er ihr und dem Grafen seinen väterlichen Segen kurz vor dem Hinscheiden gesendet habe , und wie er Beiden seine dankbare Liebe versichern ließ , von der er die zuversichtliche Hoffnung ausgesprochen hatte , daß sie über das Grab hinüber reichen würde . Möge unser Ende so sanft sein , sagte die Gräfin , indem sie , die Thränen trocknend , ihrem Gemahle das Blatt zurückreichte . Mögen wir einst , wie er , unser Leben in den Armen unserer Kinder beschließen . Der Graf wendete sich ab , um sein kummervolles Gesicht zu verbergen . Beide Gatten schwiegen ; Keiner wollte die Sorgen aussprechen , die sein Herz zernagten , denn Keiner wollte den Kummer in der Brust des Andern erwecken . Seit den letzten Nachrichten von Evremont waren abermals Monate verflossen . Mehrere Gefechte in Spanien waren vorgefallen , und kein Wort seiner Hand hatte die ängstlichen Eltern über sein Geschick beruhigt , und nun strömte die große französische Armee in furchtbaren Massen über den Rhein , einem Feinde entgegen , den in seinem eigenen Lande zu bekämpfen , den Franzosen selbst noch vor Kurzem ein abentheuerlich vermessenes Unternehmen gedünkt haben würde ; und alle die Tausende , die vorüber zogen , ahneten nicht , wie sehnsüchtige Blicke oftmals den langen Reihen folgten . Niemand brachte Kunde von dem geliebten Sohne . Das trübe Sinnen der bekümmerten Eltern wurde auf einen Augenblick durch das Rasseln eines Reisewagens unterbrochen , der eilig vorüber flog und ihren Blicken bald entzogen wurde durch eine Beugung , die die Straße hinter dem Garten des Grafen machte . Das vorige sorgenvolle Schweigen war wieder eingetreten , wurde aber bald von Neuem durch freudig rufende Stimmen unterbrochen . Der Graf und seine Gemahlin sahen zugleich auf und richteten den Blick auf einen Baumgang , der zu dem Pavillon führte , in dem sich Beide befanden . Eine junge Frau flog mit leichten Schritten durch diesen Baumgang ; der Wind spielte mit dem zurückgeworfenen Schleier , so daß das leichte Gewebe in den Lüften flatterte . In der Ferne zeigten sich noch andere Personen , die sich mit langsamen Schritten näherten . Ehe noch der Graf oder die Gräfin eine Vermuthung über die Herbeieilende äußerten , lag diese schon mit schlagendem Herzen , mit glühenden Wangen und seligen Thränen in den Armen der Gräfin . Emilie ! stammelte diese in der Ueberraschung des Entzückens und sank aus Freude entkräftet auf einen Sessel , als die junge Frau sich aus ihren Armen riß , um den Grafen mit demselben zärtlichen Ungestüm zu umschlingen . Indeß hatten sich auch die übrigen Personen genähert und Emilie verließ schnell den Grafen , nahm aus den Armen der Wärterin ein schlafendes Kind und legte es in den Schooß der Gräfin , indeß sie selbst vor ihr nieder kniete . Mit bebenden Händen erhob die Gräfin das schöne , wie ein schlummernder Engel ruhende Kind und drückte zärtlich leise ihre Lippen auf den rosigen Mund , auf des Knäbleins unschuldige Stirn , indeß ihr unbewußt die heiligen Tropfen entzückender Rührung niederthauten . Der Graf entriß mit einer Bewegung ungestümer Liebe seiner Gemahlin das Kind , hob es in seinen Armen empor und überließ sich ohne Rückhalt dem Gefühle der höchsten Freude . Ach ! wie so reich an seligen Genüssen dünkte in diesem Augenblick denen das Leben , die noch vor wenigen Minuten die dürftigen Freuden kurzer Stunden beklagten . Das Kind war durch die heftigen Liebkosungen erwacht und erhob in nicht melodischen Tönen seine klagende Stimme . Zwei Personen drängten sich hinzu , um es aus den Armen des Grafen zu empfangen , die Wärterin und der alte vor Freude zitternde Dübois . Dem Letztern gelang es , sich des Kindes zu bemächtigen , indem er zum ersten Male in seinem Leben alle Scheu und Ehrerbietung vor denen bei Seite setzte , die er seine Herrschaft nannte und von denen er wie ein Glied der Familie betrachtet wurde . Es ist mein Recht , sagte er , indem er die Wärterin wegdrängte ; es ist der vierte Graf Evremont , dem ich dienen werde , und der dritte , den ich in meinen Armen halte . Er entfernte sich etwas mit dem Kinde , indem er Segen und Gebete über dasselbe sprach , und überließ es nur dann erst der Wärterin , als die immer stärker sich erhebenden Klagetöne desselben ihm die Nothwendigkeit weiblichen Beistandes bewiesen . Indeß war eine Frau zur Gräfin getreten , die , indem sie den Schleier zurückschlug , in Thränen lächelnd sagte : Seid Ihr denn im Glücke so selbstsüchtig geworden , daß Ihr außer Euch Niemanden bemerkt ? Adele ! rief die Gräfin und preßte die schwesterliche Freundin an ihre Brust . Als der erste Sturm des Entzückens vorüber war , heftete die Gräfin einen ängstlichen Blick auf Emilie , indem sie halb leise fragte : Und Adolph ? Er kömmt , jauchzte Emilie . Morgen zieht sein Regiment durch diese Gegend , morgen wird er hier sein ! Der Taumel der Freude legte sich endlich , und als man einige Stunden beisammen gewesen war , hatte man sich so weit verständigt , daß die Eltern nun wußten , das Regiment des Sohnes sei ebenfalls in Bewegung nach Rußland , er habe Emilien die Bitte abgeschlagen , ihm in diese unwirthbaren Länder zu folgen , und bestimmt , daß sie den Ausgang des Kampfes bei seinen Eltern erwarten solle , und auch ihre liebevolle Tante habe sich an sie zu diesem Zwecke angeschlossen , weil sie hoffte , das Leid der neuen Trennung und die damit verknüpften Sorgen leichter mit den Freunden vereinigt zu ertragen . Ein leichter Schatten trübte den hellen Glanz der Gegenwart bei dem Gedanken , daß Evremont dazu bestimmt war , an einem Kampf Antheil zu nehmen , den man sich nicht anders als höchst gefahrvoll denken konnte . Indeß die Gegenwart war zu schön , und sie trug mit ihrem Glück und ihrer Freude den Sieg davon über die