er möge mich erleuchten , daß ich in dieser Sache das Rechte thue , wie ich es denn gern in allen Dingen thäte . Es schmerzt mich , wenn ich Dich gekränkt haben sollte , liebe Anna-Maria , denn ich weiß , zu welcher Dankbarkeit ich Dir verpflichtet bin ; aber ich habe auch Pflichten gegen meine Tochter und darf nicht zugeben , daß Du sie mit dem besten Willen von der Welt unglücklich machst . Gott weiß , daß ich nur Euer Aller Bestes will ; und nun , liebe Anna-Maria , laß uns zu Tisch gehen , denn , wenn ich nicht irre , hat Johann schon zweimal gerufen . Die Baronin sollte heute nicht zur Ruhe kommen . Das melancholische Mittagsmahl , an welchem weder Oswald , der Bruno nicht verlassen wollte , noch Helene , die sich mit Kopfschmerzen entschuldigen ließ , Theil genommen hatten , war vorüber und der Baron eben fortgegangen , um sich mit Helenen auszusprechen und sich nach Bruno ' s Befinden zu erkundigen . Die Baronin war mit Felix allein geblieben und jetzt in der äußerst peinlichen Lage , ihm sagen zu müssen , daß ihr gemeinsames Project an dem hartnäckigen Widerstand Helenens und der Unbeugsamkeit des Barons gescheitert sei . Und das sollte sie eingestehen , sie , die sich so viel auf die unbeschränkte Herrschaft , welche sie über ihren Gemahl , über alle ihr Näherstehenden ausübte , zu gute that ; sie , die diese ganze Unterhandlung nicht nur geleitet , sondern auch den ersten Impuls dazu gegeben , Felix zuerst den Vorschlag gemacht , Felix die Bedingungen gestellt hatte - Bedingungen , denen jener zum Theil schon nachgekommen war ! Wie bereute sie es jetzt , den Brief unterschlagen zu haben ! Sie hatte nicht viel mehr daraus gelernt , als was sie so schon wußte , und wie viel hatte sie sich vergeben ! Sie durfte jetzt nicht mit voller Strenge gegen Helene auftreten ; durfte ihre » unkindliche Gesinnung , « ihre » lächerliche Bevorzugung - um die Sache nicht schlimmer zu bezeichnen - dieses Stein « dem Baron gegenüber nicht zu sehr hervorheben . Sie wußte , daß er - besonders in seiner jetzigen Stimmung - einen solchen Vertrauensbruch niemals sanctioniren würde . Ja selbst gegen Felix , ihren Vertrauten , durfte sie nicht ganz offen sein . Sie mußte ihm sagen , daß sie die Schlacht verloren habe , und hatte nicht einmal den Trost , ihm beweisen zu können , daß es nur durch einen unglücklichen Zufall geschehen sei . So mußte also der bittre Kelch geleert werden . Felix traute seinen Ohren kaum . Er , Felix von Grenwitz , ausgeschlagen , zurückgewiesen , mit Verachtung behandelt und in dem einzigen Fall , wo er wirklich ernste Absichten gehabt hatte ? von einem Mädchen , das eben aus der Pension kam ? und möglicherweise wem geopfert ? einem obscuren Menschen , dessen ganzes Verdienst darin bestand , beinahe wie ein Gentleman auszusehen ? Felix that , als ob der Untergang der Welt durch diese Zeichen verkündet sei . Und Helenen zu verlieren - darüber würde sich Felix noch zur Noth getröstet haben ; aber auch die Aussichten auf Bezahlung seiner Schulden , oder genauer auf eine so wesentliche Erhöhung seines Credits - das war das Schlimmste , das , worüber Felix von Grenwitz nicht so leicht hinwegkam . Helenens Aussteuer , die Summe , welche ihm sein Onkel vorschießen wollte , den zu Grunde gewirthschafteten Gütern wieder aufzuhelfen , - nein ! so konnte man nicht mit ihm spielen wollen . Er hatte Alles gethan , was in seinen Kräften stand , er hatte seinen Abschied genommen ; er war von der Baronin autorisirt worden , vor der Gesellschaft seine Bewerbung um Helene nicht zu verschweigen - jetzt war Dienst , Braut , Ehre - Alles verloren . Ich werde mir eine Kugel durch den Kopf jagen ! rief Felix . Die Baronin suchte den Aufgeregten zu beruhigen und es gelang ihr , nachdem sie ihm die feierliche Versicherung gegeben , daß trotz der Erfolglosigkeit seiner Bewerbung die übrigen Verabredungen nicht rückgängig gemacht werden sollten . Nachdem sie sich über diesen äußerst wichtigen Punkt geeinigt , konnten sie mit größerer Ruhe über einige andre sprechen , vor allem über den eigentlichen Grund von Helenens Weigerung . Zu Felix ' nicht geringem Erstaunen behauptete die Baronin heute geradezu , daß ein geheimes Liebesverhältniß zwischen Oswald und Helene bestehe . Sie wollte nicht sagen , was sie veranlaßte , eine frühere Vermuthung jetzt für Gewißheit auszugeben ; aber sie blieb bei ihrer Behauptung , bis Felix zugab , daß die Sache freilich lächerlich , aber doch nicht geradezu unmöglich sei . - Der Mensch ist ein schlauer Intrigant , sagte er . Timm hat mich gleich im Anfang vor ihm gewarnt ; ich habe nicht viel darauf gegeben , weil die Beiden auf einem sehr guten Fuß zu stehen scheinen . Indessen , ich sehe doch ein , Timm hat recht gehabt . In diesem Augenblick wurde der Baronin ein expresser Brief aus Grünwald eingehändigt . Von Herrn Timm , sagte sie erstaunt , den Brief erbrechend ; ich bin doch neugierig , was mir der zu schreiben hat . Er hat doch sein Geld richtig erhalten . Entschuldigen Sie , lieber Felix . Das Erstaunen , die Bestürzung , der Schrecken , welche sich , während die Baronin las , auf ihrem Gesicht malten , waren so ausgeprägt , daß Felix nicht umhin konnte , zu sagen : Aber Tante , was haben Sie ? Sie sind ja wie die Wand so weiß geworden ? O , es ist schändlich ! sagte die Baronin ; es ist schändlich , diese Buben ! es ist eine abgekartete Sache ! ein gemeines Complot ! diese Buben ! Aber um Himmelswillen , was giebt es denn ? rief Felix . Hier , lesen Sie ! sagte die Baronin , ihm mit zitternder Hand den Brief