und eilete nach meines Vaters Sterbekammer . – Da ich eintrat , saß er laut redend in seinen Kissen , aber seine Stimme däuchte mir fremd , gleich als hätt ich nimmer sie gehöret . » Es ist dein Großvater , von dem er redet « , raunete mir meine Mutter zu . » Er sieht mich nicht , Mutter ! « entgegnete ich leise . » Nein , Josias , er ist bei denen , die ihm zu Gottes Thron voraus gegangen . « Und mein Vater sahe mit glänzenden Augen vor sich hin und redete weiter : » Lang , gar lange habe ich für ihn gepredigt – Josias thäte das gar gerne auch für mich – , denn er wurde sehr alt ; sein leiblich Augenlicht war erloschen , und der Schall der Welt drang nur verworren noch zu seinem Ohre . Aber da er seine Stunde nahen fühlte , hieß er mich und meine Schwestern ihn in die Kirche führen , und wir geleiteten ihn auf die Kanzel . Da wandte er sein Antlitz rings umher und grüßte unmerklich mit der Hand ; und sein silbern Haar hing über seine blinden Augen . Er meinete , es sei Sonntag und die Gemeinde sei versammelt . Er irrte ; die Schwestern waren oben an seiner Seiten , und drunten war nur ich allein . Aber der Greis auf der Kanzel erhub seine Stimme , und sie scholl stark in der leeren Kirchen ; denn er nahm Abschied und redete erschütternd zu allen , die hier nicht zugegen waren . « Der Kranke hatte die Arme über das Deckbett hingestrecket , und sein abgezehrtes Antlitz leuchtete wie von innerem Lichte . » Ja , mein Vater « , rief er , » aus der Ewigkeit herüber höre ich deine Stimme , wie du sprachest : › Und so wie einst herauf , so führe an deiner Hand mich jetzt hinab von dieser Stätte ! Aber , mein Gott und Herr , du hellest das Dunkel vor mir ; gleich meinen Vätern werden Sohn und Enkelsöhne von deinem Stuhle aus dein Wort verkünden . Laß sie dein sein , o Herr ! Nimm ihren schwachen Geist in deiner Gnaden Schutz ! ‹ « Nach diesen Worten schwieg mein lieber Vater ; und als nun meine Mutter ihre Arme um ihn schlang , da sank sein Haupt zurück auf ihre Schulter . – Aber er erhub es wieder ; und da sie zu ihm redete : » Mein Christian , spare deine Kräfte und ruhe nun « , da schüttelte er leise mit dem Haupt und sagte nur : » Nachher , nachher , Maria ! « Dann sahe er liebevoll , aber mit fast flehentlichen Blicken zu mir auf und sprach langsam und wie mit großer Mühe : » Du kommst vom Hof , Josias ; ich weiß es . Der Bauer ist nicht mehr , und möge Gott ihm ein barmherziger Richter sein – aber seine Tochter lebt ! Josias , das rechte Leben ist erst das , wozu der Tod mir schon die Pforten aufgethan ! « Die Hand des Sterbenden haschete ins Leere nach der meinen , und da ich sie ihm gegeben , hielt er sie sehr fest in seinen magern Fingern . Noch einmal begann er : » Wir sind ein alt Geschlecht von Predigern ; die ersten von den Unsern saßen zu Dr. Martini und Melanchthons Füßen . Josias ! « – er rief meinen Namen , daß es gleich Schwertesschnitt durch meine Seele ging – » vergiß nicht unseres heiligen Berufes ! – – Des Hofbauren Haus ist keines , daraus der Diener Gottes sich das Weib zur Ehe holen soll ! « Der Odem des Sterbenden wurde stärker ; aber seine Stimme sank zu einem Flüstern , und da wir lautlos horchten , kamen wie fernhin verhallend noch die Worte : » Versprich – – das Irdische ist eitel – – « Darauf verstummete er ganz ; seine Finger löseten sich von meiner Hand , und der Friede des Herrn ging über sein erbleichend Angesicht . Ich aber neigete mich zu dem Ohr des Todten und rief : » Ich gelobe es , mein Vater ! Mög die entfliehende Seele noch deines Sohnes Wort vernehmen ! « Da sahe meine Mutter mich voll Mitleid an ; dann zog sie das Laken über das geliebte Todtenantlitz , fiel an dem Bette nieder und sprach : » Gott gebe uns selige Nachfolge und sammle uns wieder in der frohen Ewigkeit . « Als meines lieben Vaters Grab geschlossen war , kamen noch mehr der ersten Frühlingstage ; von dem Strohdach unseres Hauses tropfete der Schnee herab , und die Vögel trugen den Sonnenschein auf ihren Schwingen ; aber das Schöpfungswort : » Es werde Licht ! « wollte sich noch nicht an mir bewähren . Da geschahe es am Sonntage danach , nachmittages , daß ich von dem Dorfe Hude auf dem Fußsteig nach Schwabstedte zurückging ; ich war in meiner Amtstracht , denn ich hatte einen Kranken mit den Tröstungen unserer heiligen Religion versehen . Die ersten Tage meines Amtes waren schwer gewesen , und ich ging dahin in tiefem Sinnen . Unweit vom Dorfe aber schneidet ein Bach den Weg , der aus dem Walde zu dem Treenefluß hinabgeht . An selbigem pflegen die Vögel sich zu sammeln , welche das Wasser lieben , und war auch itzt von Finken und Amseln hier ein fröhlich Schallen , als wollten sie schon des Maien Ankunft melden . Und so von des Ortes Lieblichkeit gehalten , schritt ich nicht über den Steg , der von dem Fußweg hinüberführet , sondern ging diesseits ein paar Schritte an den Wald hinauf und setzete mich an das Ufer , wo sich der Bach zu einem kleinen Teich erweitert . Das Wasser aber , wie es um diese Zeit zu sein pflegt , war so klar , daß ich am tiefen Grunde das Wurzelgeflecht der Teichrosen und