auch nur um Stunden , verkürzt habe . Ich wollte ihm in unserer letzten Unterredung mein ganz versöhntes , ihm völlig vergebendes Herz zeigen , weil ich glaubte , dieß sei , um sein Gewissen zu beruhigen , nothwendig . Er unterbrach mich aber , indem er mir sagte , ich möchte erlauben , daß er seine letzten Gedanken auf wichtigere Gegenstände richtete , denn es sei ein Irrthum von mir , wenn ich glaube , daß ich ihm so viel zu verzeihen habe ; wir wären auf dem Wege unseres Lebens nur durch verschiedene Ansichten geleitet worden , und dieß sei Alles . Ich vergaß in diesem Augenblicke die Nähe seines Todes . Der Schmerz über mein durch ihn zu Grunde gerichtetes Leben überwältigte mich , und tief empört darüber , daß er nicht einmal eine Ahnung von seinem gräßlichen Unrecht zu haben schien , ließ ich mich zu einer Leidenschaftlichkeit verleiten , die ihn in seinen letzten Augenblicken nicht schonte , und der Strom meiner Vorwürfe wurde nur durch den Strom des Blutes gehemmt , der aus seinen Wunden drang . Mein Bekannter , der Obrist , dessen Schutz ich die Wittwe empfohlen hatte , unterbrach unsere Unterredung , indem er kam , unhöflich , daran zu erinnern , daß er mit seinem Regimente aufbrechen müsse . Eilig war Alles zur Abreise geordnet , und ich trennte mich nicht ohne Theilnahme von einer Frau , deren Lebensglück ein Elender gewissenlos zertrümmert hatte . Auf dem Rückwege zu meinem Regimente drängte sich mir die Betrachtung auf , wie falsch wir oft über die Menschen urtheilen , wenn wir bei ihnen Gewissensqualen über Handlungen voraussetzen , die wir als abscheulich erkennen . Ich habe im kurzen Laufe meines Lebens schon manchen ruhig sterben sehen , von dem seine Bekannten behaupteten , seine Handlungen würden in der Stunde seines Todes schwer auf seiner Seele lasten . Die Unglücklichen erkennen ja ihr Unrecht nicht ; die Verblendung verläßt sie ja auch im letzten Augenblicke nicht . Sie halten ihre Schlechtigkeit für Klugheit , ihre Hartherzigkeit für Vernunft und männlichen Charakter , den schnödesten Geiz für eine achtungswerthe Sparsamkeit , und haben so für jeden Fehler den Namen einer Tugend bereit , unter dem die Sünde recht mit Liebe gehegt wird . Würde denn nicht auch jeder Mensch eilen , ihn schändende Makel von sich zu thun , wenn er sie als solche erkennte ? Aber das ist unsere unglückliche Verblendung , daß wir unsere schlimmsten Fehler für unsere besten Tugenden halten . Als ich das Standquartier meines Regiments erreichte , bemerkte ich , daß das erwartete , welches sich mit dem meinigen vereinigen sollte , schon eingetroffen war , und da nun kein Grund zum Verweilen mehr vorhanden war , so wurde beschlossen am andern Morgen aufzubrechen , und wir verließen eine Gegend , die mir gewissermaßen merkwürdig geworden war . Erst nachdem einige Tagesmärsche zurückgelegt waren , ließ ich die Marketenderin und ihren Gatten rufen . Das Gesicht der Frau zeigte deutlich , wie übel sie mit mir zufrieden war , daß ich sie gleichsam in Gefangenschaft unter der Aufsicht ihres Mannes mehrere Tage erhalten hatte , und ich hatte Grund zu vermuthen , daß er das Recht des Mannes der Frau zu befehlen durch sehr ernsthafte Mittel hatte müssen geltend machen , ehe sie sich ihm zu gehorchen bequemte . Ich machte sie nun mit dem Tode ihres Bruders bekannt und versüßte die Nachricht dadurch , daß ich ihr das ihr bestimmte Erbe einhändigte . Die schwere mit Dublonen gefüllte Börse verfehlte ihre Wirkung nicht . Sie trocknete die Thränen und sagte , es sei doch grausam von mir , daß ich ihr jetzt erst den Tod ihres einzigen Bruders anzeigte , der doch in seinen letzten Augenblicken ihrer noch liebevoll gedacht habe , und nun , da wir schon so weit entfernt wären , könne sie nicht einmal den Trost haben , sein Grab mit ihren Thränen zu benetzen . Ich entschuldigte mein Verfahren , so gut ich vermochte , ohne ihr zu sagen , daß ich sie gerade von solchen Beweisen ihrer Zärtlichkeit hatte abhalten wollen , denn ich bin sehr überzeugt , daß der sogenannte Don Fernando mit diesem Namen gestorben ist , ohne dem Pfarrer in seiner letzten Beichte das demüthige Bekenntniß abzulegen , daß er der Sohn des alten Lorenz und der Bruder der Marketenderin sei , und der gutmuthige , beschränkte alte Mann würde sich mit Gewissenszweifeln darüber gequält haben , daß er einem so verhärteten Sünder die vollständige Absolution gewährt hatte und ein christliches Begräbniß mit allem Prunke , den seine kleine Kirche bieten konnte , wenn er diesen Umstand erfahren hätte . Die Schwester des Verstorbenen nahm meine Entschuldigung kalt auf ; der Unteroffizier , ihr Gatte , aber sagte lächelnd : Ich habe Sie , mein Obrist , niemals hart gefunden ; im Gegentheil , Ihre Milde erkennt das ganze Regiment dankbar an ; wenn Sie also dieß Mal für nöthig gefunden haben , eine Ausnahme zu machen und sich gegen meine Frau hart zu zeigen , so müssen Sie dazu wichtige Gründe haben , die uns weiter nichts angehen . So sehe ich die Sache an , und damit kann sich meine Frau ebenfalls beruhigen . Was aber die Erbschaft anbetrifft , fuhr er fort , indem er die Börse aus den Händen seiner Gattin nahm und sie wohlgefällig in seiner braunen Hand wiegte , so gestehe ich , daß sie mich freut , denn dieses Geld soll unserm kleinen Eugen zu Gute kommen . Ich habe die Ueberzeugung , fügte er hinzu , indem er die funkelnden Augen auf mich richtete , daß Niemand im Regimente meinen Muth bezweifelt ; ich stand immer mit den Braven und würde es weit in der Armee gebracht haben , wenn nicht die Armuth meiner Eltern es ihnen unmöglich gemacht hätte , auch nur die geringste Sorgfalt auf meine Erziehung zu wenden . Jetzt habe ich die Mittel in Händen meinen Sohn so