nun befand , achtete ich zu wenig auf die Güter des Lebens . Aber ein wahrhaftes Entsetzen ergriff mich , als ich nach unserer Abreise aus Madrid durch ihn selbst erfuhr , daß er alle eingezogenen Gelder auf seinen Namen hatte stellen lassen und daß ich also in eine Abhängigkeit von ihm gerathen war , die mich beinah zu seiner Sklavin machte . Er machte mich mit der größten Ruhe mit dieser Einrichtung bekannt und sagte lächelnd , er habe diese Vorsicht beobachtet , damit die Grillen , die mein Herz von ihm entfernt hätten , mich niemals bestimmen könnten , mich gänzlich von ihm zu trennen , und damit er , wie es ihm seiner ruhigeren Vernunft wegen gebühre , Herr meines Schicksals bleiben könne und meine leidenschaftliche Seele nie das seine zu bestimmen vermöchte . Im Innersten empört machte ich ihm die bittersten Vorwürfe über diese niedrige Art zu handeln , und es entschlüpfte meinen Lippen die Aeußerung , daß ich schon lange bemerkt habe , daß ich von ihm betrogen sei , daß ich an sein großes Vermögen in Deutschland nicht glaube , weil er so eifrig bemüht sei sich das meinige anzueignen . Die Erfahrung meines Lebens , erwiederte er ruhig , hat mich vorsichtig gemacht . Durch den Gemahl meiner Schwester , den Grafen Hohenthal , wurde ich in früher Jugend aus einer ruhigen , sorglosen Lage gedrängt , und er hat es zu verantworten , wenn dadurch ein Schatten auf meinen Charakter fällt , daß ich nun vielleicht zu ängstlich jedes Besitzthum , das mir erreichbar wird , mir zu sichern strebe , denn durch seine Schuld habe ich früh mit dem Mißgeschick kämpfen müssen und in den Jahren der Jugend , die dem Genuß hätten geweiht sein sollen , habe ich die Bitterkeit des Lebens erfahren . Es war mir höchst überraschend zu sehen , daß ein Mensch so sehr ein Lügner gegen sich selbst werden kann , und es lag zugleich etwas Komisches darin , wie er die Wahrheit , daß Sie , mein theurer Vater , einem Sie unverschämt beraubenden Bedienten in seinem frechen Beginnen Einhalt thaten , in seine Erfindungen hinüber spielte , durch die er sich für Ihren nahen Verwandten ausgab . Mich überwältigte der Eindruck des Komischen und ein unwillkührliches Lächeln zuckte mir um die Lippen . Die Dame schwieg verwundert und beleidigt einen Augenblick , und eilte dann sichtlich ihre Erzählung zu beendigen . Aehnliche Gespräche , sagte sie , hatten wir oft auf der Reise , und nicht immer hielt ich die Ausbrüche meines Zornes zurück , und eben hatte ich Don Fernando betheuert , daß ich ihm nie vergeben , und fortan nur Haß und Abscheu gegen ihn empfinden würde , daß mein Fluch seine Sterbestunde belasten solle , als wir überfallen wurden und nur durch Ihren Beistand einem noch schrecklicheren Loose entrannen . Wir schwiegen nun beide verlegen . Endlich sagte die Dame mit etwas trockenem Tone : Da ich vielleicht in meinem Vertrauen zu weitläuftig geworden bin , so bitte ich Sie dieß zu verzeihen und zugleich mir so viel Wohlwollen zu beweisen , als zu einiger Erwiederung meines Vertrauens gehört . Sagen Sie mir aufrichtig , fuhr sie lebhaft fort , was konnte Sie zum Lachen reizen , als ich erwähnte , wie es Don Fernando rechtfertigen wollte , daß er auf eine so unwürdige Weise mich gänzlich von sich abhängig gemacht hatte ? Gewiß lachte ich nicht , sagte ich mit Verwirrung . Nun , worüber lächelten Sie denn ? fragte die Wittwe ungeduldig . Daß Ihr Gemahl Ihnen ein so gänzlich falsches Bild von dem Grafen Hohenthal entworfen hat , sagte ich endlich , um nur etwas zu sagen . Wie , Sie kennen den Grafen Hohenthal ? rief sie höchst verwundert . Die Gräfin ist meine Mutter , sagte ich in der Ueberraschung . Erstaunt ließ die Dame die Arme sinken und rief , indem sie mir starr in die Augen blickte : So war ja Don Fernando Ihr Oheim ? Ich lächelte und schwieg . Wie kommt es dann , fuhr sie fort , daß Sie Ihre Verwandschaft nicht schon in Madrid geltend machten ? Da ich in Frankreich erzogen wurde , so hatte ich keine Gelegenheit meinen Oheim kennen zu lernen , und ich wollte mich erst überzeugen , ob der nun Verstorbene dieselbe Person sei , für die ich ihn hielt , ehe ich mich ihm zu erkennen gab . Sie erinnern sich aber vielleicht , daß eine Krankheit , die ihn damals überfiel , mich meine Absicht verfehlen ließ . Die Wittwe sah mich mit einem durchdringenden Blicke an . Sie fühlte die Zweideutigkeit meiner Antwort und sagte endlich , indem sie die flache Hand auf ihre Stirn legte : Ich will nicht weiter in Sie dringen ; ich selbst habe Don Fernandos Charakter so kennen gelernt , daß ich mir denken kann , wie seine Verwandten Gründe haben konnten , sich von ihm zurückzuziehen . Weßhalb soll ich noch einen Schmerz mehr auf meine Seele laden durch die Kenntniß von Dingen , die mir vielleicht besser verschwiegen bleiben . Als ich auf diese Bemerkung schwieg , sagte sie nach einigen Augenblicken : Gönnen Sie mir den Vorzug , mich als Ihre Verwandte zu betrachten , wenn wir im Leben wieder zusammentreffen sollten . Da meine Lebenspläne jetzt nur von mir allein abhängen , so habe ich nicht die Absicht nach Italien zu gehen , wenigstens für jetzt nicht . Eine Verwandte , die mit mir erzogen wurde und meine schwesterliche Liebe mit Innigkeit erwiederte , lebt in Frankreich in der Nähe von Bordeaux , wohin sie dem Gemahl folgte . Zu ihr will ich , und will dort in Ruhe und Abgeschiedenheit mein Herz zu heilen , und mein Gewissen zu beruhigen suchen . Ihr Gewissen ? fragte ich befremdet . Ja , mein Gewissen , erwiederte sie , denn ich quäle mich mit inneren Vorwürfen , daß ich Don Fernandos Leben , wenn