den Pfarrer seiner Heimat anklagen , daß er , dem die Pflege der Geister vertraut war , keine Chronik seiner Gemeinde , keine Aufzeichnung über den Lebensgang des Jünglings hinterlassen hat , der nach dem Zeugnis befähigter Zeitgenossen außerordentliche Gaben des Geistes und Herzens besaß , keine Rechtfertigung der mit mehr als väterlicher Gewalt ausgerüsteten geistlichen und weltlichen Behörde , wie es kommen konnte , daß ein solcher Mensch aus dem Schöße der Gesellschaft heraus , so tief in Elend , Verbrechen , Schmach und jede Erniedrigung der Seele stürzte . Und doch hat jener Pfarrer sein ganzes Lebensschicksal mit angesehen und hat ihn lange überlebt . Er fand nichts aufzuzeichnen nötig als die karge , schauerliche Randbemerkung , die er auf einem Blatte des Taufbuches , wo der Name des am 4. Juni 1729 geborenen Kindes Friedrich Schwan nebst den Namen seiner Eltern und Taufpaten eingetragen ist , mit roter Tinte hinzugeschrieben hat : » Wurde den 30. Juli 1760 zu Vaihingen lebendig auf das Rad gelegt . Gott sei seiner armen Seele gnädig ! « Das war die Todesstrafe , die ein christlicher Staat unter dem Beistande einer christlichen Kirche an einem Menschenbilde , das sie Gottes Ebenbild nannten , vollzog , indem er sich für so arm an leiblichen und geistigen Mitteln bekannte , daß er mit einem , wenn auch noch so tief gefallenen Menschen nichts Menschlicheres , nichts Christlicheres zu tun wußte , als ihm das Leben zu rauben , und für so beschränkt in Menschenkenntnis , daß er meinte , durch eine recht ausgesuchte grausame Strafe werde er andere vom Wege des Verbrechens abschrecken . Und doch hätte gerade dieser ihn vor tausend anderen belehren können , wie irrig eine solche Voraussetzung ist . Er war vor anderen mit Verstand begabt , um sich zu sagen , wohin sein Leben zuletzt führen müsse , und wenn er es je vergessen hätte , so sagten es ihm seine schrecklichen Genossen , die sich täglich auf den Gedanken an ein solches Ende einübten , verkleidet den Hinrichtungen beiwohnten , einander den Hergang bei denselben beschrieben und bei ihren Gelagen sich gegenseitig einen leichten Tod zutranken . Nicht einmal sein Mut machte ihn zu einer Ausnahme , an der die Abschreckung verloren war , denn sein Geschichtschreiber sagt ausdrücklich von ihm , bei aller natürlichen Herzhaftigkeit habe er sich durch diese abschreckenden Gewohnheiten so erschüttert gefühlt , daß er gänzlich unfähig gewesen sei , dieselben mitzumachen ; und man kann überhaupt sagen , daß auch die Feigheit nicht hinlänglich abschreckend wirkt , denn die Gerichtsverhandlungen zeigen feige Verbrecher genug . So hat also weder sein Verstand noch die Abschreckung selbst , die bei ihm nicht verloren war , ihn von dem finsteren Pfade abgeschreckt , hat weder seine zwar rohe , aber zur Erkenntnis von Gut und Böse , von Wohl und Übel , völlig genügende Bildung , noch die vorsorgende Liebe der Gesellschaft ihn vor diesem fürchterlichen Ende bewahrt . Es gibt keine andere Milderung für seine Todesart , keine andere Beschwichtigung für das empörte Gemüt , als sich zu sagen , daß das Jahrhundert seitdem seine Speichen beinahe völlig umgewälzt hat , daß jene Mittagsstunde , um die er vollendet zu haben hoffte , längst vorüber ist , daß jene arme kranke Zeit ein besseres Jahrhundert , reicher an Geist und Herz und Erkenntnissen , geboren hat . Ja , so vieles wir an unserer Zeit mit Recht verwerfen , wir können ihr das Zeugnis nicht versagen , daß ein Mensch wie dieser besser von ihr durch das Leben getragen worden wäre , daß er keinen Pfarrer , Amtmann und Vogt getroffen hätte , die seine blühende Jugend fast gewaltsam unter die Räuber stießen , daß , wenn ihm auch der Lieblingswunsch seines jungen Herzens versagt geblieben wäre , das Leben ihm Befriedigung für sein Gemüt , für seinen Geist , für seine Fähigkeiten nicht so ganz versagt haben würde , wie die dürre Wüste , mit der ihn seine Zeit umgab . Wohl ist noch eine schwere Arbeit zu vollbringen , bis unsere Zeit aus dem dunklen Mutterschoße jenes Jahrhunderts , worin sie mit ihren Tugenden und Fehlern , mit ihren Wahrheiten und Irrtümern wurzelt , losgerungen ist , und darum kämpfen wir . Aber die Sonne , wie sie von Osten nach Westen wandelt , sieht das Volk in der Mitte zwischen Ost und West täglich mehr im stillen Ringen nach Licht und Recht begriffen , und sie wird die Mühe seiner Geister nicht verloren finden , wenn sie oft auch tief wie Grubenmänner in die Schachte unsrer Geschichte , unsrer Sprache , unsrer Dichtung sich zu verlieren scheinen , von wo dieses Licht und Recht am reinsten zu holen und nach dem Maße des heutigen Tages zu verteilen ist . Denn jetzt gilt es sich selbst zu verstehen in der allgemeinen Bewegung , die schon mit wachsendem Getöse an die Pforten noch immer so vieler Schläfer pocht . Die Bewegung , die aus einem Teil des Westens kam , hat uns verwirren müssen , denn sie bot uns Eigenes mit Fremdem gemischt . Die Bewegung , die sich aus einem Teil des Ostens ankündigt , wird uns aufklären helfen , denn man lernt sich besser selbst erkennen in einem Spiegel , der uns gar keine Ähnlichkeit zeigt , sondern ein wildfremdes Gesicht . Dann wird der Kampf auch nicht mehr verwandte Geister trennen , nicht mehr durch das einzelne Menschenherz selbst hindurchgehen : die Scheidung zwischen dem Wahren und dem Falschen , zwischen dem Guten und dem Bösen wird leichter sein . Wer aus der allgemeinen Betrachtung , zu welcher jeder Tag so vielen Anlaß gibt , zu der hier erzählten Volksgeschichte zurückkehrt und vielleicht einmal , zufällig das freundliche Filstal hinaufwandernd , nach ihren Spuren fragt , der kann sich die Mühe und den Staub der Akten ersparen , denn er findet in der Erzählung jeden Zug , der aufbewahrt geblieben ist . Und dennoch möge er nicht eine buchstäblich wahre