ob die Vorhänge des Schlafzimmers schon aufgezogen waren : die Zimmer , die Fenster , die lange Fronte — Alles war mir von meinem Verstecke aus sichtbar . Die Krähen flogen über meinem Kopfe hin und beobachteten mich vielleicht bei diesem Ueberblick . Was sie wohl gedacht haben mögen : sie müssen mich Anfangs für sehr vorsichtig und furchtsam , und dann für sehr kühn und unbekümmert gehalten haben . Ein kurzer Blick und dann ein minutenlanges Starren . Ich trat aus meinem Versteck hervor , ging über die Wiese und blieb plötzlich gerade vor dem großen Gebäude stehen und richtete einen langen , kühnen Blick auf dasselbe . Welche affectirte Schüchternheit war dies zuerst , mögen sie gefragt haben , und welche thörichte Rücksichtslosigkeit ist es jetzt ? Der Leser wolle eine Erklärung hören . Der Liebende findet seine Geliebte auf einem moosbewachsenen Ufer schlummern ; er wünscht einen Blick auf ihr schönes Gesicht zu thun , ohne sie zu erwecken . Er schleicht leise über das Gras , vorsichtig , um kein Geräusch zu machen ; er bleibt stehen - bildet sich ein , daß sie sich geregt hat - er zieht sich zurück - nicht um die Welt möchte er gesehen werden . Alles ist still : er nähert sich wieder : er neigt sich über sie : ein leichter Schleier ruht auf ihren Zügen : er erhebt ihn und neigt sich tiefer ; jetzt erwarten seine Augen den Anblick der Schönheit — warm , glühend und lieblich in der Ruhe . Wie eilig war der erste Blick ! aber wie starrt sein Auge ! wie fährt er zurück ! wie plötzlich und heftig drückt er die Gestalt in seine Arme , die er noch vor einem Augenblick nicht mit den Fingern zu berühren wagte ! wie laut ruft er einen Namen , wirft seine Bürde ab und blickt sie wild an ! So umfaßt er sie , schreit und starrt sie an , da er nicht länger fürchtet , sie durch einen Ton , den er ausstoßen - durch eine Bewegung , die er machen kann , zu erwecken . Er glaubte , seine Geliebte liege in sanftem Schlummer und er findet sie todt . Ich blickte mit furchtsamer Freude auf ein stattliches Haus hin und sah eine geschwärzte Ruine . Da war es freilich nicht nöthig , mich hinter dem Thorpfeiler zu bergen — zu den Fenstern aufzublicken und zu fürchten , Jemand hinter denselben zu erwecken ! Unnöthig zu horchen , ob sich Thüren öffnen würden oder ob ich Fußtritte auf dem Steinpflaster oder dem Kieswege vernehmen würde ! Der Rasenplatz war niedergetreten und verwüstet : der Eingang offen und öde . Die Fronte war , wie ich sie einst im Traum gesehen , nur eine muschelartige Mauer , sehr hoch und sehr zerbrechlich aussehend , worin sich scheibenlose Fenster befanden : kein Dach , keine Zinnen , kein Schornstein , Alles war zusammengestürzt . Und rings umher herrschte das Schweigen des Todes : die Stille einer einsamen Wildniß . Kein Wunder , daß ich auf Briefe , die ich hieher geschrieben , keine Antwort erhalten : ebenso gut hätte ich Briefe an ein Todtengewölbe absenden können . Die Schwärze der Steine sagte mir , daß die Halle durch eine Feuersbrunst zerstört worden war : aber wie mochte sie entstanden sein ? Welche Geschichte mochte mit diesem Unheil in Verbindung stehen ? Welcher Verlust außer dem Mörtel , den Steinen und dem Holzwerk es begleitet haben ? War ein Leben untergegangen wie ein Besitzthum ? Und wessen Leben ? Schreckliche Frage : es war Niemand da , um sie zu beantworten - nicht einmal ein stummes Zeichen . Als ich um die zerstörten Mauern und durch das verwüstete Innere wanderte , bemerkte ich , daß das Unheil nicht erst kürzlich geschehen sei . Es kam mir vor , als hätte Winterschnee durch jenen leeren Bogen geweht , als hätte Winterregen an jene hohlen Fenster geschlagen ; denn auf den durchnäßten Schutthaufen hatte der Frühling eine Vegetation hervorgebracht : Gras und Unkraut waren hie und da zwischen den Steinen und den hingefallenen Balken aufgeschossen . O ! wo möchte inzwischen der unglückliche Besitzer dieser Ruine gewesen sein ? In welchem Lande ? Unter welchen Umständen ? Mein Auge wanderte unwillkürlich zu dem grauen Kirchthurme in der Nähe der Pforte , und ich fragte : " Sollte er bei Damer von Rochester sein und das Obdach seines engen Hauses theilen ? ” Ich mußte eine Antwort auf diese Fragen haben . Ich konnte sie nur in dem Gasthofe finden und dorthin kehrte ich bald zurück . Der Wirth brachte mir mein Frühstück in das Gastzimmer . Ich bat ihn , die Thüre zuzumachen und sich niederzusetzen , denn ich habe ihm einige Fragen vorzulegen . Als er aber einwilligte , wußte ich kaum , wie ich beginnen sollte , so fürchtete ich die möglichen Antworten ; und doch bereitete mich das Schauspiel der Verwüstung , welches ich eben verlassen , einigermaßen auf einen unheilvollen Bericht vor . Der Wirth war ein anständig aussehender Mann im mittleren Alter . " Thornfield Hall wird Ihnen bekannt sein ? " sagte ich endlich . “ Ja , mein Fräulein ; ich hielt mich einst dort auf . ” “ Ei ? — nicht zu meiner Zeit , " dachte ich , " Sie sind mir fremd . ” " Ich war Kellermeister bei dem verstorbenen Herrn Rochester , ” fügte er hinzu " Bei dem verstorbenen ! es war als hätte ich mit voller Kraft den Schlag erhalten , dem ich auszuweichen suchte . “ Bei dem verstorbenen ! ! brachte ich mit Mühe hervor . " Ist er todt ? ” " Ich meine den Vater des gegenwärtigen Herrn Eduard , ” fügte er hinzu . Ich athmete wieder : mein Blut setzte seinen Lauf fort . Durch diese Worte vollkommen beruhigt , daß Herr Eduard — mein Rochester - Gott segne ihn , wo er auch weilen