jeden Grund sehr traurig . Das Gebaren der Menschen um sie her kam ihr nicht mehr drollig , sondern sinnlos und unbegreiflich vor . In dem ihr so wohlbekannten Gesicht ihres Jugendfreundes Martin sah sie einen Ausdruck von Spannung — von Qual , welche sich mit einem sonderbaren Lächeln verband . Sein Blick wich nicht von Eugenie , aber er schien kaum zu hören , was sie sagte , er starrte fortwährend auf ihren Hals , auf ihren Busen . Sie war so weit dekolletiert — wie konnte sie das nur aushalten , ohne vor Scham zu vergehen , dachte Agathe empört . Etwas in der Brust that ihr dabei weh . Es war wie eine Enttäuschung — als träte nun eine endgültige Entfremdung zwischen ihr und Martin ein . . . als entschlüpfe ihr etwas , das sie für unbestrittenes Eigentum gehalten . . . Was denn ? Sie liebte ihn doch nicht ? Es fiel ihr gar nicht ein ! Unklare Instinkte trieben sie , den jungen Dürnheim an ihrer Seite auch so — mit dieser geheimnisvollen Bedeutung im Blicke anzusehen , aber als er darauf mit gleichem erwiderte , war ihr das unangenehm , sie ärgerte sich über sich selbst und auch über den jungen Mann , der ihr fade und ohne jede Romantik vorkam . Hätte sie nur nach Haus gedurft und im stillen , dunklen Zimmer mit geschlossenen Augen liegen , ganz allein , ganz allein ! Sie war sehr müde , sie sah alles um sich her wie durch einen Gazeschleier . Dem Souper folgte der Kotillon . Der kahlköpfige Assessor kam auf Agathe zu und fragte freundlich herablassend , ob sie schon engagiert sei , oder ob er das Vergnügen haben dürfe ? Von diesem Manne , der sie so tief beleidigt hatte , sollte sie , nun es ihm einfiel , sich herumschwingen lassen ? “ Ich danke , ich tanze den Kotillon nicht , ” sagte sie kurz , und er verließ sie mit seinem gleichmütigen Lächeln , blieb in der Nähe stehen und sah durch seinen goldenen Kneifer müde in den Saal . Darauf kam ein Lieutenant und forderte sie auf , Agathe folgt ihm mit vergnügtem Triumphe . In einer der Pausen des vielverschlungenen Tanzes winkte Mama sie plötzlich heran . “ Wie Agathe ? Du hast den Assessor Raikendorf abgewiesen und tanzest nun mit einem anderen ? ” flüsterte die Regierungsrätin aufgeregt . “ Das geht unmöglich ! Das darfst Du nie wieder thun — . Oder hat er sich etwas gegen Dich zu Schulden kommen lassen ? ” “ Nein , ” stotterte Agathe glutrot , “ — nein — nur — ich mag ihn nicht ! ” “ Ja , liebes Kind — wenn Du so wählerisch mit Deinen Tänzern sein willst — dann darfst Du nicht auf Bälle gehen . Es war eine große Freundlichkeit von Herrn Raikendorf , ein so junges Mädchen zu engagieren — er tanzt sonst nur mit Frauen — das hättest Du dankbar anerkennen sollen . ” Agathe warf trotzig mit einer verächtlichen Bewegung den Kopf in den Nacken . Sie begriff nicht , wofür sie dankbar sein sollte , wenn Assessor Raikendorf einen schlechten Geschmack besaß . Ihr kamen alle verheirateten Frauen ungeheuer alt vor und durchaus nicht mehr geeignet zu Rivalinnen . Sie schlief sehr unruhig in der Nacht nach ihrem ersten Ball ; der Kopf war ihr dumpf und benommen , sie faßte den Entschluß , keinen zweiten zu besuchen . Aber als sie im Laufe des nächsten Tages mit ihren Freundinnen zusammentraf und über das Fest redete , schämte sie sich , ihre Meinung zu gestehen , und versichterte , wie die andern Mädchen alle — auch Lisbeth Wendhagen mit den engen Schuhen — daß sie sich himmlisch amüsiert habe . Ein großer Kampf war in Sieg und Glück beendet , ein deutscher Kaiser war glorreich gekrönt , dem Traum einer Nation war Erfüllung errungen — Tausende von kraftvollen Männern lagen zerschossen und verwesend unter blutgedüngtem Erdreich . Von den Granatsplittern , die ihr Ziel nicht getroffen , verfertigte man Tintenfässer und niedliche kleine Blumenschalen , mit denen die jungen Damen ihre Boudoirs schmückten . Das Militär zu ehren war Recht und Pflicht des deutschen Mädchens . Eugenie Wutrow hatte immer einen sicheren Instinkt für das Notwendige , für das Ziel , dem die öffentliche Meinung ihres kleinen Kreises zustrebte , sie trug einen Paletot , der beinahe ein Uniformrock war , ihr Zimmer glich einer Seitenabteilung des Zeughauses , die zu einem kriegerischen Feste mit Blumen und den Bildern der hohen Feldherren feierlich geschmückt worden war . Der Patriotismus stand ihr wie jede neue Mode und jede ideale Pflicht , womit sie ihre anmutige Person herausputzte . Sie hatte so einen besonderen Griff , durch den sie jedes Ding für ihren Gebrauch zurechtdrückte , und einen feinen Geschmack für die Mischung der Farben . Wie sie eifrig wurde und scharf und lebendig , wenn sie Martin Greffingers schauderhafte Grundsätze bekämpfte ! Wie sie sich im Gespräch mit ihm keck auf Gebiete wagte , vor denen andere Mädchen sich fürchteten ! Greffinger war gar nicht gut mehr bei den Vätern und Müttern angeschrieben , seit die Regierungsrätin Heidling ihren Bekannten geklagt hatte , ihr Neffe bereite ihnen großen Kummer , weil er sich den neuen sozialdemokratischen Anschauungen zuneige . Die meisten jungen Mädchen zogen sich , auf Befehl ihrer Eltern , scheu vor dem Studenten zurück . Das wurde ihnen nicht schwer , da er sich seinerseits ziemlich unhöflich gegen sie benahm . Trotz seiner Abneigung gegen die bürgerliche Gesellschaft kam Martin oft für ein paar Stunden , auch für ganze Tage nach M. hinüber . Anfangs nahm er Heidlings Logierstube und Gastfreundschaft in unbekümmerter verwandtschaftlicher Gewohnheit an . Da verschärfte sich die Spannung zwischen ihm und dem Onkel Regierungsrat , die Luft wurde ihm zu beklommen , und er ließ sich nur selten noch bei den Verwandten blicken . Zu Wutrows ging er jedesmal , obwohl