. Das schauderhafte Bild entlockte der eintretenden Judith einen lauten Schrei . Die endende Mutter hörte ihn noch , faltete bittend die Hand gegen die Tochter , und verschied . Aber auch dem Mordbuben war die Gegenwart der verhaßten Judith nicht entgangen . Sein gräßliches Auge blitzte ihr Verderben entgegen , sein schäumender Mund stammelte : » Verflucht seyst Du , häßliche Brut , und während die Linke den Sack sinken ließ , in welchem er das Kostbarste von Marten ' s Habe geworfen hatte , um es fortzuschleppen , suchte die wuthzitternde Rechte das Messer an der Hüfte . « Judith verstand die unglücksschwangere Bewegung , und kam ihr zuvor , denn das Eisen , das der von Raub und Mord zerstreute Bube am Gürtel wähnte , riß sie aus der Brust der Hingeschlachteten , und zückte es schreiend gegen Zodick selbst . Dem Meuchelmörder fehlte die Faust , was sie nicht mit Stahl bewaffnet , und der feige Verbrecher erstarrte vor dem beherzten Weibe . » Komm an ! « rief ihm das Letztere entgegen : » Jude ! gottesmörderischer Jude ! erwürge mich jetzo , wie Du meine Mutter erwürgt hast . « - » Ich hatt ' ihr ' s geschworen ! « erwiederte Zodick frech , indem er sich gegen die Wand zurückzog : » Ihr habt davon geholfen meinem Lieb , und dafür hat die alte Kehle bezahlt . « - » Niederträchtiger ! « schrie Judith unter heißen Thränen schmerzlichen Grimms ; » wär ' ich ein Mann , Du kämst nicht lebend über diese Schwelle ; aber ich bin ein Weib , gerade noch stark genug , Dir das Messer in den Hals zu rennen , so Du mir nahst . Doch spricht der Herr zu Dir , aus meinem Mund : Dein Weg auch naht sich seinem Ende . Vier Augen , die ich schonen mußte , sind geschlossen auf ewig , aber die Deinen , die ich hasse , dürfen nicht allein offen bleiben . Raube hier , und stehle , was Dir gefällt . Mir würde grauen , von dieser blutgetränkten Habe ein Stück zu nehmen . Doch Dir sey sie Verderben . Ich habe nicht mehr den Vater , nicht die Mutter zu verschonen ; und jetzt noch , - heute - von diesen Leichen weg gehe ich nach Frankfurt . « - » Gott soll mir helfen ! « rief der überraschte Zodick , wie zusammensinkend : » Das thätst Du , Ungeheuer ? Drache des Amalek ? « - » Der Himmel will ' s ! « antwortete Judith gehoben : » Versuch ' s , mich aufzuhalten , da der Herr mir befiehlt , zu gehen ! « - » Eher sollst Du verschwarzen ! « brüllte der Jude , auf sie losfahrend . Da stürzte die Leiche des alten Räubers vollends herab vom Lager , vor die Füße Zodick ' s , und dieser Sturz hemmte seinen Lauf , daß er erbebend stille stand . - Judith riß die Thüre auf : » Siehst Du , wem ich vertraue ? « rief sie siegreich : » der Gott der Welt ist mit mir . Die durch Dich elend Gemachten werden nicht sterben , ... - Deine Bosheit wird enthüllt , und verfällt dem Schwerte . Verzweifle , ich gehe gen Frankfurt ! « - Sie warf sich entschlossen aus der Thüre , und rannte wie eine Gemse davon über Hügel und Sandstürze , das Keuchen und Schnauben des sie verfolgenden Mörders hinter ihr . Ihrem kräftigen Vertrauen , dem Bewußtseyn ihrer , wie von Gott selbst auferlegten Pflicht gelang es , den Vorsprung im gewaltigen Laufe zu vermehren , statt eingeholt zu werden . Zodick ' s Flüche wurden dumpfer , das Keuchen seiner Brust , wie seine Schritte verhallten hinter ihr , und da sie , unfern vom Schellenhofe inne hielt , um von dem gewaltigen Rennen sich zu erholen , war der Nachsetzende ganz zurückgeblieben . Sie zog sich hinter einen Versteck von Schlehensträuchen zurück , um ruhig sich zu erholen , und nach dem Aufgange , wo schon der Tag bleichte , lenkte sich ihr Auge , in welchem jetzt die Thränen ausbrachen , die der Schmerz über den fürchterlichen Tod ihrer Erzeuger darin angehäuft hatte . Feierlich betete sie ein De profundis für die des himmlischen Lichts unwürdigen Seelen , und eine gewisse Freudigkeit entstand in ihr , da sie dieser letzten Kindespflicht genügt hatte , und an die schönere Pflicht dachte , die sie jetzt zu erfüllen sich vorgenommen . Diese Freudigkeit verließ sie auch nicht , als blutrothe Flammen in der Ferne aufstiegen , und Hütte und Scheuer emporloderten im gefräßigen Feuer . » Dort feiert der Mörder sein Fest ! « sagte sie ruhig und betrachtend : » Seine ohnmächtige Rache zerstört das Haus des Meineids und des Mords . Fahrt wohl , arme verirrte Eltern ! Besser ist ' s , das Feuer verzehrt Euer Gebein , als der unehrliche Stöcker müßte es auf dem Anger begraben . Euerm unsterblichen Theil sey aber der Herr der Himmel gnädig , wie auch mir , daß meine Stimme nicht verhalle in der Wüste , und Segen entsprieße aus dem Grabe der Meinigen ! « Fußnoten 1 die Stadt 2 Jüdischer Gebrauch nach dem Tode eines Hausgenossen . Vierzehntes Kapitel . Fasset Muth im Sturm der Wellen , Euern Mast hält Gottes Hand ; Nimmer wird der Kiel zerschellen , Der euch führt in ' s freie Land ! Nur , wenn das Vertrauen bricht , Geht ihr unter , eher nicht ! Moore . Der Altbürger Diether Frosch betrat mit zornflammendem Gesichte und heftiger Geberde das Vorzimmer des Schöffensaals im Rathause , und fragte auffahrend und rauh nach dem Schultheiß . Der Rathsknecht wies ihn in das Verhörgemach , in welchem der Ritter , die Hände auf den Rücken gelegt , und finster simulirend auf und nieder ging . Es war noch früh am Tage ; darum war