, “ sagte Möllner , „ denn Ernestinens Krankheit nimmt mehr und mehr den Charakter eines Nervenfiebers an . Die Gefahr einer Ansteckung ist zu groß . “ „ Ach , ist es nur das , “ wagte Gretchen einzuwenden , „ dann bitte , lassen Sie mich zu ihr . Ich fürchte nichts in der Erfüllung meiner Pflicht . Besser tot sein , als mit einem Bewußtsein leben , wie das meine . O lieber Herr Hilsborn , Sie wissen , wie es in mir ist — sprechen Sie für mich ! “ „ Weigere es ihr nicht , Johannes — sie findet nicht eher Ruhe und Fassung , als bis sie bei Ernestinen war . Ich bringe wohl das schwerste Opfer , da ich sie einer Gefahr aussetze , während ich sie hüten möchte wie meinen Augapfel , aber ich kenne sie und fühle , wie unabweislich ihre Seele nach Ernestinen verlangt . “ „ Nun denn , wenn Sie es nicht anders wollen , mein Fräulein , so teilen Sie mit meiner guten Mutter die Pflege , die sich diese nicht ganz nehmen läßt . “ „ O , ich danke Ihnen und Ihnen , mein lieber Herr Vormund . Darf ich Ernestine bald sehen ? “ „ Führe sie hinein , beste Mutter , während ich mit Hilsborn das Weitere bespreche , “ sagte Johannes . „ Kommen Sie , mein Kind ! “ Die Staatsrätin öffnete sachte die Tür und ließ das Mädchen in das halbdunkle Gemach treten . Gretchen stand wie angewurzelt . Da lag sie vor ihr auf ihrem Schmerzenslager , die furchtbare , stummberedte Anklägerin ihres Vaters , das unglückliche Opfer seiner Verbrechen — schön und bleich , wie die verkörperte Poesie des Todes , die stolze Lilie , geknickt , vielleicht , um nie wieder zu erstehen , von derselben Hand , die sich noch vor wenig Tagen segnend auf Gretchens Haupt gelegt . Wie zerschmettert sank das arme Kind , wo es stand , in die Knie und streckte flehend die Arme nach Ernestinen aus : „ Vergib , vergib ! “ war Alles , was es mit mühsam verhaltenem Jammer sagen konnte . Ernestine konnte nicht antworten , denn sie konnte nicht hören . Ihr Geist war in Nacht versunken und wirre Träume trieben in toller Anarchie ihr Wesen , wo sonst die reine Vernunft als Königin gethront . Erst nachdem Gretchen sah , daß Ernestine bewußtlos sei , wagte es sich ganz nahe zu ihr hin . Es betrachtete sie mit inbrünstiger Bewunderung : „ Nein , der Vater hat Dich verkannt — oder verleumdet : Du bist nicht schlecht — Du kannst nicht schlecht sein ! “ sagte es im Geiste zu ihr und hauchte einen leisen Kuß auf ihre schmale Hand . Ahnte , fühlte die Kranke , daß etwas Liebendes in ihrer Nahe sei ? Sie griff nach dem knienden Mädchen , hielt es beim Kleide und lehnte den Kopf an seine Schulter . „ O , — o — sie mag mich um sich leiden — “ flüsterte Gretchen mit einem glückseligen Ausdruck . Die Staatsrätin konnte nicht umhin , die dunkeln Haare des reizenden Geschöpfes zu streicheln und Frau Willmers hatte ein Gefühl , als sei dieses fremde Mädchen ein Engel , der gekommen , Ernestine heimzuholen in eine bessere Welt . „ Solch ein Krankenzimmer laß ich mir gefallen , “ sprach plötzlich eine gedämpfte Baßstimme , die Gretchen sehr erschreckte . „ Da sieht man doch auch etwas Hübsches , “ fuhr die Stimme fort und der alte Heim schaute Gretchen mit seinen durchdringenden Augen unter den buschigen Weißen Brauen an . Das Mädchen wollte sich erheben , doch Ernestine ließ es nicht los und Heim winkte ihm , ruhig zu bleiben . „ Du hast ja noch eine Hand frei , mein Kind , gib sie mir . Ich bin der Pflegevater Deines Vormundes und weiß schon , welch braves Kind Du bist . Hat ’ s recht gemacht , der Junge , daß er Dich mitnahm , hätte Dich auch mitgenommen . — Gott grüß Dich ! “ Und er setzte sich an das Bett und verschnaufte ein wenig , denn er war in letzter Zeit etwas kurzatmig geworden . Es war so still im Zimmer , daß man nichts hörte als seine Atemgeräusche , während er Ernestinen den Puls fühlte . Es ist immer ein feierlicher Augenblick , wenn der Arzt über die Rettung eines Menschenlebens nachdenkt , und Niemand will ihn dabei stören . Tod und Leben halten im Kampfe inne und harren der Hilfsmächte , die er ihnen sendet . Und er sinnt über einer Zauberformel , die wohltätigen Geister der heilenden Kräuter zu beschwören , und die finstern Gnomen , die in den Tiefen der Erde die metallischen Stoffe und Salze bereiten , oder die Nymphen der heilenden Quellen — das ganze Heer guter und feindlicher Kräfte , das der Medizin untertan . Es ist keine große Arbeit , solch ein Rezept , es kostet nicht so viel Mühe wie ein Gedicht , aber es entscheidet oft über Sein oder Nichtsein . Außer Gretchens hingen noch zwei Augen erwartungsvoll an Heim — die Möllners , der leise eingetreten . „ Nun , was meinst Du ? “ fragte er bange . Heim zuckte die Achseln . „ Ich glaube nicht , daß es ein Typhus wird . Indessen — “ Die Kranke hatte kaum Johannes Stimme gehört , als sie Gretchen losließ und sich der Seite zuwandte , von wo er sprach . Er trat zu ihr und beugte sich herab . Sie schlang einen Arm um seinen Hals , doch schnell ließ sie ihn wieder los , als wolle sie sich selbst im Delirium nicht für überwunden geben . Dann murmelte sie ängstlich : „ Den Totenkopf weg ! O weh , er ist mir angewachsen und er drückt mich zu Boden . “ Sie fuhr sich nach der Stirn , die jetzt in