrer mehr , als nur die der Griechen und Trojaner . Der Kronsyndikus sammelte seit Jahren Kämpfer um die Parole : Eine Heirath zwischen beiden Linien ! Onkel Levinus und Tante Benigna , die Paula regieren , wie sie Armgart regierten , wollen Paula ' s Freiheit , die standesmäßige Abfindung , stören aber sonst den Antritt der Erbschaft nicht - das alte Fiat justitia der rothen Erde ! Eine dritte Partei ist die Regierung . Sie ließe am liebsten den fremden , wenn auch protestantischen Grafen in seiner fernen Heimat , kaufte ihm vielleicht die Verlassenschaft ab