, immer erregter werdend , „ und sie muthet das auch mir zu . Aber ich will nicht heucheln , und lieben kann ich Dich nicht , Onkel Arno , denn Du bist nicht gut gegen uns und bist es nie gewesen . Gleich Dein erster Empfang war so demütigend , daß ich am liebsten sofort wieder abgereist wäre , und seitdem hast Du uns täglich und stündlich empfinden lassen , daß wir von Dir abhängig sind . Du behandelst meine Mama mit einer Nichtachtung , die mir oft genug das Blut in ’ s Gesicht treibt . Du sprichst in wegwerfender Weise von meinem Papa , von ihm , der todt ist und sich nicht mehr verteidigen kann , und mich behandelst Du wie ein Spielzeug , mit dem man es überhaupt nicht ernst nimmt . Du hast uns aufgenommen , und wir leben in Deinem Schlosse , wo Alles viel reicher und glänzender ist , als in meinem Elternhause , aber ich wäre doch weit lieber in unserem schweizer Exil , wie Mama es nennt , in unserem kleinen Landhause am See , wo Alles so einfach und bescheiden war , wo wir kaum das Nothwendige hatten , aber wo wir frei waren von Dir und Deiner Tyrannei . Mama verlangt , ich soll sie geduldig ertragen , weil Du reich bist und meine Zukunft von Dir abhängt , aber ich will Dein Vermögen nicht ; ich frage nicht darnach , ob Du mich zur Erbin einsetzest . Ich möchte fort von hier , je eher , desto lieber . “ Sie war aufgesprungen und stand jetzt in leidenschaftlichster Erregung vor ihm , den kleinen Fuß energisch vorgesetzt , den Kopf zurückgeworfen , die Augen voll von Thränen des Zornes und der Erbitterung , aber es lag doch mehr in diesem stürmischen Ausbruch als nur der Trotz eines eigensinnigen Kindes . Jedes Wort verrieth die tiefste , innerste Gekränktheit , und es war nur allzu viel Wahres in den Anklagen , die sie dem Vormunde so kühn in ’ s Antlitz schleuderte . Raven hatte sie mit keiner Silbe unterbrochen ; er sah sie unverwandt an , und als sie jetzt schwieg und die Hände tiefathmend gegen die Brust preßte , während ein Thränenstrom aus ihren Augen stürzte , beugte er sich plötzlich zu ihr nieder und sagte mit tiefem Ernste : „ Weine nicht , Gabriele ! Dir wenigstenns habe ich Unrecht gethan . “ Gabrielens Thränen stockten ; jetzt , wo sie zur Besinnung kam , wurde ihr erst die ganze Unvorsichtigkeit ihrer Worte klar . Sie hatte sicher einen Ausbruch des Zornes erwartet – und nun statt dessen diesem unbegreifliche Ruhe stumm , fast scheu sah sie zu Boden . „ Also Du willst mein Vermögen nicht ? “ fuhr der Freiherr fort . „ Was weißt Du denn überhaupt davon , wen ich zu meinem Erben einzusetzen denke ? Ich habe Dir meines Wissens niemals etwas darüber mitgeteilt , und doch scheint es Gegenstand sehr eingehender Erörterungen zwischen Dir und Deiner Mutter gewesen zu sein . “ Das junge Mädchen wurde glühend roth . „ Ich weiß nicht – wir haben nie – “ „ Laß den Versuch , es zu leugnen , Kind ! “ unterbrach sie Raven . „ Noch hast Du die Unwahrheit so wenig gelernt , wie die Berechnung ; sonst würdest Du mir nicht so gegenübertreten . Ich zürne Dir deshalb nicht ; den Trotz kann ich verzeihen ; die planmäßige Berechnung und Heuchelei hätte ich Dir bei Deinen siebenzehn Jahren nie verziehen . Gott sei Dank , die Erziehung hat noch nicht so viel verdorben , wie ich fürchtete . “ Er nahm ruhig , als wäre nichts vorgefallen , ihre Hand , zog sie auf die Bank nieder und setzte sich neben sie . Gabriele machte einen Versuch , seitwärts zu rücken „ Nun , Du wirst mir doch gestatten Deine Kriegserklärung in aller Form entgegen zunehmen ? “ sagte der Freiherr . „ Deine Mutter wird sich ihr freilich nicht anschließen , wenigstens nicht in so offener Weise . Sie hat Dir jedenfalls größere Liebenswürdigkeit gegen den ‚ Emporkömmling ‘ zur Pflicht gemacht . “ „ Wie meinst Du ? “ fragte das junge Mädchen betreten . „ Nun , das kann Dir doch unmöglich fremd sein . So viel ich weiß , war es die specielle Bezeichnung meiner Persönlichkeit in Deinem Elternhause . “ Diesmal hielt Gabriele tapfer den scharfen Blick aus , der auf ihrem Gesichte ruhte . „ Ich weiß , meine Eltern liebten Dich nicht , “ entgegnete sie . „ Du hast ihnen aber auch von jeher feindlich gegenüber gestanden . “ [ 208 ] „ Ich ihnen ? Oder sie mir ? Doch das kommt schließlich auf eins heraus . Das sind Dinge , die Du noch nicht beurtheilen kannst , Gabriele . Du hast keine Ahnung davon , was es heißt , mit einer Lebensstellung , wie die meinige war , in eine hocharistokratische Familie und in deren Gesellschaftskreise zu treten . Ich habe dort stets nur einen Freund gehabt , Deinen Großvater ; bei allen Anderen habe ich mir meinen Platz erst erobern müssen , und dazu giebt es nur zwei Wege . Entweder man beugt sich geduldig all den Demütigungen , die auf das Haupt des Emporkömmlings gehäuft werden , man zeigt sich tief durchdrungen von der hohen Ehre , deren man gewürdigt ist , und begnügt sich damit , geduldet zu sein – darnach war meine Natur nicht geartet . Oder man wirft sich zum Herrn der ganzen Gesellschaft auf , man läßt sie fühlen , daß es noch eine andere Macht giebt , als die ihrer Stammbäume , und setzt bei jeder Gelegenheit ihrer Ueberhebung und ihren Vorurtheilen den Fuß auf den Nacken ; dann lernen sie sich beugen . Es ist im Allgemeinen viel leichter die Menschen zu unterdrücken , als man glaubt ; man muß es nur verstehen , ihnen zu imponiren ,