Beispiel vorstellte , so antwortete sie , daß Schwan das Leben besser genossen als sie , und also sie sich nicht mit ihm vergleichen lassen könne . Nur sie allein , fuhr sie fort , sei die unglücklichste aller Menschen , da sie , noch so fähig die Freuden der Welt zu genießen , ihnen schon entrissen werde . So verhielt sie sich mehrere Tage , aber auf einmal schien ihre ganze Seele verändert . Sie gestand , daß sie jene verzweiflungsvolle Sprache bloß angenommen , weil sie geglaubt , daß man sie nicht in ihren Sünden dahin sterben lassen werde . Sie bekannte alle ihre Fehler , bezeugte die herzlichste Reue und versprach , Schwan in der Freudigkeit beim Tode zu übertreffen . Auffallend war es dabei , daß sie sich gegen die lutherischen Geistlichen viel aufmerksamer als gegen die katholischen bezeugte , mit jenen viel williger und herzlicher betete und diesen sogar drohte , bei den lutherischen das Nachtmahl zu nehmen . Kurz , auch diese schnelle Bekehrung sollte bloß zum Mittel dienen , Mitleiden zu erwecken und ihr vielleicht das Leben zu retten . Aber auch dieser Kunstgriff half nichts , der Tag ihres Todes erschien , und nun zeigte sich bald , daß ihr letztes Betragen nur Verstellung gewesen . Sie fiel in plötzliche Ohnmacht , und erholte sich aus derselben nur , um in Wut gegen alle Menschen , und selbst gegen Schwan , der ihr Mut einzusprechen suchte , auszubrechen . « Dieses ihr wahres Gesicht behielt die Unglückliche , starr und wild , wie eine dem Volk der Ebene fremde Gebirgswelt , von nun an unverändert bis zum letzten Augenblick bei . Ihr glücklicherer Genosse , der sein altes Kindesherz wiedergefunden hatte , um sich in diesen schweren Tagen daran aufzurichten , fühlte sich durch das Verlieren der kaum wiedergefundenen Geliebten in seinem Glücke schmerzlich gestört ; allein ihm winkte nun der Pfad , den jeder Mensch für sich allein antreten muß , und er klammerte sich mit ganzer Kraft an den Stab , den er erwählt hatte , den ihm seine Kirche reichte . Er nahm das Abendmahl , von dem er einst , wie seine Heimatsbehörde von ihm aufgezeichnet , gesagt hatte , es solle ihm das Herz abstoßen , wenn er nicht Wort halte . Er war dabei aufs innigste gerührt und erklärte überhaupt diesen Vormittag , wie sein Geschichtschreiber erzählt , für einen der glücklichsten seines Lebens . » Ich kann nicht aussprechen « , so drückte er sich selbst hierüber aus , » welch einen glücklichen Vormittag ich heute gehabt habe . Mein Herz wallete vor Liebe zu meinem Heilande . Zu dem komme ich morgen , schon morgen . Morgen um zwölf Uhr aufs längste- bin ich bei ihm . Oh , wenn es doch nur schon morgen wäre ! « Der Geistliche Krippendorff , der zugegen und durch die Äußerungen innigst bewegt worden war , rief voll Freude aus : » O Tod , wo ist dein Stachel ? Hölle , wo ist dein Sieg ? « » Gott sei Dank « , fiel Schwan ein , » der mir den Sieg geben wird , und schon gegeben hat . « An diesem christlichen Heldentum , das die Geschichte in unschuldigen Märtyrern wie in reuigen Verbrechern tausendfach als unverfälschte Gesinnung aufgewiesen hat , soll niemand mäkeln . Wohl aber hat jedes Heldentum , nicht bloß für die gemeine Anschauung , die es niedriggesinnt in den Staub zu ziehen sucht , sondern auch für eine würdigere Betrachtung , die aber nicht anders als mit menschlichem Maße messen mag , seine menschliche Seite , und es kann der Menschenwürde des Bekehrten , den wir hier durch seine letzten Stunden begleiten , keinen Eintrag tun , wenn wir aus den Worten , die seinen Beichtvater beseligten , doch auch den menschlichen Seufzer heraushören , daß die scheußliche , auch ein frommes Herz mit den Krallen der Verzweiflung und der Hölle zerfleischende Marter , die in den ersten Frühstunden beginnen sollte , um die Zeit , wo glücklichere Menschen ihrem Schöpfer danken und seine Gaben genießen , doch hoffentlich überstanden sein werde . Man fühlt sich unwillkürlich von seinem verwahrlosten , aber darum nicht minder lebendig grübelnden Verstande die Frage vorgelegt , warum denn die Menschen einem Mitmenschen , der eine solche Höhe geistlicher Vollkommenheit erreicht hat , daß sein Beichtvater darüber ein frommes Entzücken fühlt , in sein Leben einbrechen , eben jetzt , da er reif wäre , der so bedürftigen Menschenwelt die schönsten Früchte zu bringen . Und wenn man aus dem Munde dieses Beichtvaters antwortet , es stehe im Evangelium , daß , wer das Schwert ziehe , durch das Schwert umkommen müsse , so hört man ihn im Triumphe seiner Bibelfestigkeit entgegenhalten , das Evangelium spreche dies nicht als Vorschrift aus , sondern habe nur die jähzornigen Gemüter jener Zeit warnend darauf aufmerksam machen wollen , daß dies die bestehende jüdische Rechts- und Kirchenordnung sei . Oder wenn der Geistliche erwiderte , es geschehe , damit der bereuende Sünder in diesem Leben nicht mehr rückfällig werde , sondern drüben gleich zu noch höherer Vollkommenheit fortschreiten könne , so muß es dem grübelnden Verstande , den wir kennen und den das Evangelium nicht einschläfern konnte , weil es vielmehr die Geister weckt , schwer geworden sein , die Folgerung zu unterdrücken , daß man aus dem gleichen Grunde jeden Gerechten zeitig vom Leben zum Tode bringen müsse , damit er nicht , als ein Mensch , aus dem Stande der Gerechtigkeit falle . Da jedoch über die Äußerungen oder Gespräche dieser Art sich nichts angemerkt findet , so kann man auch schließen , er habe das Abscheiden aus einem solchen Leben und einer solchen Zeit , nicht bloß im geistlichen , sondern selbst im weltlichen Sinne des Wortes , für einen so großen Gewinn gehalten , daß er über den weltlichen Preis desselben kein Wort verloren habe . » Den Nachmittag « , erzählt sein Geschichtschreiber