wenn Sie während der Dauer eines ganzen Jahres mit mir stritten , mich ärgerten und mir widersprächen , so würde ich mir die selige Freude nicht versagen , die sich mir in dieser Stunde flüchtig offenbart hat – nämlich , zum Teil eine schwerwiegende Verbindlichkeit abzuzahlen und mir Freunde für das ganze Leben zu erringen . « » So denken Sie jetzt , « begann St. John wiederum , » weil Sie nicht wissen , was es heißt , Reichtum zu besitzen und folglich sich desselben zu erfreuen ; Sie haben keinen Begriff von der Wichtigkeit , welche der Besitz von zwanzigtausend Pfund Ihnen verleihen würde ; von der Stellung , welche sie Ihnen in der Gesellschaft geben würden ; von den Aussichten , welche sich Ihnen dadurch eröffnen würden ; Sie können nicht – – – « » Und Sie , « unterbrach ich ihn , » können sich keinen Begriff machen von der Sehnsucht , welche ich nach schwesterlicher und brüderlicher Liebe empfinde . Ich hatte niemals eine Heimat , niemals Brüder oder Schwestern , Ich will und muß sie jetzt haben . Widerstrebt es Ihnen denn , mich aufzunehmen und anzuerkennen ? « » Jane , ich will Ihnen ein Bruder sein – meine Schwestern werden Ihre Schwestern sein – ohne daß Sie uns das Opfer Ihrer gerechten Ansprüche bringen . « » Bruder ? Ja , In der Entfernung von einigen tausend Meilen ! Schwestern ? Ja ! Die ein Sklavenleben zwischen Fremden führen ! Und ich reich ! Überschüttet mit Gold , das ich mir nicht erworben und das ich nicht verdiene ! Und Ihr arm ! Großartige Gleichberechtigung und Brüderlichkeit ! Enge , innige Vereinigung ! Herzliche Liebe und Anhänglichkeit ! « » Aber Jane , Ihre Sehnsucht nach Familienbanden und häuslichem Glück könnte doch in anderer Weise gestillt werden , als in jener , welche Sie im Sinne haben ! Sie könnten sich doch verheiraten ! « » Noch einmal Unsinn ! Heiraten ! Ich will nicht heiraten und werde niemals heiraten ! « » Das ist zuviel gesagt . Solche gewagte Behauptungen sind ein Beweis von der Erregung , in welcher Sie sich befinden . « » Es ist nicht zuviel gesagt . Ich weiß , was ich empfinde und wie all mein Denken dem bloßen Gedanken einer Heirat widerstrebt . Niemand würde mich aus Liebe heiraten , und ich wünsche nicht in dem Licht einer einfachen Geldspekulation dazustehen . Überdies will ich keinen fremden , mir unsympathischen Menschen , der ganz von mir verschieden ist . Ich will meine Anverwandten , mit denen ich jedes Gefühl gemeinsam habe . Sagen Sie noch einmal , daß Sie mein Bruder sein wollen . Als Sie jene Worte aussprachen , war ich zufrieden und glücklich ; wiederholen Sie sie , wenn Sie können ; wiederholen Sie sie aufrichtig ! « » Ich glaube , daß ich es kann . Ich weiß , daß ich meine eigenen Schwestern stets geliebt habe ; und ich weiß , auf was meine Liebe für sie gegründet ist – auf die Achtung vor ihrem Wert , auf die Bewunderung ihrer Eigenschaften und Talente . Auch Sie besitzen Gemüt , Herz und Grundsätze ; Ihre Geschmacksrichtung und Ihre Gewohnheiten gleichen denen Marys und Dianas ; Ihre Gesellschaft ist mir stets angenehm ; in der Unterhaltung mit Ihnen habe ich schon seit langer Zeit einen wohlthuenden Trost gefunden . Ich fühle , daß ich Ihnen leicht und gern einen Platz in meinem Herzen einräumen kann ; Sie sind meine dritte und jüngste Schwester . « » Ich danke Ihnen ! Für heute abend bin ich damit zufrieden . Jetzt sollten Sie aber gehen ; denn wenn Sie noch länger blieben , regten Sie mich vielleicht von neuem durch Ihre mißtrauischen Gewissensbisse auf . « » Und die Schule , Miß Eyre ? Die wird jetzt doch vermutlich geschlossen werden müssen ? « » Nein ; ich werde den Platz einer Lehrerin behalten und ausfüllen , bis Sie einen Ersatz für mich gefunden haben . « Er lächelte zustimmend . Dann drückten wir uns die Hände und er ging . Ich brauche wohl nicht bis in alle Einzelheiten der weiteren Kämpfe , welche ich zu bestehen hatte , der vielen Argumente , derer ich mich bedienen mußte , zu erwähnen , bis ich endlich die Angelegenheit der Erbschaft so geordnet hatte , wie ich es wünschte . Meine Aufgabe war eine sehr schwierige ; da ich aber fest entschlossen war – da meine Verwandten endlich einsahen , daß es unwiderruflich fest bei mir stand , eine gerechte und gleichmäßige Teilung des Vermögens vorzunehmen , – da sie endlich in ihrem innersten Herzen wohl die Billigkeit dieser Absicht anerkannt und außerdem sich wohl klar bewußt waren , daß sie an meiner Stelle gerade so gehandelt haben würden , wie ich zu handeln wünschte – so gaben sie schließlich insoweit nach , daß sie einwilligten , die Sache einem Schiedsgericht zu unterbreiten . Die erwählten Richter waren Mr. Olliver und ein tüchtiger Rechtsanwalt ; beide stimmten mit meiner Ansicht überein . Ich trug den Sieg davon . Die Akte der Übertragung wurden ausgefertigt . St. John , Diana , Mary und ich bekamen alle ein hinreichendes Auskommen . Vierzehntes Kapitel . Das Weihnachtsfest war beinahe herangekommen , ehe alles geordnet war ; die Zeit des Festes der ganzen Christenheit war nahe . Jetzt schloß ich die Schule von Morton und trug Sorge dafür , daß die Trennung meinerseits nicht ohne äußeres Zeichen vorüberging . Das Glück öffnet doch Hand und Herz gar wundersam ; und in geringem Maße zu geben , wenn wir reichlich empfangen haben , ist nur ein Abfluß , den wir der ungewohnten Aufwallung unserer Gefühle verschaffen . Schon lange hatte ich voll Freude empfunden , daß manche meiner ländlichen Schülerinnen mich liebten , und als wir voneinander Abschied nahmen , wurde diese Empfindung vollauf bestätigt ; sie legten ihre Anhänglichkeit für mich deutlich und ehrlich an den Tag . Wie