sind S ' denn eigentlich ? « Ich nannte meinen Namen und fügte hinzu : » Habt Ihr mich nicht gesehen ? Ich war doch gestern den ganzen Nachmittag bei dem Herrn Doktor ! « » Ach ja , da wird ' s scho richtig sein ; wissen S ' , ich hätt nachher doch den Brief Ihnen sollen bringen . « So ging ich denn mit klopfenden Pulsen , aber wie mit einem gewonnenen Schatze in mein Hotelzimmer und las , was , wie ich jetzt glaube , Franz mir schon gestern hätte sagen können . » Lebe wohl , mein Freund « – so schrieb er , und es dauerte eine Weile , bevor ich weiterlesen konnte – , » wir werden uns nicht wiedersehen . Daß Du zur rechten Zeit mich fandest , daß ich zu Dir das Ungeheure von der Seele sprechen konnte , hat meinen Geist befreit ; ich bin jetzt fest entschlossen : ich gehe fort , weit fort , für immer , nach Orten , wo mehr die Unwissenheit als Krankheit und Seuche den Tod der Menschen herbeiführt . Dort will ich in Demut mit meiner Wissenschaft dem Leben dienen ; ob mir dann selber Heilung oder nur der letzte Herzschlag bevorsteht , will ich dort erwarten . Noch einmal , lebe wohl , geliebter Freund ! « * Seitdem , fast dreißig Jahre lang , hörte ich nichts mehr von Franz Jebe ; nur durch Lenthes , mit denen ich später in nähere Verbindung trat , daß sein Assistent wirklich das Erbe seiner Praxis angetreten habe , wozu Franz ihm aus der Ferne noch behülflich gewesen sei . Dann , im Herbste 1884 , gelangte ein Schreiben aus Ostafrika an mich , dessen Adresse von einer mir fremden Hand war . Als ich es geöffnet hatte , fielen zwei Briefe heraus , der eine , leicht erkennbar , von der Hand meines lang verschollenen Freundes , der andere von der Feder , welche die Adresse an mich geschrieben hatte . Ich las diesen letzteren zuerst ; er war nach der Unterschrift von einem Missionar : » Gruß in Christo Jesu zuvor ! In der Nacht vom 16. Mai d. J. ist hier der stets hülfreiche und , obwohl er den rechten Weg des Heils verschmähte , dennoch von der Liebe Gottes erfüllte Dr. med . Herr Franz Jebe unter meinen Gebeten zum wahren Gott-Schauen entschlafen ; infolge einer schweren Seuche , von der er zwar nicht befallen worden , deren treue Bekämpfung aber den ohnehin schon schwachen Rest seiner dem Dienste der Menschenliebe gewidmeten Kräfte aufgerieben hat . Diese Nachricht an Sie , werter Herr , und die Übersendung seiner Abschiedsworte habe ich ihm in seiner letzten Stunde zugesichert . Möge der große Gott mit unserem Toten und auch mit Ihnen sein ! « Dann nahm ich den Brief meines Freundes . » Noch einmal , Hans « , so schrieb er , » greife ich nach Deiner Hand und hoffe , Du wirst die meine fassen können ; nur ein Wort noch , damit Du von mir wissest und meiner in Frieden gedenken mögest ! Ich habe ehrlich ausgehalten ; mitunter nicht ohne Ungeduld , so daß mir die Gedanken kamen : Was bist du doch der Narr ? Der Weg hinaus ist ja so leicht ! – Aber ich hatte damals noch die Kraft , mich abzuwenden , daß ich an mir selber nicht zum Frevler würde . Jetzt endlich geht die Zeit der furchtbaren Einsamkeit , in der ich hier die zweite Hälfte meines Lebens hingebracht habe , ihrem Ende zu . Die Kräfte sinken rasch ; ich wundere mich , daß ich noch lebe , zugleich aber sehe ich vor mir das Tor zur Freiheit von anderer , ich weiß nicht , von welcher Hand geöffnet – – oh , meine Elsi ! möchte es die deine sein ! Lebe wohl , Hans , mein Freund ; ich fühl ' s , das Sterben kommt ! « – – So war sein Leiden denn zu Ende . – Ob eine solche Buße nötig , ob es die rechte war , darüber mag ein jeder nach seinem Innern urteilen ; daß mein Freund ein ernster und ein rechter Mann gewesen ist , daran wird niemand zweifeln .