dunkler Röte zu brennen begann . „ Es ist Abend , da kommt das Fieber wieder , “ meinte Heim . „ Jetzt rollt er in der Ecke herum ! “ sprach sie wieder . „ Nein , ich habe ihn ja noch — weh , o weh , was ist denn das für Einer ? Helft mir doch , wo soll ich denn mit den zwei Köpfen hin ? “ „ Sie hat es immer mit einem Totenschädel zu tun , “ bemerkte die Staatsrätin . „ Das sind die anatomischen Studien bei Frauen , “ sagte Möllner . „ So ! den einen leg ’ ich auf das Kissen , den andern auf das Polster , so ! Es ist nur der eine Kopf , der mich so schmerzt , der andere tut mir nicht weh . Wenn ich nur den einen los werden könnte ! Ich habe es ja immer gesagt : das viele Denken — davon hab ’ ich die zwei Köpfe bekommen . So viel kann man ja nicht denken mit einem Gehirn , das ist gar nicht möglich . “ „ Ja , da ist eine starke Überreizung , “ brummte Heim . „ Die Hitze steigt auch , seit ich hier bin , auffallend . Wollen doch einmal sehen — “ er zog den Thermometer hervor und legte ihn in Ernestinens Achselhöhle . Nach einigen Minuten zeigte er eine sehr hohe Temperatur . „ Seziert mich nicht ! um Alles in der Welt , seziert mich nicht ! “ schrie Ernestine . „ Ich bin ja noch nicht ganz tot ! “ „ Laß ihr wieder ein paar tüchtige Senfteige legen , was glaubst Du , wollen wir ihr etwas Kalomel geben ? 111 Wenn wir ihr die Ideen , die sie ängstigen , ausreden könnten , wär ’ s freilich das Beste , “ meinte Heim . „ Ich habe es versucht , aber jeder Zuspruch regt sie noch mehr auf . “ „ Laß es einmal das Mädchen da probieren ! Solche Kranke sind unberechenbar . Eine fremde Stimme hat oft mehr Einfluß auf sie , als die der gewohnten Umgebung , “ sagte Heim . „ Hast Du Mut , mein Kind , heute Nacht aufzubleiben ? “ „ O , mein Herr ! Ich will mich nicht eher in ein Bett legen , als bis Ernestine das ihre verlassen hat ! “ „ Tüchtiges Mädel ! Hat mir lange nichts so gefallen wie das Mädel . Machst der Ernestine in meinem Herzen den Rang streitig ! “ Gretchen sah errötend zu Boden . Sie hatte bemerkt , daß durch die Türspalte ihr Vormund sie beobachtete . Johannes tauchte ein Tuch in Wasser und wand es Ernestinen um die Stirn . „ Tut es nicht , ich fühl ’ es ja , daß Ihr mir die Hirnschale durchsägt ; so lange ich noch denke , bin ich doch nicht tot . — Ach , ich werde denken müssen , immer denken und nie sterben . Wie müde das macht ! “ „ Ernestine , “ sagte Gretchen mit seinem glockenreinen süßen Ton , „ es tut Dir ja Niemand etwas , beruhige Dich doch ! “ „ Ach , “ klagte die Kranke . „ Sie wollen mein Gehirn wägen — es ist ja natürlich , daß zwei schwerer wiegen als eines , aber es schmerzt so sehr ! Weg mit der Säge ! “ „ Ernestine , Du träumst ! “ rief Gretchen . „ Wir machen Dir ja nur einen kalten Umschlag , greif hin und überzeuge Dich selbst . “ „ Ach , der harte Seziertisch ! “ jammerte sie etwas ruhiger . „ Ich mag ja wohl tot sein , aber meine Seele lebt . Und wenn sie mich in tausend Stücke zerschneiden , die Seele können sie nicht mitzerschneiden , die schlüpft ihnen unter dem Messer durch . O , wenn ich doch aufhören könnte zu denken . Sterben ist nichts , fortleben ist das Ärgste ! “ Johannes trat von ihr weg und rang die Hände . Heim trieb die Willmers an , den Senf zu holen . Als diese die Tür hinter sich schloß , schrie Ernestine auf : „ Ach , Johannes , der Oheim mit dem Messer , und ich kann nicht vom Seziertisch herunter , hilf mir hinweg , wozu haben sie mich angebunden , wenn sie doch dachten , ich sei tot ? “ Und mit einer blitzschnellen Bewegung schleuderte sie Gretchen zur Seite und glitt über das Bett herab . Mit einem einzigen festen Griff hatte Johannes sie gefaßt und ohne ein Wort , einen Laut , hob er sie auf das Lager zurück und drückte die sträubende Gestalt in die Kissen . „ Laßt mich , laßt mich ! “ jammerte sie . „ Seit wann ist es erhört , daß man die Menschen bei lebendigem Leibe seziert ? “ „ Ernestine , “ rief ihr Johannes in die Ohren , „ ich bin es , Johannes , ich will Dich ja schützen vor den Andern ! “ Doch sie hörte oder verstand ihn nicht , sie wehrte sich mit solcher Kraft , daß Johannes sie kaum halten konnte . „ Der Oheim , der Oheim ! Jetzt will er mich übers Meer schleppen in dem Zustand , zerfetzt und zerstückt , wie kann ich das ? Man näht doch einen Leichnam wieder zusammen , ehe er ins Grab kommt , und ich soll übers Meer ! “ „ Es ist zum Verzweifeln ! “ klagte die Staatsrätin und fing das taumelnde Gretchen in ihren Armen auf . „ Nun , Vater Heim , glauben Sie noch , daß die Physiologie ein Studium für weibliche Nerven ist , nachdem Sie dies erlebt ? Kann es eine furchtbarere Rache der verleugneten Frauennatur geben , als die anatomischen Phantasien dieses überreizten Gehirns ? “ Heim schüttelte brummend den Kopf . „ Gebrechliche Dinger sind ’ s , aber von