hinreichend . Felix nahm den Brief und las : Gnädige Frau ! Es ist nicht meine Schuld , wenn Ihnen der Inhalt dieses Schreibens mißfallen sollte . Sie wissen , mit wie großer Verehrung ich an Ihnen und Ihrer ganzen Familie hange , mit welchem Eifer ich Ihnen stets meine geringen Dienste gewidmet , wie dankbar ich für die liebenswürdige Gastfreundschaft gewesen bin , die Sie mir stets und besonders in den letzten , so glücklich verlebten Tagen bewiesen haben . Wenn ich daher etwas sage oder thue , was mit diesen Gefühlen im Widerspruch zu stehen scheint , so können Sie mit Bestimmtheit annehmen , daß dieser Widerspruch eben nur scheinbar ist , und daß mich ein höheres Princip als persönliche Freundschaft und individuelle Hochachtung zum Handeln zwingt : nämlich die Achtung vor der Gerechtigkeit , die wir Allen schuldig sind . Dieses mir inwohnende Rechtlichkeitsgefühl aber ( ein Erbstück ohne Zweifel meines seligen Vaters ) will , daß ich Ihnen eine höchst eigenthümliche Entdeckung , die ich in diesen Tagen gemacht habe , und die für Sie von einer gewissen Bedeutung sein dürfte , nicht einen Augenblick länger vorenthalte . Sie wissen , daß mein verstorbener Vater die Stellung eines Advocaten in Grünwald bekleidete , daß seine Praxis eben so groß war , wie der Ruf seiner Rechtlichkeit , Gewissenhaftigkeit und Klugheit , und daß die angesehensten Familien des Landes zu seiner Clientel gehörten . Unter andern stand er auch mit dem verstorbenen Herrn Baron Harald von Grenwitz in steter Geschäftsverbindung , aus der sich , wie mir mein seliger Vater oft erzählt hat , wenn er auf vergangene Zeiten zu sprechen kam , eine Art von Freundschaft entwickelte . Wenigstens behauptete mein Vater , daß der verstorbene Baron ihn selbst in den delicatesten Familienangelegenheiten wiederholt consultirt habe . Die Wahrheit dieser Behauptung wird bestätigt durch die Entdeckung , von der ich eben spreche . Sie besteht in der ganz zufälligen Auffindung mehrerer Bündel Briefe und Papiere , die sämmtlich dem Herrn Baron Harald gehörten und die dieser meinem Vater zu einem Zwecke , der nicht angegeben ( denn es befindet sich dabei keine Erläuterung weder von der Hand meines Vaters , noch der des Barons ) übermacht hat . Aller Wahrscheinlichkeit nach sollten sie meinem Vater dienen , ihm die Auffindung jenes Kindes , welchem der Herr Baron in dem Codicill seines Testaments das bewußte Legat aussetzte , zu erleichtern oder überhaupt möglich zu machen . So viel wenigstens steht fest , daß eine solche Recherche nur mit Hülfe dieser Briefe und Papiere angestellt und zu einem glücklichen Resultat gebracht werden kann . Auch bin ich überzeugt , daß nur sein plötzlicher Tod meinen Vater verhindert hat , dieses Resultat herbeizuführen , und daß ein geschickter Jurist noch zu jeder Zeit die Fäden , welche der Hand meines Vaters entfielen , wieder aufnehmen könnte . Die Schriftstücke sind a. ein Bündel Briefe einer gewissen Mademoiselle Marie Montbert an Baron Harald von Grenwitz ; b. ein dito des Herrn Barons an Mademoiselle Montbert ; c. mehrere Briefe eines gewissen Monsieur d ' Estein an Mademoiselle Montbert ; d. verschiedene Familienpapiere der Mademoiselle Montbert ; e. eine vollständige Abschrift des von dem Herrn Baron Harald hinterlassenen Testaments nebst dem Codicill , in welchem , wie Ihnen bekannt ist , nicht nur die Bedingungen angegeben sind , welche der Herr Erblasser an die Auslieferung des Legats geknüpft hat , sondern auch die Mittel und Wege , welche am wahrscheinlichsten zu einer Entdeckung des zu jener Zeit noch ungeborenen Kindes resp . dessen Mutter führen könnten . Sie wissen , daß in diesem Erläuterungsbericht die Namen der Mademoiselle Montbert und des Monsieur d ' Estein vorkommen und es versteht sich von selbst , daß die genannten Personen mit denen , welche jene Briefe schrieben , identisch sind . Bis hierher hat Alles , was ich Ihnen berichtete , für den Unbefangenen und Unbetheiligten wenigstens , nichts besonders Ueberraschendes . Was ich Ihnen aber jetzt zu sagen habe , ist so außerordentlich , daß ich um die Erlaubniß bitten muß , Ihnen darüber mündlichen Bericht erstatten zu dürfen . Ich will nur so viel andeuten , daß in den Briefen des Mr. d ' Estein der Name vorkommt , welchen dieser Herr , nachdem er die Flucht der Mademoiselle Montbert von Grenwitz bewerkstelligt haben würde , für die Zukunft annehmen zu wollen erklärt , und daß dieser Name ( Sie brauchen nur das d ' und E wegzulassen ) mit dem Namen eines Herrn , welcher seit einiger Zeit in Ihrer Familie lebt , übereinstimmt . Ich füge hinzu , wie ich für mein Theil von der Identität dieser Person mit dem noch immer unbekannten Erben von Stantow und Bärwalde ( besonders auch in Folge von Mittheilungen , welche mir die bewußte Person über ihre Familienverhältnisse und frühesten Erinnerungen machte ) durchaus überzeugt bin . Doch ist diese meine individuelle Ueberzeugung natürlich noch immer nicht beweisend , und ich nehme daher Anstand , sie , wie ich wohl müßte , der bewußten Person mitzutheilen , um nicht Hoffnungen in ihr zu erregen , die doch möglicherweise nicht realisirt werden könnten . Ich breche hier ab , um meinem mündlichen Referat ( kommen Sie vielleicht in nächster Zeit nach Grünwald ? oder befehlen Sie , daß ich Ihnen in Grenwitz aufwarte ? ) nicht zu viel vorweg zu nehmen und dem Papiere nicht unnöthigerweise noch mehr anzuvertrauen . Genehmigen Sie , gnädige Frau , den Ausdruck u.s.w. Hier ist noch ein Verte ! sagte Felix , das Blatt umwendend . P.S. Ich habe die Absicht , sämmtliche Papiere , da sie mir in meiner Wohnung nicht sicher genug verwahrt scheinen , einem Advokaten zu übergeben , im Falle Sie nicht ( was aber schleunigst geschehen müßte ) anders darüber verfügen sollten . Da schaut der Fuchs zum Loche heraus ! sagte Felix . Im Falle Sie nicht anders darüber verfügen sollten , unterstrichen ; d.h. haben Sie die Güte , mir die Summe