. « » Unglücklicher , genügt es nicht , wenn ich Ihnen sage , daß dies Buch von einem unserer Gegner herrührt ? Vorwärts an ' s Werk ! « Lämmerschreyer blätterte fünf Minuten in dem Buche und schrieb : » Dunkle Verhängnisse von Fritz Leonhart . - Ein ungesunder Zolaismus durchweht dieses Machwerk . Es erweckt einen widrigen Eindruck . Die Charaktere sind verschroben . Die Handlung dürftig . Der Styl läßt Alles zu wünschen übrig . « - » Zum Teufel ! « schrie der Chef wüthend , » Sie verstehn ja gar nichts . Zolaismus ? ! Das ist ja eine Reklame-Recension . Haben Sie noch nie vom vernichtenden Lobe gehört ? Das wenden Sie hier an - ich mache Ihre Anstellung davon abhängig . « Jener zerbrach sich mehrmals den Kopf , blätterte nochmals in dem Buche und schrieb gelassen die großen Worte : » Ein hübsches Büchlein . Eine gewisse , deutlich die Jugend des Verfassers verrathende , rührende Naivetät fordert eine strenge und gerechte Kritik zur Schonung auf . Diese Schilderungen des Berliner Lebens entbehren nicht der Frische . Häufig schlägt Verfasser einen kecken Ton an , wird aber dann leider herzlich langweilig . Doch sind in diesem ansprechenden Versuch immerhin das redliche Streben und der Jugendmuth dieses arbeitssamen und fast wie Calderon und Lope ( man kennt Platen ' s Distichon ) fruchtbaren Schriftstellers anzuerkennen . Wird Leonhart erst gründlicher das Leben kennen lernen , so werden auch seine Charaktere jene Unreife jugendlicher Anschauung verlieren , die in jeder neu auftauchenden Romanfigur einen Karl oder Franz Moor zu sehen glaubt . Vielleicht gewinnt die jetzt recht alltägliche , magre und schattenhafte Fabel dann auch an Spannung . Die Sprache verräth oft Nachlässigkeit und die mangelhafte Schulung des Autors . So heißt es - wir könnten zahllose andre Beispiele anführen - z.B. : Edgar saß ruhig auf dem Felsen und starrte in die blaue Unendlichkeit ( ! ) . Möge es uns der Autor nicht verübeln : Herr Edgar gleicht wirklich dem berühmten Greis , welcher auf dem Dache saß und sich nicht zu helfen wußte . Haben Sie schon mal eine blaue Unendlichkeit gesehn ? Ich nicht . Auch finden sich zahlreiche Anklänge an ältere Meister . Z.B.S. 163 : Gehorsam ist die Pflicht eines Christen , grobes Plagiat aus Schiller ' s Kampf mit dem Drachen , u.s.w. Kurz , trotz unserer redlichen Bemühung , dem strebsamen Autor gerecht zu werden , und obwohl wir nicht daran verzweifeln wollen , daß dieser später einmal etwas Ordentliches zu leisten fähig sein werde - , müssen wir dies Büchlein doch im Ganzen als kaum eben genügend bezeichnen . « - - Der Chef las - » Sie sind zum Feuilleton-Redakteur ernannt ! « rief er aus . » Das Buch liest Keiner von unsern Abonnenten . Haha , neulich hat Leonhart mich nicht auf der Straße gegrüßt - na ! « Er rieb sich mit dem wohlthuenden Bewußtsein einer guten That die fettigen Hände . Jetzt war Lämmerschreyer schon einen vollen Monat Feuilleton-Redakteur und fühlte sich als sechste Großmacht . Während dieser ganzen Zeit hat der Chef immer nur für kalten Ausschnitt gesorgt und jede Erhitzung des Kopfes mit eigenem Federansetzen verschmäht . In der ersten Zeit schrieb der Neuling noch viel - das ist so eine Art Rekrutenfieber , » l ' enthousiasme du départ « nennen es die Franzosen . Später entwickelten sich seine journalistischen Fähigkeiten jedoch bedeutend und jetzt maß er sich selbst mit den gewiegtesten Meistern der Scheere und des Kleistertopfs . Auch als Kritiker druckte er gewöhnlich die eingesandten Schemas der Verleger ab oder forderte die Autoren auf , wenn sie ihm bekannt , selbst über sich zu recensiren . So hält man sich die Mühen vom Halse . Nur über ' s Theater schrieb er gern selbst . Es giebt da so hübsche Schauspielerinnen und was thut die Kunst nicht für den Ruhm ! War er doch der Gewaltige , der selig machen und verdammen kann - war er doch der Spender des Ruhmes , der Feuilletonredakteur eines täglich erscheinenden Blattes ! Manchmal stiegen auch verhungernde Poeten an , die ihre selbstgeschriebenen Opera empfahlen . Nun , da mußte man den Chef sehn , wie er Jedem rieth , seinen Styl nach Ihm zu bilden ! ! In der That geht die dunkle Sage , daß der Chef neulich einmal sechs Zeilen zu zwanzig Zeilen Ausschnitt hinzugeschrieben haben soll . Auch Kasimir Pakosch erschien vor seiner neuen Première und ließ aus Versehn in der Nähe des dickbauchigen Kleistertopfs einen knittrigen Brief liegen , in welchen sich eine Banknote verirrt hatte . Doch rief ihn Lämmerschreyer ernsthaft zurück und machte ihn als ehrlicher Finder aufmerksam . Pakosch erröthete . Hatte er sich doch in der Adresse geirrt , da er von hier aus zu Rafael Haubitz wallfahrten wollte . Dafür versicherte er Lämmerschreyer mit verschwimmenden treuen wasserblauen Germanenaugen : » Ja , nur zu Ihnen komme ich , mein verehrter Herr , nur zu Ihnen . Wie würde ich sonst - ! Aber die Reife Ihres Urtheils - ! Ach , wie wenig liegt mir sonst am äußeren Erfolg , der so leicht in Scherben fällt ! Ich bin ein müder Mann , lieber Freund . Nur der Glaube an das ewig Schöne , diesen heiligen Sebastian mit dem Pfeil in purpurner Wunde - nur er hält mich noch aufrecht als Stab meines müden Lebens ! « Ein andermal erzitterte sogar die Redaktionsstube unter dem klobigen Dichterschritt des Herrn von Alvers . Puterroth vor edlem Zorn über den mangelnden Schutz seiner künstlerischen Persönlichkeit , biederte er mächtig darauf los . Sein breiter urgesunder Brustkasten bildete gleichsam den dröhnenden Resonnanzboden seiner sittlichen Ueberzeugung , daß Er als der Erkorene allein den Weg zum Herzen seines Volkes gefunden habe . Um dies Bewußtsein ja nicht einschlafen zu lassen , erließ er von Zeit zu Zeit dröhnende Ukase , worin er Gott und den Menschen sein Leid klagte , er werde lange