, miterlebte und die bis in die Mitte dieses Jahrhunderts hinein fortgedauert haben . Ein Brief aus dem Jahre 1838 schildert die Zustände des damaligen Oderbruchs wie folgt : » Die Verhältnisse , die ich hier vorgefunden , sind die , durch alle Jahrhunderte hin immer wiederkehrenden , einer Viertel- und Halbkultur , Zustände , wie sie zu jeder Zeit und an jedem Orte sich einstellen , wo in noch völlig rohe und barbarische Gemeinschaften , ohne Zutun , ohne Mitwirkung , ohne rechte Teilnahme daran , ein Stück Kultur von außen her hineingetragen wird . Das Wesen dieser Art von Existenzen ist die Disharmonie , der Mißklang , der Widerstreit . Durch gewisse Bildungsmanieren bricht immer wieder die alte Roheit durch , und im Einklange hiermit begegnet man auch in diesen reichen Oderbruchdörfern einem beständigen Gegensatze von Sparsamkeit und Verschwendung , von Kirchlichkeit und Aberglauben , von Ehrbarkeit und Sittenverderbnis . Der Bauer schreitet im langen Rock , ein paar weiße Handschuh an den Händen , langsam und gravitätisch nach der Kirche ; aber er sitzt am Abend oder Nachmittag desselben Tages ( einige beginnen gleich nach der Kirche ) im › Gasthofe ‹ des Dorfes und vergnügt sich bei Spiel und Wein . Die Würfel rollen über das Brett , der sogenannte › Tempel ‹ wird mit Kreide auf den Tisch gemalt , alle Arten von Hazardspielen lösen sich untereinander ab , und um hundert Taler ärmer oder reicher , wüst im Kopfe , geht es weit nach Mitternacht nach Haus . Und ähnlich in den Haushaltungen ; krasser Luxus und das völlig mangelnde Verständnis für das , was wohltut und gefällt , laufen nebeneinander her . In dem Wohnzimmer steht ein großes Sopha mit blauseidenem Überzug , aber der Überzug ist zerrissen und eingefettet . Der Kupferstich an der Wand hängt völlig schief und kein Auge sieht es . Das Glas des andern Bildes ist mitten durchgesprungen und niemand denkt daran , es zu ersetzen . Die eine Tochter des Hauses sitzt am Fenster und näht , aber in dem Zimmer , das ebenso gut wie ein Sopha und Fortepiano doch auch einen Nähtisch haben könnte , fehlt dieser , und auf dem Fensterbrette steht nichts als ein Zigarrenkasten , der als Herberge für Knöpfe und Knäuel , für Lappen und Flicken dient . Nun geht es zu Tisch . Alles reichlich , aber auch nichts mehr . Die Magd mit klappernden Holzpantinen setzt die Speisen auf , das Stück Fleisch liegt unschön zerhackt auf der Schüssel ; die Teller sind verschieden an Stoff und Form , die Messer und Gabeln sind abgewaschen , aber nicht blank geputzt ; von Tischgebet keine Rede . So nimmt man Platz und schweigend , unschön , ohne Dank beginnt und endet die Mahlzeit . So ist es alltags . Einzelnen , für schweres Geld erstandenen Glanz- und Prachtstücken wird die Pflicht des Repräsentierens auferlegt ; die Personen aber entschlagen sich desselben . Denn es ist unbequem . Das Ganze , um es noch einmal zu sagen , ein bunter Widerstreit von herrschaftlicher Prätension und bäuerlicher Gewohnheit . Die Festtage des Hauses ändern das Bild , aber sie bessern es nicht . Ich habe hier Taufen und Hochzeiten beigewohnt , die mir unvergeßlich bleiben werden . Wirt und Gäste wetteifern in Staat . Wagen auf Wagen rollt vor : Chaisen mit niedergeschlagenem Verdeck ; die wohlgenährten Pferde tragen mit Silber beschlagenes Geschirr , der Kutscher ist in Livree und die Damen , die aussteigen , sind in Samt und Seide . Musici spielen ; die Tische brechen unter der Last der Speisen ; die Champagnerpfropfen knallen und der Flur ist mit Zucker bestreut , um die Fliegen von den Tafelgästen möglichst fern zu halten . Dann wildes Juchen und Lichter , halberstickt in Tabaksqualm . Spiel und Tanz und Lärm , und ein Faustschlag auf den Tisch machen den Schluß des Festes . Bauernhochzeiten zeichnen sich freilich überall durch eine gewisse Reichtums-Entfaltung aus , aber diese selbstbewußte , zur Schau getragene Opulenz , hält sich an andern Orten innerhalb gewisser bäuerlicher Traditionen . Hier sind diese Traditionen durchbrochen und jeder versucht es , gleichsam auf eigne Hand , seiner Eitelkeit , und meist nur dieser , ein Genüge zu tun . Auch Gutem und Tüchtigem bin ich in diesen Dörfern vielfach begegnet ; aber zumeist doch jener Tüchtigkeit nur , die aus einem starken Egoismus und dem Instinkte des Vorteils hervorgeht . Die Wurzeln aller Kräfte , die hier tätig sind , sind Selbstsucht und Selbstbewußtsein . Die Zeit soll noch erst kommen , wo die hohen Kräfte des Lebens hier lebendig werden . « Seit jenem Briefe , der die damaligen ( 1838 ) Sittenzustände des Bruchs eher zu mild als zu streng schildert , sind mehr als vierzig Jahre vergangen , und dieser Zeitraum hat bis auf einen gewissen Punkt die Wünsche erfüllt , mit denen der Brief schließt . Es ist besser geworden . Der bloße Geld- und Bauernstolz hat dem Gefühl von den Aufgaben des Reichtums Platz gemacht und an die Stelle jener Selbstsucht , die nur an sich und den engsten Kreis denkt , ist der wenigstens erwachende Sinn für das Allgemeine getreten . Es dämmerte eine Vorstellung in den Gemütern von der Gegenseitigkeit der Pflichten , eine Ahnung davon , daß die blanken Taler einen andern Zweck haben , als bei dem Nachbar Geizhals im Kasten zu liegen , oder vom Bruder Verschwender bei vingt un und » blüchern « vergeudet zu werden . Die üblen Folgen des » rasch reich geworden Seins « verschwinden mehr und mehr , und die Segnungen festen , soliden , ererbten Besitzes treten in den Vordergrund . Man läßt den Schein fallen und fängt nicht nur an , sich des dünn aufgetragenen und überall absplitternden Lacks zu schämen , sondern lebt sich auch mehr und mehr in jenes Adels- und Standesgefühl hinein , das durch Jahrhunderte hin die niedersächsischen Bauern so rühmlich auszeichnete . Mögen unsere Oderbrücher , nach