war der unzertrennliche Gefährte aller Erinnerungen , die ihm aus seiner ersten Knabenzeit geblieben . Herr von Wittekind-Neuhof war ein lebhafter , feuriger Weltmann , beweglich , anschlägig , geistvoll , selbst vor dem Tode seines Bruders Jérôme doch schon der Erbe großer Güter , die Seele der Gesellschaft und , sonderbar genug , der Freund seines Vaters . Bonaventura kannte jetzt das Leben genug , um sich zu erklären , wie drei Menschen , von denen einer , sein Vater , ein edler , aber unpraktischer , in seiner bürgerlichen Existenz wenig geordneter Charakter war , der Freund dag gen ein an allen Gütern gesegneter Weltmann , und dazwischen ein junges Weib , seine Mutter , in Conflicte kommen konnten , unter denen alle drei litten und alle drei scheiterten . Er sah seinen Vater immer noch im Geiste langsam dahinschreiten , das Haupt nachdenklich gesenkt , - er erinnerte sich der abgeschlossenen Thüren - der verweinten Augen - vieles Murmelns und Flüsterns - dann der väterlichen Todesnachricht - mit ihren seltsam besprochenen Folgerungen - damals schon lebte er nicht mehr im Hause - zum Bruder hatte ihn der Vater entfernt , als sollte er nicht Zeuge der Vorgänge des älterlichen Hauses sein - nicht einmal Abschied hatte er , als er nach der Schweiz reiste , von ihm genommen , - alles traf ihn wie aus wolkenloser Höhe . Die Bewilligung zur neuen Heirath der Mutter hing von dem damaligen Generalvicar , dem jetzigen Kirchenfürsten ab . Ein Zusammentreffen wurde veranstaltet in dieser Stadt . Sein Stiefvater war zugegen . Die Freundlichkeit desselben war Bonaventura noch jetzt in der Erinnerung beklemmend . Die Mutter und der Präsident kamen erhitzt und erregt von dem Generalvicar . Man hatte lange Anstand genommen , eine Ehe zu gestatten , die zwar gleiche Religionsverwandte schlossen , aber wer durfte die Todesnachrichten über den Regierungsrath Friedrich von Asselyn nicht anzweifeln ? Wer mußte nicht von der Schweiz und vom St.-Bernhard aus erst die gründlichsten Ausweise der Register und der Erkennungsprotokolle verlangen ? Auch das erfuhr Bonaventura später , daß Graf Truchseß seinen neuen Vater nicht mochte , ihn haßte als einen ganz in das jenseitige Lager Uebergegangenen , als eine » Bureaukratenseele « , einen Abtrünnigen vom alten Adel des Landes und das aus einem Geschlechte , aus dessen Vorfahren mancher schon hohe geistliche Würden bekleidet hatte ... Der Kronsyndikus hatte seinen Sohn ja schon Lucinden einen neuen Segestes genannt ... Damals wiederkehrend aus dem Domkapitel , warf sich die Mutter dem Sohne an die Brust und schilderte ihm den Charakter seines neuen Vaters als eines der edelsten und besten Menschen , eines Mannes , der dem Sohne schon um deswillen lieb und werth sein müsse , weil er der innigste , wärmste und wahrste Freund seines Vaters gewesen . Die Thränen einer Mutter hätten vielleicht jeden in dieser Lage gerührt , aber Bonaventura ' s Augen feuchteten sich nicht . Das Wort des Erlösers , das schroffe , unenträthselte Wort : » Weib , was hab ' ich mit dir zu schaffen ? « kam ihm wie mit einem plötzlichen Begreifen zu Gemüthe . Hatte er je eine wie weltstürmende Regung in seinem Innern empfunden , so war es in diesem Augenblicke . Eine prophetische , apostolische Glut war es , die ihn durchloderte . Die Mutter hätte er von sich drängen mögen , sprechend : » Weib , was hab ' ich mit dir zu schaffen ? « Und dabei gedachte er in der That des Sündenfalls , gedachte Eva ' s , der Schlange , des Apfels , der geistigen Wiedergeburt , der Erlösung , auch der Erlösung aus den Banden des Natürlichen , Sinnlichen , Angeborenen , wenn auch noch so Theuern . Erstarken fühlte er sich zum Helden . Als ihm keine Thräne über diese weinende Mutter kam , fühlte er sich zum ersten mal - als Priester . Seine Hand zitterte wol , als er die der Mutter hielt , aber nur aus Mitleid . Die Mutter hatte eine Confrontation mit dem Sohne noch vor dem Generalvicar haben sollen mit dem künftigen Stiefvater ; es handelte sich schon um dessen Zustimmung zu dem Entschlusse Bonaventura ' s , in den geistlichen Stand zu treten , die natürlich sogleich von Friedrich von Wittekind gegeben wurde . Die Dauer des Namens Asselyn wurde durch die frühe Adoption Benno ' s verbürgt . Nun stand die Mutter wie eine Schuldige gar schon vor dem künftigen Geistlichen . Sie bat ihn , ihrer oft im künftigen Altargebet zu gedenken ; sie bat ihn , auch dem neuen Vater Heil zu erflehen . Sie konnte versichern , daß auch den neuen Gatten genugsam geheimer Kummer drückte ... obgleich die Zeit , wo sein Vater für den Mörder des Deichgrafen gelten durfte , noch nicht da war und nur die ältere trübe Vergangenheit des Kronsyndikus schwer auch auf den Lebensbeziehungen des Sohnes lag . Dennoch ließ Herr von Wittekind damals nach den Thränen der Mutter im Hotel beim Diner Champagner bringen , fuhr in bequemer Equipage in scheinbar heiterstem Gespräche mit ihnen beiden spazieren , bis sie freilich , nach dem Hotel zurückgekehrt , eine Botschaft von Schloß Neuhof empfingen , der Bruder des Herrn von Wittekind würde demnächst zu einer Heirath schreiten mit einem Fräulein Portiuncula von Tüngel-Appelhülsen . Sofort reisten die nun unzertrennlich Verbundenen ab und seither lebten jene in ihren durch den Tod des Deichgrafen , Jérôme ' s und die über den Kronsyndikus ausgesprochene Curatel sich immer mehr verwirrenden Verhältnissen und Bonaventura in den seinigen ... Oft schon hatte er sich bei spätern Kunden über die nur äußerlich glänzenden Lebensverhältnisse seiner Mutter Vorwürfe gemacht , daß sein Herz damals so lieblos gewesen . Dann aber durfte er sich sagen : Ist nicht dein ganzes Leben ein Kampf gegen dein Herz ? Die Kirche ist deine Mutter , der Glaube deine Liebe ... » Weib , was hab ' ich mit dir zu schaffen ! « Von St.-Wolfgang nahm Bonaventura