( natürlich » Baronin , « darunter thut man ' s heut nicht mehr und hebt am liebsten auf den Büchern den Titel ausdrücklich hervor , um die schöne Leserin zu leimen ) , als sie auf dem berüchtigten Schriftsteller-Strebertag Anno 1885 einige Geisteshelden leibhaftig sah ! Hätte sie nicht noch die » hohe blonde vornehme Erscheinung « eines vielbegehrten Damenlieblings und einige letzte Säulen entschwundener Pracht bewundern dürfen , so wären all ihre Illusionen geknickt worden . Mit sardonischem Lächeln ließ Leonhart also seine heißhungrige Verehrerin in seinen Käfig ein . Er wußte , was er von dem genialen Brunhildenthum schmierender Löwinnen zu halten habe , da hinter patchouliduftiger Geziertheit beim Weibe stets nur die philiströse hohle Äußerlichkeit lauert . Eine ziemlich hübsche leidlich imposante Donna trat ihm entgegen und schien auch wirklich etwas betroffen über den unerwarteten Anblick , der sich ihr bot . Doch ließ sie als gewandte Weltdame sich nichts merken , sondern bemerkte nur mit erzwungen unbefangenem Lachen : » Ich hätte Sie mir freilich etwas anders gedacht , viel wilder und viel - viel riesiger . « » Einen , der gut .. « wollte es Leonhart herausplatzen , aber er verschluckte es noch rechtzeitig und lud die Dame höflich ein , Platz zu nehmen . Diese begann nun in hochtrabendem Ton , indem sie ihn immer » Herr Wahlverwandter « anredete , ihren größenwahnsinnigen Weltbeglückungsunsinn vorzukäuen . Sie schien sich für eine Art Madame Théot , für eine Regeneratorin des Menschengeschlechts zu halten . Mit ihrem rothen Sonnenschirm ( sie trug auch rothe Stöckelschuhe und rothes Hütchen ) wies sie figürlich auf sich als neue Madonna , als jungfräuliche Mutter eines neuen Heilands der Idee . Leonhart glaubte ja gern an dies tiefgefühlte Bedürfniß - nur die unbefleckte Empfängniß wollte ihm nicht recht einleuchten . Indem sie eine russische Papyros sich ungenirt ansteckte , betrachtete ihn die holde Wahlverwandte immer noch mit zweifelhaften Blicken . Leonhart lächelte verstohlen und seltsame Gedanken schossen ihm durch den Kopf . Jedes Menschen Charakter und Geist steht deutlich in seinem Gesicht geschrieben . Doch nur Wenige verstehen es zu lesen . Von Genies hat man gesagt , sie sähen unbedeutend aus . Vor dem klassischen Kopf Napoleons riefen die Pariser : » Die häßliche Kröte ! Wie gelb er ist ! « Aber noch mehr : Die Wenigen - bildende Künstler , Dichter und Staatsmänner - , welche diese Kunst verstehen , mißtrauen sich darin und verwirren sich bei zunehmendem Verkehr . Sei mit einem Schuft befreundet , so wirst du bald genug verlernen , die offene klare Sprache seines Gesichts zu lesen . Entscheidend ist daher nur der erste Eindruck . Wie Wenige giebt es , die über ein » unscheinbares « Aeußere ( im gewöhnlichen Weltsinn ) wegsehen können ! Alles was wir von Shakespeare wissen , die Thatsache seiner Verkleinerung bei Lebzeiten und plötzlichen Vergötterung nach dem Tode , wo nur noch seine Werke sprachen , zeigt an , daß er in Allem der völlige Gegensatz eines Goethe gewesen sein muß . » Er war sanft , gutmüthig , leicht zugänglich « - diese kurze Charakteristik , die wir über ihn besitzen , malt uns z.B. nicht seine äußere Erscheinung . Und doch scheint dies so unendlich wichtig ! Es mag trivial oder richtiger - cynisch klingen , aber man darf die pessimistische Behauptung wagen : die zwei im Leben erfolgreichsten großen Dichter , von denen wir wissen , Goethe und Byron , verdanken ihren äußeren Triumph bei der Mitwelt zum größten Theil ihrer persönlichen Schönheit . Man möchte die Jungfrauen sehen , die begeistert zu Schaper ' s Denkmal in Berlin hinaufschmachten , wenn Goethe bucklich gewesen wäre ! Aesop als Dichter des » Childe Harold « wäre wohl nimmer » the rage « geworden ! Das Genie soll man aus der Ferne bewundern . Rückt man den hohen Bergen zu nahe auf den Leib , so scheinen sie nur unförmliche Felsklumpen voll Schnee und Eis . Friedrich der Große war gewiß ein Genie und ein großer Mann in jedem Zoll . Aber er war ein Purpurgeborner . Höher stehen Männer , welche » jeder Zoll ein König « wie Cromwell und Napoleon und doch die blinde Welt erst mit Gewalt zur Erkennung ihres inneren Königthums zwingen müssen . » Der kleine ungeschlachte Bierbrauer ! « riefen die englischen Royalisten . .. Die Frau scheint unfähig , abstrakt zu denken , sondern denkt immer concret . An sich ist das kein Fehler ; sie ist eben Realistin . Maria Magdalena verstand den Heiland , weil sie das Persönliche desselben transcendental empfand . Dies kann beim Weibe genau so ideal und immateriell sein , wie die reflektive Begeisterung des Mannes , obschon des Mannes sinnlichere Auffassung der Liebe dies nicht zu begreifen vermag . Die Genialität der Frau steckt eben in der Liebe , als weitester Begriff gefaßt , in der warmen Selbstentäußerung des Herzens , womit sie Wunder thut . Die Frau will drum auch einen persönlichen Gott , den sie als Begriff des Guten und Schönen anbeten kann , woraus wiederum die Macht der katholischen Kirche herzuleiten . » Ja , ich die dämonische Brunhilde-Natur , bin Ihre Genossin ! « rief Aurelie in einer ungesunden Aufwallung verspäteter Begeisterung . » Was soll Ihnen ein Intimissimus wie dieser Schmoller ! Ich allein verstehe Sie . « Leonhart verbeugte sich kalt : » Einen Intimissimus , meine Gnädige , besitze ich nicht . Nach meinen Erfahrungen danke ich auch herzlich für diese edle Gottesgabe . Ich achte am höchsten meinen intimsten Freund , nämlich mich selbst . Dem traue ich , sonst Niemanden . - Sie staunen ? Ja , denken Sie sich den denkbar stolzesten und wenigst eiteln Menschen - dann haben Sie mich ! « » O welch ungerechtes Mißtrauen ! « » Durchaus nicht . Mißtraue Keinem und vertraue Keinem , vor allem laß Dir nicht in die Karte gucken . - Ach , mein gnädiges Fräulein , ich sehe