als sie fassen konnte . — Noch ein Augenblick , und Gretchen war gerüstet . „ Leb wohl — Mutter , “ sagte sie und sank in Berthas Arme , die schwere , heiße Tränen an dem Hals des schönen Kindes weinte . „ Ich werde Dir nie vergessen , was Du heute Liebes an mir getan — und wenn Du je meiner bedürfen solltest , dann wirst Du mich als Deine Tochter finden . “ „ Mein Kind , mein braves Kind ! “ schluchzte Bertha : „ Ach trag mir nichts nach , wenn Dir ’ s , möglich ist . “ „ Gewiß nicht , liebe Mutter . Lebe in Frieden und Gott schenke Dir Freude an Deinen andern Kindern ! “ Hilsborn winkte Gretchen zur Eile . Sie wand sich sanft aus der Mutter Armen und schritt in bitterem Schmerz die Treppen hinab , die ihr Vater gestern zum ersten und letzten Male heraufgestiegen war . „ Schreib wenigstens hin und wieder , “ rief ihr Bertha nach . „ Gewiß — ich verspreche es Dir . “ Als sie unten ankamen , stand ein Schwarm Neugieriger im Flur , die alle die Tochter des Selbstmörders sehen wollten . Gretchen blieb in tödlicher Verlegenheit stehen , es war ihr , als könnten sie ihre Füße nicht zwischen diesen Menschen hindurchtragen . Da faßte eine weiche , warme Hand die ihre . Es war Hilsborn , er legte ihren Arm in den seinen und führte sie mit der ihm eigenen sanften Würde durch die Gaffer zum Wagen . Gretchen wußte nicht , wie ihr war , sie wußte nur , daß sie an diesem Arme gehend das Haupt wieder frei erheben dürfe und sie war dem edlen Manne unaussprechlich dankbar , der sich so un ­ erschrocken zu ihr , der Tochter des Geächteten , bekannte . Der Stiefvater machte ihnen beim Einsteigen eine förmliche Abschiedsverbeugung und der Wagen rollte dahin an dem frohbelebten , von Kähnen wimmelnden Alsterbassin vorüber . Gretchen sah still hinaus . Gestern noch hatte sie das Alles für eine Welt gehalten , heute trug sie eine Welt im eigenen Herzen und da draußen war Alles nur leerer Schein . Drittes Kapitel Blüten am Grabesrand . „ Johannes , komm schnell — Hilsborn ist da ! “ flüsterte die Staatsrätin zur Tür herein . Johannes hatte gebeugten Hauptes an Ernestinens Bett gesessen und unverwandt auf die Kranke geblickt , die , abgebrochene Worte lallend , sich unruhig hin und her warf . Er winkte der Willmers , seinen Platz einzu ­ nehmen , und ging leise hinaus . „ Bist Du da ! “ rief er dem Freunde entgegen . „ Gott sei Dank , hast Du ihn mitgebracht ? “ „ Er ist uns entkommen ! “ „ Hilsborn — das wäre fürchterlich ! “ „ Er ist in ein Land entwichen , wo ihn Keiner erreichen kann , von wo er Keinem mehr schadet ! “ „ Ist er tot ? “ „ Er ist es — und zwar hat sich Dein Wort , dieser Mensch müsse eines dreifachen Todes sterben , buchstäblich erfüllt — er hatte eine so grauenvolle Agonie , wie mir noch keine vorgekommen ist . “ „ Nun denn , Friede seiner Asche ! Hat er sich vergiftet ? “ fragte die Staatsrätin . „ Mit Strychnin und zwar im Augenblick der Gefangennahme . Ich brachte Alles in Ordnung — aber es fanden sich nur noch etwas über zweitausend Gulden bei ihm vor . Er hatte das Vermögen doch wohl in der Unkenheimer Fabrik . “ „ Und die machte Bankerott , wir können also nichts für Ernestine retten , “ sagte Johannes . „ Das tut mir leid . “ „ Ach Hilsborn , Du treuer Freund , ich vergesse ganz , Dir zu danken . Wie soll ich Dir das Opfer lohnen , das Du mit dieser Reise für mich gebracht ? “ sprach Johannes warm . „ Es hat sich selbst gelohnt . “ „ Nun wahrlich , Freude fanden Sie keine bei solcher Sendung , “ meinte die Staatsrätin . Hilsborn lächelte : „ Freude — unermeßliche Freude habe ich gefunden , denn dieser Verbrecher hinterließ mir einen Schatz , den mir , so Gott will , Niemand streitig machen wird . Darf ich ihn Euch zeigen , meine Freunde ? Ich möchte ihn Euch so gerne für einige Zeit zum Aufbewahren geben ! “ Johannes und seine Mutter sahen sich befremdet an . War Hilsborn nicht recht bei Verstande ? „ Ich will nichts weiter reden , “ sagte er . „ Seht selbst ! “ Er ging hinaus und erschien nach ein paar Minuten mit Gretchen auf der Schwelle , sie sanft nach sich ziehend . Nur einen einzigen fragenden , bittenden Blick wagte das zitternde Mädchen zu den fremden Leuten aufzuschlagen , aber der wunderbare Ausdruck ihrer Augen hatte ihr sogleich die Herzen gewonnen . „ Lieber Gott — sein Kind ? “ fragte die Staatsrätin . „ Sein Kind ! “ betonte Hilsborn ernst . Die alte Frau ging von Mitleid überwältigt auf das reizende zaghafte Wesen zu , drückte es an ihre Brust und sagte bedeutungsvoll zu Hilsborn : „ Jetzt verstehe ich Sie ! “ „ Mein liebes Fräulein , “ sprach Johannes milde und väterlich : „ Seien Sie uns von ganzem Herzen willkommen und gestatten Sie uns , Ihnen eine Heimat zu bereiten , so lange Sie keine bessere finden . “ „ Ach , Sie sind zu gütig , — “ stammelte Gretchen in unbezwinglicher Schüchternheit — „ ich bin gewiß recht kühn , aber mein Vormund — wollte — “ „ Wie , Du bist des Fräuleins Vormund ? “ „ Ihr sterbender Vater ernannte mich dazu — und so brachte ich die meiner Obhut Anvertraute hierher und stelle sie unter Ihren Schutz , obgleich sie Niemanden sehen wollte als Ernestine . “ „ Das wird nun freilich so bald nicht möglich sein