niedergeworfenes Flehen eines Blickes zu würdigen , an ihnen vorüber und zum Saale hinaus . Er hatte die Angelegenheit erledigt haben wollen , ehe die Baronin wiederkehrte , ehe die gräflich Berka ' sche Familie auf das Schloß kam . Nun hatte er sie abgethan , und doch fühlte er sich nicht leichter . Es war ein Mißton in sein Inneres gekommen , den er sich selber nicht zu deuten wußte , aber er hörte ihn immerfort peinlich in sich erklingen , er konnte ihn nicht verstummen machen . Das Wohlwollen , welches er gegen seine Unterthanen sonst gefühlt hatte , war wie aus seiner Brust gerissen ; er sah mit verachtendem Widerwillen auf das Volk herab , und ein bitteres Hohnlachen war die Antwort , die er sich gab , als er seine gegenwärtigen Erfahrungen und seine jetzige Stimmung mit den philanthropischen Bestrebungen und Ansichten seiner jungen Jahre verglich . Er hatte früher sich oftmals darüber ausgesprochen , daß ein Edelmann seine Würde nirgends so völlig behaupten könne , als auf seinem Grund und Boden ; daß er einen großen und schönen Theil seiner Standesvorrechte opfere , wenn er sich hinter die Mauern der Städte zurückziehe und in die Nähe der Höfe begebe , und obschon er von Natur gesellig war , hatte sein Hang zu völliger , selbstbestimmter Freiheit ihn das gesonderte Leben auf dem eigenen Hofe immer als einen Vorzug betrachten machen . Jetzt dünkte es ihm angenehm , der Nähe und der Berührung mit der stumpfen Masse des niederen Volkes möglichst enthoben zu sein , und sein ästhetischer Widerwille gegen dessen Rohheit schlug , ohne daß er sich dessen klar bewußt war , in jene auf das bessere Blut begründete aristokratische Geringschätzung des Volkes um , das ihm gehörte und aus dessen Arbeitskraft er die Möglichkeit zu seiner freien , edelmännischen Selbstbestimmtheit und Willkür schöpfte . Er war unzufrieden mit Allem , was ihn umgab , er meinte immer und immer aufs Neue zu erkennen , daß er sich auf falschem Wege befunden , daß er nicht genug Zucht gehandhabt , daß er in gütiger Lässigkeit überall zu viel freies Belieben um sich her bestehen lassen ; denn das freie Belieben des ungebildeten und unreifen Menschen begann ihm , je schärfer er die Verhältnisse ins Auge faßte , immer entschiedener als die Quelle alles Uebels zu dünken , und während er in seiner warmherzigen und glückverlangenden Jugend daraus den Schluß gezogen haben würde , daß man mit allen möglichen Mitteln danach streben müsse , der Unbildung durch Verbreitung von Aufklärung ein Ende zu machen , meinte er jetzt verdüsterten Sinnes aus seinen eigenen Erfahrungen zu erkennen , daß der einzelne Mensch und vor Allem die große Masse durch Güte nicht zu gewinnen und der bildenden Erziehung nicht zugänglich sei , daß man ihr also keine Freiheit verstatten dürfe , wenn man sich und sie selber nicht der Gefahr eines gefährlichen Mißbrauchs dieser Freiheit aussetzen wolle . Immer geneigt , in Allem , was ihn persönlich betraf , an eine gewissermaßen sichtbare Einwirkung der Vorsehung zu glauben , schien es ihm ein Fingerzeig des Himmels zu sein , daß diese Erkenntniß sich ihm eben durch einen gegen seinen Kirchenbau verübten Frevel neu bestätigte . Er war gegen denselben in den letzten Jahren gleichgültig geworden , er hatte selbst oft gewünscht , ihn nicht begonnen zu haben ; nun , da der Bau sich so stattlich erhob , daß er seine künstlerische Lust neben der Besitzesfreude daran hatte , nun wurde er durch ein von der wüsten Rohheit begangenes Verbrechen daran gemahnt , daß die Masse des Zügels und der Zucht nicht entbehren könne ; und daß diese ihr unerläßliche Zügelung ihr von dem protestantischen Pfarrer nicht angelegt worden sei , dafür meinte er die Beweise jetzt zur Genüge erhalten zu haben . Während er eben so erbittert als schwermüthig im Laufe des Tages und noch spät am Abende im vertrauten Gespräche mit der Herzogin seine Seele von ihrem Kummer zu entlasten strebte , brannten und brüteten der Zorn und der Haß gegen ihn in den Gemüthern seiner Hörigen . Nicht nur die Familien der Schuldigen und Bestraften waren in ihren Herzen gegen ihn empört , auch die völlig Schuldlosen , auch die besten und ihm bis dahin anhänglichsten unter seinen Leuten waren ihm aufsässig und verwünschten mit seiner Hartherzigkeit auch sein Herrenrecht . Sie hätten es nicht zu sagen gewußt , was sich in ihnen und in ihrem Verhältniß zu ihrem Herrn geändert hatte , aber der Amtmann und der Justitiarius erkannten , was geschehen war , und hatten in ihrer richtigen Voraussicht und in richtigem Verständniß des Volkscharakters und des Menschenherzens den Freiherrn von persönlichem Einschreiten in der eigenen Sache fern zu halten gewünscht . Es war nicht die Härte der Strafe , ja , nicht einmal die Art , in der man die Schuldigen zum Geständniß gezwungen , gegen welche das Bewußtsein der Leute sich auflehnte . Es hatte , seit die erste Aufregung in den Pfingsttagen vorüber gewesen war , kaum einen Menschen auf den Gütern gegeben , der das Geschehene nicht bedauerte und der nicht der vollen Meinung gewesen wäre , daß es bestraft werden , schwer bestraft werden und die Strafe hingenommen werden müsse . Hätte der Herr Justitiarius den des Todtschlags schuldigen Stephan in Ketten nach der Stadt geschickt , hätte er den Stellmacher , der nach der Aussage des Kochs diesen niedergeworfen und mißhandelt hatte , schließen , ihn bei Wasser und Brod , wie der Freiherr es gethan , in das seit Jahren nicht mehr benutzte sogenannte Verließ einsperren , und den blödsinnigen Burschen , der den Herrn Caplan verwundet , von dem Büttel peitschen lassen , sie würden es hingenommen haben , ohne mehr denn gewöhnlich zu murren und zu klagen ; denn der Justitiarius war dazu da , auf das Recht zu sehen . Er handelte nicht für das Seinige , er war dem Herrn verantwortlich und ward dafür bezahlt , auf des Herrn Vortheil und Zukommen