Freude brach aus Helenens dunklen Augen und ein zartes Roth flog über ihre bleichen Wangen . Ich gehe gern , sagte sie . Aber nicht nach Hamburg , sagte die Baronin , und es lag eine grausame Ironie in Ton und Wort : ich habe genug von Mary Burton . Du gehst nach Grünwald . Ich habe schon an Fräulein Bär geschrieben . Sie ist nicht ganz so nachsichtig wie Madame Bernhard , aber mit der Zeit der Güte und Nachsicht ist es jetzt auch vorbei . Begieb Dich auf Dein Zimmer . Um sechs Uhr wünsche ich Dich zum Ball angezogen zu sehen . Ueberlege Dir noch einmal , was Du thun willst . Ich gebe Dir bis dahin Bedenkzeit . Du kannst gehen . Helene ging , ohne ein Wort zu erwiedern , nach der Thür . Als sie dieselbe fast erreicht hatte , trat der alte Baron herein . Wo willst Du hin , mein Mädchen ? sagte er , die Hand freundlich nach ihr ausstreckend . Helene ergriff die Hand ; drückte sie an ihre Lippen und sagte : Verurtheile mich nicht , Vater , ohne mich gehört zu haben . Dann eilte sie aus dem Zimmer . Was hat das Mädchen ? sagte der alte Herr , ihr voller Erstaunen nachsehend . Komm , Grenwitz , sagte die Baronin , ich habe über eine Sache von Wichtigkeit mit Dir zu sprechen . Siebenundfünfzigstes Capitel Die Unterredung zwischen der Baronin und ihrem Gemahl dauerte eine geraume Zeit , aber Anna-Maria war heute nicht glücklich in ihren diplomatischen Bemühungen . Eben so wenig , wie sie im Stande gewesen war , den Stolz ihrer Tochter zu beugen , vermochte sie den sonst so fügsamen Gatten diesmal zu ihren Ansichten zu bekehren . Schon öfters in den langen Jahren ihrer Ehe hatte sich in dem Gatten , der ihrer höheren Einsicht sonst so blindlings vertraute , der mit einer Art von abgöttischer Verehrung an ihr hing , ein Geist des Widerspruchs geregt , oft , wo sie es am wenigsten erwartete . Sie hatte durch kluge , rechtzeitige Nachgiebigkeit dann jedes Mal dergleichen Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen gewußt , was ihr um so leichter geworden war , als es sich meistens um höchst gleichgiltige Dinge handelte . Heute aber hatte sie nicht bedacht , daß der Baron ja am Ende doch sein Kind lieben und dann natürlich ihr Glück , ihre Ruhe höher anschlagen könnte als alle weltlichen Vortheile . Und nun geschah wirklich das Unglaubliche . Der alte Herr erklärte mit großer Entschiedenheit , daß er die Vortheile , welche allen Betheiligten aus einer Verbindung zwischen Felix und Helene erwachsen könnten , durchaus zu würdigen wisse ; daß er sich sehr gefreut haben würde , wäre diese Verbindung zu Stande gekommen , daß es aber schließlich doch die Ruhe und das Glück Helenens sei , um die es sich handle , und daß , wenn Helene erkläre , Felix nicht lieben zu können , die Sache damit ein für alle Mal abgemacht sei . Dabei blieb er , mochte Anna-Maria sagen , was sie wollte . Und Anna-Maria ließ es an Worten , ja selbst an Thränen nicht fehlen . Vergebens , daß sie Helenens Trotz , Helenens unkindliches Benehmen in der eben stattgehabten Unterredung mit den schwärzesten Farben schilderte ; vergebens , daß sie dem alten Mann mit dem Aeußersten drohte , ihm drohte , daß er nur zu wählen habe zwischen seiner treuen Gattin und seiner ungehorsamen Tochter , daß sie in ihrem eigenen Hause nicht die Schmach erleben wolle , ihr eigen Kind über sich triumphiren zu sehen - der alte Herr behauptete die einmal eingenommene Position mit einer zähen Hartnäckigkeit : Helene sei nicht schlecht ; sie habe sich in ihrer Heftigkeit vergessen können , aber sie sei nicht schlecht , sie werde die Mutter um Verzeihung bitten , wenn sie dieselbe beleidigt habe ; aber gesetzt , sie sei nicht so gut , wie er glaube , gesetzt , sie habe sich gegen ihre Mutter vergangen , so sei das doch immer kein Grund , sie in eine ihr verhaßte Ehe zu zwingen . - Alles , was die Baronin erlangen konnte , war , daß , wenn Helene sich nicht nachgiebig zeigen sollte , sie das elterliche Haus auf einige Zeit verlassen müsse . Der Baron willigte darein , weil er diese Trennung für das beste Mittel hielt , Mutter und Tochter wieder zusammen zu bringen , wenn sich die Leidenschaft nur erst auf beiden Seiten ein wenig gelegt haben würde ; und er hatte nichts dagegen , daß man Helene nach Grünwald anstatt nach Hamburg schicke , da er so viel öfter Gelegenheit hatte , seine Tochter zu sehen , und er überhaupt in der Stille die ganze Maßregel für ein Provisorium hielt , dessen vermuthlich sehr kurze Dauer die lange Reise nach Hamburg gar nicht verlohne . - Anna-Maria ihrerseits mußte sich nothgedrungen mit diesem Resultat zufrieden geben , um so mehr , als sie fürchtete , daß Helene , wenn man sie zum Aeußersten treibe , die fatale Angelegenheit mit dem Briefe zur Sprache bringen werde . Dieser Gedanke hatte sie überhaupt in der ganzen Unterredung weniger energisch erscheinen lassen , als wohl sonst ihre Gewohnheit war . Das böse Gewissen hatte sie feig gemacht und diese Feigheit dem Baron seinen Sieg wesentlich erleichtert . Er küßte seine Gemahlin auf die Stirn , wie er es nach einer Scene größerer oder kleinerer Uneinigkeit stets zu thun pflegte , dankte ihr für ihre Bereitwilligkeit , sich seinen Ansichten und Wünschen zu accommodiren , und sprach die Hoffnung aus , daß in kurzer Zeit der gestörte Familienfrieden vollkommen wieder hergestellt sein werde . Es drückt mir das Herz ab , wenn ich sehe , daß die , welche ich am meisten liebe auf Erden , unter sich uneins sind ; sagte der gute alte Mann und die Thränen standen ihm in den Augen . Ich habe Gott alle Tage gebeten ,