gut unterrichten zu lassen , wie den Sohn eines Generals , und wir können es noch erleben , sagte er freudig lächelnd , indem er seiner Gattin derb auf die Schulter schlug , unsern Eugen als General kommandiren zu sehen . Das denke ich , so oft ich ihn in seinem Korbe schreien höre , und mich quälte nur die Sorge , woher ich die Mittel zu seiner Erziehung nehmen sollte ; doch jetzt , Dank meinem verstorbenen Schwager , bin ich von dieser Unruhe befreit . Nach diesen Worten führte der brave Soldat seine Gattin hinweg , und mir traten bald so viele ernsthafte Sorgen entgegen , die die Erinnerung an diese Begebenheit in den Hintergrund meiner Seele zurückdrängten , daß ich nur jetzt , indem ich Ihnen schreibe , dieselbe wieder lebhaft in mein Gedächtniß zurückrufe . Evremont ging nun wieder zu den öffentlichen Begebenheiten über , die er fortfuhr dem Grafen zu berichten , in wie weit er selbst eine handelnde Person dabei war , bis zu dem Augenblicke , wo er Gelegenheit fand seine großen Pakete abzusenden . IX Es war ein schöner , heiterer Frühlingstag des Aprils achtzehnhundert und zwölf , als der Graf Hohenthal in dem Pavillon seines Gartens saß und gedankenvoll hinaus schaute . Wolkenleer glänzte das reine Blau des Himmels , die sommerlich warme Sonne spielte mit blinkenden Lichtern in den Wogen des Rheins . Die Bäume wiegten theils noch schwellende Knospen , theils schon entfaltete Blüthen an den schlanken Zweigen , die Wohlgerüche der Kräuter und der frühen Blumen schwebten in der Luft . Die Aurikeln hatten ihre vielfarbigen Augen geöffnet und ergötzten duftlos durch ihre bescheidene Schönheit . Von den Höhen der Berge schauten die Ueberreste alter Schlösser , die Zeichen entschwundener Macht , herab , an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ernsthaft mahnend , und die Lerche wirbelte ihren heitern Gesang tröstend aus der reinen Höhe herab . Doch es schien nicht , als ob der Graf den Reiz des erwachenden Frühlings beachtete . Die Stirn in die flache Hand gelehnt und den Arm auf die Lehne des Sessels gestützt , schaute er hinaus in das glänzende , tönende , blühende Leben , doch der wehmüthige Zug des Mundes , der ernste Blick der Augen zeigten , daß seine Seele sich mit trüben Gegenständen beschäftigte . Die Gräfin war eingetreten , ohne von ihm bemerkt worden zu sein . Sie betrachtete ihren in tiefes Sinnen verlornen Gemahl , und ein leiser Seufzer entrang sich der beklemmten Brust . Der Graf bemerkte sie und reichte ihr liebevoll die Hand . Theilnehmend forschte die Gräfin nach der Ursache seines tiefen , finstern Sinnes . Finster , antwortete der Graf , waren meine Gedanken wohl nicht , aber ich gestehe , ernst und wehmüthig . Ich muß es oft bedenken , fuhr er fort , wie wir beglückt sind vor Millionen Menschen , wie viele tausend Augen sich mit Neid auf uns richten mögen , und doch , wie wenige glückliche Stunden hat uns dieß Leben geboten ? Schlägt nicht stündlich unser Herz in ängstigenden Sorgen ? Haben wir nicht immer gehofft , nun solle das Leben beginnen , und werde in der nächsten Zukunft das wahre Glück eintreten , und mit diesem ängstlichen Hoffen auf die Zukunft ist in der Pein der Gegenwart das Leben verschwunden , und wir haben es in lauter Anstalten zum Leben verloren . Wenn dieß nun unser Loos ist , wie beklagenswerth muß das Geschick des Armen sein , der alle diese Pein duldet und noch durch heftige Anstrengungen in bitteren Sorgen die Mittel herbei schaffen muß , sich in der kläglichen Gegenwart zu erhalten . Die Thränen träufelten über die Wangen der Gräfin , indem sie sagte : Das Geschick gewährt die guten Stunden wie ein Karger , den seine Gabe , nachdem er sie kaum gegeben , gereut , und der sie dem Armen mit rauher Hand sogleich wieder entreißt . Auch ich , setzte sie hinzu , betrachte mit Wehmuth den Frühling , die erwachende Natur . Wie vieles ist dahin , das nicht mehr erwachen wird , und ich läugne nicht , der Gedanke an meinen Bruder erfüllt meine Seele mit Schmerz . Wie oft habe ich in der Verhärtung meines Herzens gefürchtet , er möchte wiederkehren und sein Anblick würde mich verletzen - und der war schon Staub , dessen Dasein ich fürchtete . Ach ! wie gering ist die Tugend des Menschen ! Können wir doch immer nur wahrhaft vergeben , was uns nicht tief und wahrhaft verletzte ; aber die ewig schmerzlich blutenden Wunden unseres Herzens verzeihen wir nicht ! Der gemeine Rachsüchtige verfolgt seinen Beleidiger und strebt ihm wo möglich noch mehr Böses zuzufügen , als er durch ihn erlitten hat . Wir verzeihen mit dem Munde , wir thun , wenn wir können , unsern Beleidigern Gutes und gefallen uns in der Großmuth unserer Gefühle , ohne wahrhaft zu vergeben ; denn nie wird uns der , von dem wir uns tief verletzt fühlten , wieder das sein können , was er uns vor der Beleidigung war , und wir bereuen unsere Härte nur dann , wenn der Gegenstand derselben Staub ist . Ich glaube , wir haben uns gegen diesen Bruder nichts vorzuwerfen , sagte der Graf mild tröstend . Wir haben ihm unsern Umgang versagt , den er unfehlbar zu nicht löblichen Zwecken würde mißbraucht haben , und unsere Liebe , die doch der nur fordern kann , dessen Herz fähig ist , sie zu empfinden . Was mich aber heute besonders in trübes Sinnen versenkte , fuhr er fort , ist die Nachricht , die dieser Brief mir brachte , daß unser alter Freund , der Obrist Thalheim , sein Leben in den Armen seiner Kinder sanft geendigt hat . Er reichte nach diesen Worten der Gräfin den Brief . Sie las mit inniger Theilnahme , wie sanft der Greis zu der letzten Ruhe in den Armen seiner Kinder entschlummert war , und wie