daß der junge Herr unbequem werde , und schüttelte ihn ohne weiteres ab . Sie entdeckte auf einmal , daß es hier in dem schattigen Parke recht kühl sei , und bedauerte , ihr Tuch auf der Terrasse gelassen zu haben . Max stürzte natürlich schleunigst davon , um es zu holen und ließ die beiden allein . » Eine Frage , Herr Raimar ! Haben Sie sich wirklich der künstlerischen Richtung Ihres Bruders widersetzt ? « begann Edith . » Nein , « sagte Raimar kalt . » Er ließ mich glauben , daß er sich seine Laufbahn erst habe erkämpfen müssen , daß er sich bei seinen Studien , seiner ganzen Existenz auf die eigene Kraft gestellt habe . Er scheint sehr behaglich in Berlin zu leben und hat doch bis jetzt nur einige Studien ausgestellt . Woher stammen denn seine Mittel – von Ihnen vielleicht ? « Ernst streifte mit einem langen düsteren Blick die Fragende , aber er schwieg . » Nun ? « wiederholte sie ungeduldig . » Ich bitte – erlassen Sie mir die Antwort . « » Sie wollen Ihren Bruder nicht herabsetzen in meinen Augen ? Aber er scheute sich nicht , Sie vor mir herabzusetzen . « » Um sich bei Ihnen interessant zu machen , allerdings auf meine Kosten ! Das war ja nicht sehr brüderlich , aber doch gerade keine Todsünde . « » Nein – aber eine Erbärmlichkeit ! « sagte Edith mit unverschleierter Verachtung . Raimar war im Grunde genau derselben Meinung . Er hatte es schon nach der ersten Begegnung gewußt , daß Maxls verwegene Hoffnungen nur Luftschlösser gewesen waren , die seine Eitelkeit baute , aber es war ihm peinlich , daß die junge Dame seinen Bruder jetzt ebenso klar durchschaute wie er selbst , und er versuchte abzulenken . » Sie dürfen mit ihm nicht so streng ins Gericht gehen , « versetzte er . » Max ist noch jung , ein leichtsinniges Künstlerblut , ohne viel Gedanken und Ueberlegung . Die Sache war wohl nicht so schlimm gemeint . « » Die Verleumdung eines Bruders , dem er alles verdankt ? Sie opferten Ihre ganze Zukunft für ihn und Ihre Familie , und er – « » Woher wissen Sie denn das , gnädiges Fräulein ? « unterbrach Ernst , sie groß und erstaunt ansehend . Edith zuckte leicht zusammen , aber die unvorsichtigen Worte waren nun einmal gesprochen und konnten nicht zurückgenommen werden . » Ich begreife , « sagte er mit tief aufquellender Bitterkeit . » Ihr Herr Vater hat Sie inzwischen aufgeklärt . Ich hätte das vorhersehen können . « » Mein Vater spricht mit der höchsten Achtung von Ihnen , « fiel Edith ein . » Er sagte mir – « » Daß ich Mitleid und Schonung verdiene – nicht wahr ? Herr Marlow war in der That sehr gütig und rücksichtsvoll , ich bin nur leider eine so unglücklich angelegte Natur , daß ich nicht dankbar sein kann für solche Schonung und Großmut . Sie begreifen vielleicht nicht , daß es Menschen gibt , die von Fremden eher eine Beleidigung ertragen können als Mitleid . Ich bin damals geflohen vor diesem Mitleid , mit dem man sehr freigebig war – ich kann es noch heut nicht ertragen ! « Die Worte verrieten , wie der Mann gelitten hatte bei jener Begegnung , wenn er dabei auch äußerlich ruhig erschien . Es lag ein wilder , mühsam beherrschter Groll darin , ein verzweifeltes Aufbäumen gegen jenes wohlfeile , herablassende Mitleid , das eine stolze , leidenschaftliche Natur als Entehrung empfindet . Edith verstand das nur zu gut , sie hätte genau ebenso empfunden . Sie schwiegen beide , die anderen mußten weit voraus sein , denn man hörte nicht einmal mehr ihre Stimmen . Es war still , ganz still in dem großen Park , der im lichten Maiengrün stand . Auch hier regte sich überall das Frühlingsleben , in den Gebüschen ringsum flüsterte , summte und zwitscherte es , und durch die Luft kam ein leises Wehen und Duften , das die beiden schmeichelnd umfing , als wolle es sie mahnen , die Schatten und das Weh des Menschenlebens doch nicht hineinzutragen in diese sonnige Lenzespracht . Das schöne Mädchen freilich , das im vollen Sonnenglanze des Lebens stand , wußte noch nichts von jenen Schatten , die so schwer und düster auf der Stirn des Mannes dort lagerten , aber sie wußte jetzt , was auf ihm lastete . Der Sohn eines Betrügers ! Das also hatte ihn fortgetrieben aus der Welt , wie ein todwundes Wild hatte er sich in diese Abgeschiedenheit und Dunkelheit geflüchtet und barg sich dort scheu vor fremden Augen . Ja , er hatte recht , es gibt Schicksale , die den Menschen wehrlos machen , gegen die er nicht kämpfen kann – und er stand unter einem solchen Verhängnis ! Das Schweigen hatte minutenlang gedauert , jetzt hob Edith langsam das Auge empor , aber der Ausdruck , der darin lag , war dem stolzen , kalten Mädchen bisher so fremd gewesen , wie die weichen , bebenden Laute , die jetzt von ihren Lippen kamen . » Ich habe Ihnen damals wehe gethan , Herr Raimar . Ich weiß es jetzt , aber ich ahnte ja nicht , wem meine Worte galten und welche Wunde sie berührten . Wir sind an jenem Tage so herb und feindlich geschieden . Wollen wir das vergessen ? Beide vergessen ? Ich – ich bitte Sie darum ! « Sie bot ihm die Hand , da flammte es wieder auf in den Augen des Mannes , aber diesmal nicht in Zorn und Empörung . Ein heißer , leidenschaftlicher Strahl des Glückes brach daraus hervor , und wie ein sonniges Leuchten ging es über seine düsteren Züge . Er schloß die dargebotene Hand so fest in die seinige , als wolle er sie nie wieder loslassen und rief mit stürmisch aufwogender Empfindung : » Ich