eine gelegenere Zeit verschieben . Du wirst so schon für heute Abend Deine Kräfte nöthig haben . Ich fühle mich vollkommen wohl , erwiederte das junge Mädchen ; ich stand sogar eben im Begriff , Dich um eine Unterredung bitten zu lassen , da auch ich Dir eine Sache von Wichtigkeit mitzutheilen habe . Du mir ? sagte die Baronin , ihre großen , tief liegenden Augen spürend auf das bleiche Antlitz ihrer Tochter heftend . Du mir ? was kann das sein ? laß doch hören ! Es ist dies ! sagte Helene . Ich fand vorgestern Abend in der Nähe der Kapelle einen Brief - Die Baronin hob ihr Haupt , und warf Helenen einen Blick zu , in welchem Bestürzung , Zorn , Furcht und Trotz auf eine seltsame Weise gemischt waren . Einen Brief , fuhr Helene fort , den ich vorgestern Morgen geschrieben und Luisen zur Besorgung übergeben hatte . Der Brief war natürlich , als ich ihn Luisen gab , versiegelt , als ich ihn wiederfand , war er erbrochen . Ich kann nicht glauben , daß Luise , die mir überdies zugethan scheint , ein solches Interesse an meiner Correspondenz nimmt , um sich auf die Gefahr hin , ihren Dienst zu verlieren , eines solchen Vergehens schuldig zu machen , muß also annehmen , daß irgend Jemand sonst im Schloß es der Mühe werth hält , meinen Geheimnissen nachzuspüren . Nun war es meine Absicht , zu fragen , was Du mir in dieser Sache zu thun räthst . Die Baronin hatte , während Helene sprach , sehr eifrig genäht . Jetzt blickte sie wieder auf und sagte : An wen war der Brief ? An Mary Burton . Hast Du Dich in dem Briefe frei geäußert ? Wie man an eine Freundin eben schreibt . Standen Sachen darin , von denen Du nicht gerne möchtest , daß sie Anderen zu Gesicht kämen ? Allerdings . Auch nicht Deinen Eltern ? Helene schwieg . Auch nicht Deinen Eltern ? Ja . Zum Beispiel , daß Deine Eltern für Dich todt sind , eben so wie Deine übrigen Verwandten ? Du hast den Brief gelesen ? Wie Du siehst . So habe ich nichts weiter zu sagen und zu fragen . Helene verbeugte sich und wandte sich , zu gehen . Bleib , sagte die Baronin ; wenn Du nichts weiter zu sagen hast , so habe ich noch mehrere Fragen an Dich richten , die Du mir gütigst beantworten wirst . Was den Brief betrifft , so beruhige Dich . Wenn Eltern ihren Kindern die Erlaubniß geben , frei zu correspondiren , thun sie ' s in der Erwartung , daß die Kinder dieser Erlaubniß würdig sind . Sehen sie sich in dieser Erwartung betrogen , nehmen sie ihre Erlaubniß zurück . Darin liegt nichts Außerordentliches . Das aber ist außerordentlich , wenn ein Kind , das von seinen Eltern nur Liebe erfahren hat , sich von seinen Eltern lossagt ; das ist außerordentlich , wenn ein Kind die Stirn hat , dies zu denken , eine Hand , es niederzuschreiben , den Muth , dieses schriftliche Bekenntniß ihrer Armuth Anderen unter die Augen zu bringen . Was hast Du darauf zu erwiedern ? Nichts . Und wenn nun dieses Kind die Gefühle der Liebe , die sie ihren Eltern , der Zuneigung , die sie ihren übrigen Verwandten zum mindesten schuldet , nur verleugnet , um Fremde damit zu beglücken , eine sogenannte Freundin zum Beispiel , die weiter kein Verdienst hat , als mit ihr in einer Pension gewesen zu sein ; einen Knaben , der aus Gnade und Barmherzigkeit in dem Hause ihrer Eltern aufgenommen wurde ; einen bezahlten Diener ihrer Eltern - ja wohl , mein Fräulein ! einen bezahlten Diener , mit dem die Eltern nebenbei im höchsten Grade unzufrieden sind - was hast Du darauf zu erwiedern ? Nichts . Und wenn nun Deine Eltern Dir doch verzeihen ; wenn Deine Verwandten , obgleich Du es nicht verdienst , Dir ihre Liebe dennoch nicht entziehen wollen ; wenn Du siehst , daß Eltern und Verwandte sich die Hand reichen , mit vereinten Kräften Dich , die schon mehr als halb verloren ist , zu retten ; wenn Deine Eltern Dir in der Person eines Gemahls einen Freund und Beschützer geben wollen , der Dich in Zukunft vor solchen Thorheiten - ich will einmal einen milden Ausdruck wählen - vor solchen Thorheiten , wie Du sie an Mary Burton geschrieben hast , bewahren wird ; und wenn einer Deiner liebenswürdigsten Verwandten die Güte haben will , dieses schwierige Amt eines Gatten , Freundes und Lehrers bei Dir zu übernehmen , wirst Du darauf wieder nichts zu erwiedern haben ? Doch ! sagte Helene , die , ohne eine Miene zu verändern , bleich und still dagestanden hatte , die großen dunkeln Augen mit dem Ausdruck unerschütterlichen Muthes auf ihre Mutter richtend , welche bei den letzten Worten aufgestanden war und ihr jetzt gegenüber stand , doch ! ich habe darauf zu erwiedern , daß ich tausendmal lieber sterben , als Felix ' Gattin werden will . Sie sagte das ruhig , langsam , gleichsam jede Sylbe wägend . Und wenn Deine Eltern es befehlen ? So kann ich nicht und so werde ich nicht gehorchen . Und wenn sie heute Abend der versammelten Gesellschaft Deine Verlobung mit Felix ankündigen ? So werde ich der versammelten Gesellschaft sagen , was ich Dir so eben gesagt habe . Ist das Dein wohlerwogener Entschluß ? So wahr mir Gott helfe : ja ! Nun denn ! so sage ich mich von Dir los , wie Du Dich von mir losgesagt hast ! so gehe denn hin und wirf Dich dem Bettler in die Arme ! Aber nein ! noch giebt es Mittel , diese Schande wenigstens vor der Welt zu verbergen . Morgen packst Du Deine Sachen ; übermorgen gehst Du in die Pension zurück . Ein Strahl wie von