Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen , so ich bei meiner Lebzeit niemandem , auch , aller Liebe ohnerachtet , dir nicht habe anvertrauen mögen . Item : anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee ; maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag worden , die Auferweckung Lazari zu malen , welches Bild sie zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen , der hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte , allwo es denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen ist . Daneben wünschte auch der Bürgermeister , Herr Titus Axen , so früher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war , sein Conterfey von mir gemalet , so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte . – Mein Losament aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder , der seit lange schon das Secretariat der Stadt bekleidete ; das Haus , darin er als unbeweibter Mann lebte , war hoch und räumlich , und war es dasselbig Haus mit den zwo Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße , worin ich , nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben , anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre . Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe eingerichtet ; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit , und bekam alles gemacht und gestellet , wie ich es verlangen mochte . Nur daß die gute Frau selber gar zu gegenwärtig war ; denn allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch zu mir hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand ; drängte mit ihrer Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum ; gar eines Vormittages , da ich soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte , verlangte sie mit viel überflüssigen Worten , der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen , obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen , von meinem Bruder auch vernommen hatte , daß selbiger , wie es die Brenner pflegen , das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe Nasen im Gesicht herumgetragen ; da habe ich denn , wie man glauben mag , dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten müssen . Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet , und sie endlich von mir lassen müssen , da sank mir die Hand mit dem Pinsel in den Schoß , und ich mußte plötzlich des Tages gedenken , da ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet , und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei . – Und also rückwärts sinnend , setzete ich meinen Pinsel wieder an ; als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen , mußte ich zu eigener Verwunderung gewahren , daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte . Aus seinem Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen mich , und ich gedachte : So wird er dir einstmals in der Ewigkeit entgegentreten ! Ich konnte heut nicht weiter malen , sondern ging fort und schlich auf meine Kammer ober der Hausthür , allwo ich mich ans Fenster setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah . Es gab aber groß Gewühl dort , und war bis drüben an die Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und Menschen ; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde , daß Gast mit Gaste handeln durfte , also daß der Stadtknecht mit dem Griper müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß , maßen es vor der Hand keine Brüchen zu erhaschen gab . Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken , die Mädchen von den Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck , dazwischen die hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen – dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben , zumal wenn selbiger , wie ich , bei den Holländern in die Schule gegangen war ; aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe . Doch war es keine Reu , wie ich vorhin an mir erfahren hatte ; ein sehnend Leid kam immer gewaltiger über mich ; es zerfleischete mich mit wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an . Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte ; vor meinen Augen aber dämmerte silberne Mondnacht , wie Schatten stiegen ein paar Zackengiebel auf , ein Fenster klirrte , und gleich wie aus Träumen schlugen leis und fern die Nachtigallen . O du mein Gott und mein Erlöser , der du die Barmherzigkeit bist , wo war sie in dieser Stunde , wo hatte meine Seele sie zu suchen ? – – Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen Namen nennen , und als ich hinausschaute , ersahe ich einen großen hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers , obschon sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann angestanden wäre . Er wies soeben einem andern , untersetzten Manne von bäuerischem Aussehen , aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und Schnallenschuhen , mit seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu , indem er selbst zumal durch das Marktgewühle von dannen schritt . Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte , ging ich hinab und lud den Fremden in das Wohngemach , wo er von dem Stuhle , darauf ich ihn genöthigt , mich gar genau und aufmerksam betrachtete . Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt , und erfuhr ich bald , daß man dort einen Maler brauche , da man des Pastors Bildniß in die Kirche stiften wolle . Ich