zu achten so gut wie der Amtmann . Er konnte nichts verzeihen , er konnte nichts schenken , er konnte und durfte nicht Gnade für Recht ergehen lassen . Aber der Herr konnte es , dem Herrn hatte Niemand zu befehlen , er war Niemandem verantwortlich , er konnte Erbarmen haben - und er hatte kein Erbarmen gehabt . Ein Wunder war das , wie die Leute meinten und es zu einander sagten , freilich nicht ; denn was wissen die Reichen und Vornehmen von der Noth und der Sorge des Armen ? Ob der Freiherr da war , ob er lebte oder starb , seine Frau und sein Sohn wohnten in dem Schlosse , Wald und Feld , Wiese und Höhe gehörten ihnen . Seit Menschengedenken war es ihnen von Vater auf Sohn so zugefallen . Ohne daß sie die Hand rührten und den Arm bewegten , war ihnen Alles in den Mund gewachsen und sie hatten nach Keinem zu fragen gehabt , und gethan und gelassen , was ihnen wohlgefallen . Wer hatte denn den gnädigen Herrn zur Rechenschaft gezogen , als die Pauline in das Wasser gesprungen war ? Ob man einem Menschen in der Hitze des Augenblicks das Leben nimmt , oder ob man ihn langsam dahin bringt , daß er es sich vor Verzweiflung selber nehmen muß , das sei wohl das Nämliche , ja , das Letztere sei im Grunde schlimmer . Denn die fremde Kammerjungfer hatte ihr ehrliches Begräbniß gehabt , und die arme Pauline , die guter Leute Kind gewesen war , wie nur Eine , war ohne Sang und Klang als ekler Leichnam auf einem unbezeichneten Platze in der Ecke des Kirchhofes eingescharrt worden , hatte mit ihrem Selbstmorde ihrer Seele Seligkeit verscherzt , und selbst das Haus hatte man niedergerissen , worin sie einst gewohnt . Wenn das nicht eine Sünde und ein Verbrechen gewesen war , dann war nichts Sünde ; aber freilich , dem Armen sieht man auf die Finger und dem Reichen durch die Finger , und dem armen , gedrückten und geplagten Menschen wird das Herz zuletzt so voll gemacht , daß er sehen muß , wie er sich ' s befreit , wenn für ihn nicht Erbarmen zu finden ist , wo er es zu suchen hat . Den ganzen Tag hindurch standen die Thüren im Amte und in der Pfarre nicht still . Die Leute kamen , um vor Leidensgefährten sich auszusprechen . Sie wußten gut genug , daß der Amtmann und seine Schwester sich über die Herrschaften zu beschweren hatten , sie wußten , daß es dem Pfarrer und seiner Frau hart ankommen würde , die Pfarre zu verlassen , sie hofften von der Unzufriedenheit der Gekränkten Aufmunterung für ihre eigene Erbitterung und ihren Haß zu finden , und wenn sie sich nicht nach Erwarten aufgenommen fanden , gingen sie mit erhöhtem Widerwillen und neuem Grolle von dannen , denn sie sagten sich : Was schiert ' s im Grunde den Amtmann und den Pfarrer , was aus uns wird ? Der Amtmann hat sein Schäfchen in das Trockene gebracht , und zu leben hat der Pfarrer auch . Sie sind Einer wie der Andere , es hat keiner ein Herz im Leibe für des Armen Noth . Sie treten Alle , Alle auf den Armen . Aber auch der Wurm krümmt sich und sticht , wenn er ' s vermag , er muß nur den rechten Fleck und den rechten Augenblick abzupassen wissen . Es sah übel aus in der Herrschaft ! Das alte patriarchalische Verhältniß , auf welches der Freiherr so stolz gewesen , war nach allen Seiten hin bis auf den Grund zerstört . Er fühlte sich geschieden von seinen Leuten , er hatte das Bewußtsein , ihre Liebe und Verehrung eingebüßt , ihren Haß auf sich geladen zu haben , und sie waren ihm verhaßt geworden . Der Amtmann begann die Tage zu zählen , die er in dem ihm jetzt so lästigen Dienste noch zu verleben hatte , Eva konnte es kaum erwarten , sich und Herbert und den Bruder von jedem Zusammenhange mit den Herrschaften frei zu sehen ; der Justitiarius seinerseits fand sich durch das persönliche Einschreiten des Freiherrn in seiner Amtswürde beeinträchtigt , und in der Pfarre war man eigentlich am niedergeschlagensten , denn nicht allein für sich , nein , für die ganze Gemeinde fürchtete man dort das Aeußerste . Vierzehntes Capitel Während dessen lebte die Baronin stille friedliche Tage in Gesellschaft ihrer Freundin und ihres geistlichen Berathers . Man hatte ihr im Garten unter den großen Bäumen ein leichtes Zeltdach aufschlagen lassen , in welchem sie vom Morgen bis zum Abend weilte . Die Nähe der bevorstehenden Trennung machte die Freundinnen nur des Glückes bewußter , welches sie jetzt genossen , und doch meinte Seba zu fühlen , daß Angelika sie in einer ihr sonst nicht eigenthümlichen Weise beobachte , daß sie ihr etwas sagen wolle , etwas auf dem Herzen habe , und es fiel ihr auf , daß sie , seit der Caplan im Hause war , das Gespräch so häufig auf religiöse Fragen und Gegenstände richtete , die sie sonst geflissentlich vermieden hatte . Auch von ihren Familienverhältnissen sprach sie jetzt noch öfter und noch rückhaltloser , als sei ihr daran gelegen , der Freundin ein Zeichen ihres Vertrauens zu geben , und es wollte Seba überhaupt bedünken , als suche die Baronin jetzt geflissentlich ihr nahe und näher zu treten , als walte neben dem natürlichen Zuge ihres Herzens noch eine Absicht in ihr vor . Es war , wie gesagt , regelmäßig der Caplan , welcher die Unterhaltung ablenkte , wenn die Baronin in seinem Beisein der geistigen Wandlungen gedachte , die sie erlebt , wenn sie des Trostes erwähnte , den sie in dem Anlehnen an einen unsichtbaren Helfer und in dem Beistande eines treuen , welterfahrenen und verschwiegenen Berathers gefunden habe , und Seba wußte ihm dies Dank . Auch hatte er sich trotz seiner Zurückhaltung