, war längst verschwunden - um so mehr , als er sich wohl hütete , ihren liebsten Plänen wieder mit der Schärfe von damals , die sie ja auf ihrem Standpunkte durchaus nicht verstehen konnte , entgegenzutreten . Das läßt sich niemand gefallen ohne Erbitterung - ausgenommen die vollkommenen , der Selbstsucht abgestorbenen Seelen . Die nehmen auch den schärfsten Widerspruch , der sich nicht etwa gegen ihre Fehler , wohl aber gegen ihre Tugenden erhebt , mild und liebevoll hin . Judith hatte Lelio gern , wie sie früher Ernest gern hatte : es lag auf beiden der Schmelz des katholischen Gemütslebens - wie Florentin es nannte . Ernest machte ihr einen so tiefen Eindruck , weil er das war , was man nächst dem Vogel Phönix am seltensten in der Welt findet : er war aus einem Stück ; denken , wollen , handeln stimmten bei ihm überein ; immer , nicht ausnahmsweise . Die meisten Menschen sind aus Bruchstücken von diesem und jenem Denken , Wollen , Handeln , zufällig und äußerlich , planlos zusammengesetzt ; die einen mehr , die anderen minder . Sind die Bruchstücke schön , so gibt es das , was man nennt , interessante Menschen . Bei Lelio kamen jetzt solche Bruchstücke zum Vorschein . Er war nicht aus einem Guß wie Ernest ; Judith selbst hatte ihn ja noch vor kurzem auf einem ganz anderen Wege , mit einem ganz anderen Streben gekannt . Um so mehr interessierte sie sich für seine Umwandlung , die augenscheinlich aus seinem innersten Wesen hervorging . Florentin versicherte zwar , er folge einem fremden Impuls . Einmal wollte er gehört haben , ein sehr reiches junges Mädchen habe sich zum Sterben in Lelio verliebt ; aber von ihrem Beichtvater die Weisung erhalten , unter keiner Bedingung mit einem Menschen sich zu verehelichen , der zu den geheimen Gesellschaften , zu einer Venta oder einer Loge gehöre ; nun könne Lelio doch unmöglich diese schöne reiche Person vor Liebe umkommen lassen ! Ein anderes Mal hatte Florentin gehört , daß die Jesuiten , deren fabelhafte Reichtümer ja immer eine sehr große Rolle bei allen Gegnern der katholischen Kirche spielen , Lelios Bekehrung erkauft haben sollten . Ein drittes Mal sollte seine bigotte Familie ihn dermaßen mit Schilderungen der Höllenstrafen geängstigt haben , daß er durch Grauen zur Apostasie von der Sache der Freiheit und des Fortschrittes getrieben sei . Aber all diese Angaben machten nicht den mindesten Eindruck auf Judith , obschon eine Menge Menschen , vielleicht die meisten , in ähnlichen Fällen ähnliche Motive voraussetzen . Sie war zu selbständig , um nicht an eigene , innere Beweggründe zu glauben , und zu stolz , um nicht zu begreifen , daß man ihnen rücksichtslos folgen könne . Sie sagte kaltblütig zu Florentin : » Geben Sie sich keine Mühe , mich durch das Wutgeheul Ihrer Partei zu betäuben , Fiorino . Ich glaube das , was Lelio mir gesagt hat . Er lügt nicht . « » Darf man wissen , was er gesagt hat ? « » Die Gnade hat ihn bekehrt . « » Und das begreifen Sie , Signora ? « » Nein , das hab ' ich nicht gesagt ; wohl aber , daß ich an Lelios Aufrichtigkeit glaube . « » Die Gnade ? .... ja , was ist denn das für eine mystische oder mythische Person ? Wie gibt sie sich kund ? wodurch wirkt sie ? wie ergreift sie den Menschen ? was ergreift sie in ihm ? « » Fragen Sie doch lieber : was ißt sie , was trinkt sie ? dann stehen Sie vollkommen auf der Höhe von Sir John Falstaff ! « unterbrach Judith ihn unmutig . » Ist das Genie nicht auch eine mystische oder mythische Person , wie Sie höhnend fragen - und ist es deshalb etwa nicht ? Wer versteht die geheimnisvolle Flamme zu erklären , die z.B. über der Stirn eines kleinen Bauernbuben so wunderbar leuchtet , daß sie ihm die Augen öffnet für die Schönheit , die im Stein verborgen ist , ihn antreibt , den Meißel zu ergreifen und die schönen Götterbilder aus ihrer Versteinerung heraus zu arbeiten ; und die ihn endlich zu einer der großen Berühmtheiten macht , die man unsterblich zu nennen pflegt . Ich finde es nicht seltsam , daß Lelio von der Gnade - als daß ein Canova vom Genie ergriffen wird . « » Nur haben beide äußerst verschiedene Folgen ! das Genie wirkt schöpferisch , die Gnade ertötend . « » O nein ! « rief Judith , » auch die Gnade ist schöpferisch ; aber nach innen . « » Sie sind hellsehend , Signora ! « rief er spöttisch . » Und Sie sind blind , armer Fiorino , « sagte sie kalt . » Das muß wohl sein , « entgegnete er ; » denn ich nehme nichts wahr von dieser wunderbaren Schöpfung in Lelio . Er ist ein Abtrünniger einer heiligen Sache geworden , ein Deserteur von der Fahne der Freiheit , ein Überläufer ins Lager der Finsternis . Er ist treulos gegen seine besten Freunde , er entsagt der Kunst , die das Leben lieblich schmückt . Nein , Signora , ich entdecke keine goldenen Früchte , welche seine Gnade ihm trägt . « » Sie macht ihn gut , Fiorino ; rechnen Sie das für nichts ? Er ist ein guter Sohn geworden , er lebt in dem Kreise seiner einfachen Pflichten , er ist die Wonne und der Herzenstrost seiner Eltern , er hat sich losgesagt von dem wüsten Sinnenleben , in dessen Schwelgereien er sich berauschte ; er begnügt sich mit einer ganz unscheinbaren Stellung , mit einem äußerst bescheidenen Lose , um nicht in der Strudel der Welt zurückgeschleudert zu werden ; er verzichtet auf den Beifall und die Bewunderung , die seinem herrlichen musikalischen Talent folgen würden , auf diesen gewissen Kunstrausch , dem man schwer entsagt , wenn man ihn