Jäger , der nach einer anderen Seite sieht , wo er etwa einen Fuchs vermutet , während das schöne Reh in Schußweite vor ihm hinspringt . Ferdinand aber verlor nun keine Zeit mehr , sondern verschwand unversehens aus dem Saale , als er gesehen , daß Rosalie sich wiederum entfernt habe . Sobald er auf dem Gange war , folgte er ihr mit stürmischen Schritten , daß seine assyrischen Gewänder nur so flogen , erreichte sie in einem abgelegenen stillen Zimmerchen , welches zur Sommerzeit ihr Boudoir war , ergriff ihre beiden Hände und begann dieselben leidenschaftlich zu küssen . Sie hatte gehofft , daß Erikson hinter ihr herkäme ; aber bald erkannte sie an dem leichten Schritte , daß er es nicht sei , und wußte nun in der Verwirrung nicht sogleich , was sie anfangen sollte . Doch entzog sie ihm die Hände , indessen er sagte : » Schönste Frau ! Sie haben zwei Glückliche gemacht ! Beglücken Sie den dritten , indem Sie mir erlauben , Ihnen zu sagen , wie tief ich von Ihrer Schönheit und Anmut , von Ihrem ganzen Wesen ergriffen bin ! « Rosalie zappelte mit ihren Händchen , ihn abwehrend , und rief halb ängstlich , halb lachend : » Herr Lys ! Herr Lys ! ich bitte Sie ! Sehen Sie denn nicht , daß ich heute in meinen Alltagskleidern stecke und nicht mehr die Göttin der Liebe bin ? « » O schöne , liebe Rosalie ! « rief Lys und fuhr fort mit schöner Beredsamkeit , » mehr als je sind Sie die Schönheit und Liebe selbst und alles das , was die Alten so tiefsinnig vergöttert haben ! Sie sind eine ganze Frau im edelsten Sinne des Wortes , in Ihnen ist nur Anmut und Wohlwollen , und Sie verwandeln alles dazu , was um Sie ist . O jetzt begreife ich , warum ich ein Ungetreuer und Wankelmütiger war mein Leben lang ! Wie kann man treu und ganz sein , wo man immer nur das halbe und durch Sonderlichkeit getrübte Weib trifft , bald unfertig in seinem Bewußtsein , bald eigensinnig und überreif in demselben ? Sie sind das wahre Weib , in dem der Mann seine Ruhe und seinen dauernden Trost findet , Sie sind heiter und sich selber gleich , wie der Stern der Venus , den Sie gestern trugen ! O verkennen Sie sich nicht , erkennen Sie Ihr eigenes Wesen ! Diese göttliche Freundlichkeit , welche Sie beseelt , ist nichts als Liebe , welche gewähren muß , sobald sie erkannt und verstanden wird ! Sie muß sich äußern hoch über der trüben Welt von Tugend und Sünde , Pflicht und Verrat , in der Höhe des klaren unveränderlichen Lebens ihres eigenen Wesens ! « Er hatte wieder ihre Hand ergriffen und sah jetzt so schön und aufrichtig aus , daß sie ihm nicht gram werden konnte ; sie ließ ihm desnahen noch eine Weile die Hand und sagte mit großer Anmut und Freundlichkeit : » Sie sind jetzt sehr liebenswürdig , Herr Lys ! und ich will deshalb vernünftig mit Ihnen sprechen . Ich bin weit entfernt , Ihre Grundsätze zu verdammen oder Ihnen eine zimperliche Predigt halten zu wollen , da ich sehe , daß dieselben nicht leere Worte eines unsichern Mannes , vielmehr nur zu deutlich die Äußerung einer tiefer begründeten Lebensrichtung sind . Sehen Sie zu , wie Sie dabei Ihr Glück und Ihre Ruhe finden , von der Sie sprechen ! Aber ich muß Ihnen wenigstens sagen und kann Sie auf das heiligste versichern , daß ich mich selber sehr wohl kenne und daß Sie sich hinsichtlich meines Wesens vollkommen getäuscht haben . Sehen Sie , Herr Lys ! ( und hier zog sie ihre Hand zurück und maß ihm eine rosige Fingerspitze vor , indessen sie etwas ungeduldig mit den Füßchen strampelte ) ich empfinde nicht so viel Neigung für Sie , und ich schwöre Ihnen , daß , was meine Freundlichkeit betrifft , dieselbe nun und nimmermehr das für Sie sein wird , was Sie Liebe nennen oder was ich Liebe nenne ! Ja vielmehr steht sie auf dem Punkte , in Haß und Abscheu umzuschlagen , wenn Sie Ihr Benehmen nicht sogleich ändern ! Entschließen Sie sich dazu , oder ich bitte Sie , mein Haus zu verlassen , denn Sie stören mir alle Freude und machen ein unnützes Aufsehen ! « Als sie dies sprach , funkelte zuletzt durch alle lächelnde Freundlichkeit ein lichter Zorn in ihren Augen , gleich einem Blitz im Sonnenschein , welcher zwar bezaubernd , aber auch so deutlich und entschieden war , daß Lys nicht ein Wort zu erwidern wußte . Er sah sie erstaunt und wehmütig an , wie einer , der aus seiner ganzen persönlichen Beschaffenheit und Überzeugung heraus gehandelt hat und darüber traurig ist , daß er keinen Anklang findet . Dann ging er , ohne ein Wort zu sagen , langsam aus dem Zimmer . Rosalie schaute ihm nach , und während sie aufatmend sich auf ein Sofa warf , mischte sich in den freundlichen Spott , den sie empfand , doch ein geheimstes bedauerndes Gefühl , daß ihr Wohlwollen nicht etwas der Art sein dürfe , für was Lys es gehalten wissen wollte . Inzwischen hatte Erikson endlich ihre und Ferdinands gleichzeitige Abwesenheit entdeckt , und da er Rosalien zu sehr ehrte und liebte in seiner breiten Brust , um sie genauer zu kennen , und auch ein ziemlicher Neuling in dieser Lage war , so verließ ihn plötzlich sein bisheriges Phlegma , und er geriet in die heftigste Aufregung . Die abenteuerlichsten und graulichsten Geschichten von der geheimen Verworfenheit und Schwachheit der Weiber , welche er in Schenken und Männergesellschaften gehört , fuhren ihm wie Gespenster durch den Kopf , die wunderlichsten Eroberungen und Überrumpelungen durch kühne Gesellen , unter den schwierigsten Umständen , kamen ihm in den Sinn und wechselten mit dem Bilde der sich immer gleichen Rosalie , und