mehr gehorchen müsse als den Menschen « , wäre aber dem Kirchenfürsten jetzt mit einer so flammenden Ueberredung , ob nun von außen oder von innen ließ Benno unentschieden , gekommen , daß , wenn nicht ein offener Bruch seiner Versprechungen , doch eine gefährliche Deutung derselben seinerseits zu erwarten stünde und man zunächst nur hoffen müßte , daß der in Aussicht gestellte Vermittler dieser Streitigkeiten , der in außerordentlicher Sendung angekündigte Gubernialpräsident von Wittekind-Neuhof durch seine Gewandtheit und seinen Takt den Frieden wiederherstellte . Wie ! Mein - Vater ? rief Bonaventura heftig erschreckend . Benno wiederholte , davon gehört zu haben . Ja , er vermuthete , daß Bonaventura ' s Berufung mit dem Wunsche des Kirchenfürsten zusammenhängen könnte , in seiner schwierigen Lage einen zur jenseitigen Partei in näherer Beziehung stehenden Beistand zu haben . Das wäre ein bitterer Kelch ! sagte Bonaventura und bezweifelte diese Deutung . Der Kirchenfürst , sagte er , wird handeln wie sein Gewissen ihm räth ! In den streitigen Punkten des Tages empfanden beide Freunde ziemlich gleich , nur daß Benno mehr die politischen Gesichtspunkte seines Principals , des Procurators Nück , theilte , ohne jedoch diesem in der Anhänglichkeit an das alte Napoleonische Regiment zu folgen . Benno haßte das herrschende Regierungssystem , das sich damals dem Geiste der Zeit völlig abgewandt und feindlich zeigte . Wo die von demselben vertreten sein wollende Vernunft und Aufklärung in Formen sich ankündigte , die selbst schon wieder etwas Verbindliches hatten , wo , wie damals , ein großer , den besten Kern des deutschen Volkes einschließender Staat unter dem Aushängeschilde der patriarchalischen Beglückung die Erfüllung aller Verheißungen entbehren mußte , die erst mit dem Jahre 1840 in langsamem Fortschritt und wie versuchsweise gewährt wurden , da erlebte man die für alle Zeiten lehrreich bleibende und immer wiederkehrende Erfahrung , daß man dem Besten mistraut , wenn es nicht in dem Geist gegeben wird , der unser ganzes Vertrauen für sich hat . Friedrich ' s II. Aufklärung , die anzunehmen möglichenfalls der Stock gebot , Kaiser Joseph ' s Reformen , die aus dem Hörsaal der Theorieen kamen und scharf wie eine blanke Pflugschar in ein Erdreich schnitten , in welchem eine schonende Hand zuvor das Unkraut der Vorurtheile nicht ausgejätet hatte , die Schulverbesserungen späterer Regierungen , die Unionsversuche auf kirchlichem Gebiete , ja die geordnetste Verwaltung , die musterhafteste Gerechtigkeitspflege , nichts , nichts entschädigt für die Misachtung der persönlichen Freiheit , für die Unterdrückung des unerschrockenen Wortes , für die Ablehnung derjenigen Institutionen , die zuletzt jeder Individualität Gelegenheit geben müssen , mit ihrer Meinung , auch der verkehrtesten , mit ihren Interessen , auch den einseitigsten , mit ihren Ansprüchen auf Kraft und thatsächliche Bewährung , auch den haltlosesten , sich in der einmal uns zur Freiheit des Denkens und Handelns geschenkten Gotteswelt gesund und mannhaft auszuleben . Der schöne Abend lockte beide Freunde noch zu einem Spaziergange . Sie gingen in den Hafen , wo jetzt Dampfschiff auf Dampfschiff vor Anker legte und wol auch das , auf welchem Thiebold de Jonge später angekommen . Sie beide zog es in eine stillere Gegend . Seit dem Morgen auf dem Friedhof von St.-Wolfgang hatten sie sich nicht ausgesprochen . Bonaventura erzählte Benno alles , was zwischen ihm und dem Onkel war besprochen worden über die im Sarge vorgefundenen Reliquien und Benno benutzte die ihm von seinem Freunde gegebene volle Erlaubniß , ja erfüllte den ausdrücklichen Wunsch desselben , wenn er offen sagte : Sicher lebt noch dein Vater ! Die Recognition des Onkels in dem Leichenhause des St.-Bernhard genügt mir nicht . Ihm kam bei seiner Weichlichkeit schon beim Betreten der grauenhaften Schwelle ein Schrecken ; er sah in einer fremden Leiche seinen Bruder und untersuchte nichts mehr ! Mevissen war mit deinem Vater im Einverständniß . Dein Vater wollte annehmen lassen , als wäre er in den Alpen umgekommen . Einen zerschmetterten Leichnam , den man mit seinen Kleidern und Habseligkeiten behängen konnte , die sich später im Leichenhause fanden , erwarb man sich durch Zufall oder durch Bestechung ... das , was allenfalls noch nicht geborgen war , bewahrte Mevissen und nahm das mit in sein Grab ... Daß er es nicht zerstörte , ist überraschend ... Vielleicht , daß dein Vater es so wollte und dabei an dich dachte ... Er verließ dich ohne Abschied - er hoffte vielleicht auf eine Zeit , wo deine Mutter nicht mehr lebte und er dir sich vielleicht noch einmal entdecken konnte - wer weiß , ob nicht in dem Sarg viel mehr gelegen , als du gefunden ! Diese Gedanken unterwühlen die Ruhe meines Lebens ! sagte Bonaventura auf diese aufrichtige Deutung und blickte in den Strom , an dessen Ufer sie hingingen ... Benno ' s Empfindungen waren fast die nämlichen . Auch ihm floß ja das Leben dahin wie die Welle , von fernher kommend , in die Ferne gehend , einmal gesehen , verschwunden dann für immer , räthselhaft und wie ein Traum ... Bonaventura verstand diese Stimmung und fragte nach des Freundes Leben , seiner Thätigkeit , seinen Hoffnungen für die Zukunft . Ich bin , erwiderte Benno , in Verhältnissen , die mir wie der sausende Webstuhl der Zeit erscheinen ! Ich höre täglich in zehn Zimmern dreißig Federn kritzeln ! Allen dictirt Dominicus Nück seine Finten , seine Quarten , seine Terzen ! Das ist bei St.-Peter und Paul ein ganzer Kerl ! Wenn man ihn sieht , im schlechten grauen Ueberrock , schmuzig , falls nicht einmal seine Frau Generalrevision mit ihm gehalten hat , oder wenn er in der Beichte sich schämt , zu viel Schnupftaback auf dem Vorhemd liegen zu haben oder das Beichttuch des Priesters zu verunreinigen - wer möchte dann glauben , daß hier diesseit und jenseit des Wassers alle Ritterbürtigen mit ihm verkehren , alle Domstifte , alle Ordensgesellschaften und Gotteskastenpfleger ! Er hat gelobt , nicht früher wieder einen schwarzen Frack anzuziehen , bis er