den Zuckerpflaumen fragte , als dann die Frau Bebenroth loszeterte und in der Stube herumfuhr , und sie – die arme Eilike – von ihrem Mittagsessen Bescheid zu geben hatte , da schämte sie sich vor der fremden Dame wie noch nie in ihrem Leben vor einem Menschen . Und weil sie sich so sehr schämte – grade weil sie sich so sehr schämte , zeigte sie den Bauerngroschen in ihrer magern Hand und erzählte der schönen , schwarzen fremden Dame ( nicht dem Paten Justizrat ! ) , daß der Vater sie abgebildet habe – nackt abgebildet habe ; und dann hatte sie sich zusammengenommen , um sich nichts merken zu lassen – sie hatte die Zähne gezeigt und gelacht und hätte es gern gehabt , wenn die fremde Frau laut , ganz laut gerufen hätte : » Oh , sie ist blödsinnig ! « Das war nicht das erste Wort gewesen , welches sie von der Frau Salome vernommen hatte , als sie aufgewacht war , aber der Pate Scholten hatte gesagt , daß die schöne Dame das schlimme Wort in ihrer Seele gesprochen habe . Und da ging ein armer Mensch im Dorfe umher , von dem wußte sie , daß er blödsinnig sei . In der ganzen durch ihre unglücklichen Zustände verschütteten Reinlichkeit , Klarheit und Zierlichkeit des Weibes schauderte sie vor ihrem Dasein ; es blieb ihr nichts übrig , als dumm zu lachen und die Zähne zu zeigen ! Jetzt auf ihrem Bette ihre Haare flechtend und in den Strahl des Mondes , der durch ihr Fenster kam , sehend , wiederholte sie : » Sie ist blödsinnig ! « , und leiser , mit heißerem Atem sagte sie : » Und der Herr Pate sagt auch , mein Vater sei ein Narr ! « Der Mond stieg an der Wand dem Bette gegenüber hinauf und traf den griechischen Frauenkopf ; – schön-ruhig sah das hellenische Gesicht gradaus , und Eilike Querian faltete die Hände auf ihrem rechten Knie und rief , ihre Tränen niederschluckend : » Nein , du bist doch nicht meine Mutter . Meine Mutter ist erst [ 344 ] seit zwölf Jahren tot , du aber bist schon vor tausend Jahren gestorben . Ich bin blödsinnig , und du bist das fremde Bild , das mein Vater im Sinne hat und nicht finden kann , und mein Vater ist ein Narr . Wer kann uns aus unserer Not helfen ? Niemand als der liebe Gott , wenn er uns einen guten Tod schickt . « Es war eine schöne Sommernacht , kein Lüftchen regte sich , der Mond ging an dem wolkenlosen Himmelsgewölbe hin , und die Berge und Wälder lagen im tiefen Frieden . Von der Hitze und dem Frost , von dem Hundstagsfeuer , von dem Knirschen des Schnees und dem Krachen des Eises schien die Natur nichts zu wissen . Es war nur eine linde Kühle . Das Kind schlang seine Zöpfe um die Stirn ; es machte noch immer nicht Miene , sich zu entkleiden . Es hatte nur den einen Schuh vom Fuße fallen lassen , und jetzt zog es auch den wieder an . Es sprang wieder empor von seiner Bettstatt und schwang sich in die Fensterbank ; da saß es still eine Weile . Nun riß es ein Blatt von dem Baumast , den ihm der Wald gleich einem hülfreichen Arm hinzuhalten schien , und drückte dieses kühle , taufeuchte Blatt an die heiße Stirn . Dann kniete es von neuem auf dem Schindeldache , doch es glitt diesmal nicht hinab . Die buschbewachsene Hügelwand , welche die Hütte Querians im Rücken deckte , sperrte jede weitere Aussicht ab . Unten im Hause schnarrte und schnurrte etwas . Ob es eine Feile oder das Rad einer Drehbank war – einerlei ; es bedeutete jedenfalls , daß der närrische Vater sich auch noch wach und zu einem seiner närrischen Werke halte oder vielleicht auch wohl ein Gerät zu einer neuen Arbeit schärfe . Eilike legte den Finger auf den Mund und horchte auf den Ton ; sie hatte Angst , daß sie gerufen werde aus der Werkstatt , und schon stand sie schlank und leicht auf dem Dache . Behende wie eine Katze , geschmeidig wie eine Schlange glitt sie aufwärts bis zum First da stand sie im weißen Lichte und sah tiefatmend sich um . Ein leichter Rauch , manchmal gerötet von der Flamme des Herdes drunten , stieg aus dem Schornstein kerzengrade und verlor sich in dem klaren Äther . Eilike Querian stützte sich mit der einen Hand auf den Rand des Schornsteins , mit der [ 345 ] andern wischte sie die letzte Träne vom Auge und sah in die Ferne . Von drei Seiten her begrenzten über der Talmunde , in welcher die Hütte ihres Vaters lag , die hohen Berge und die dunkeln Wälder die Aussicht ; doch nach der vierten Seite öffnete sich das Tal auf die Hochebene und das weit darüberhin verzettelte Dorf und über die Gassen des Dorfes weg , zwischen den Gärten und Baumwipfeln durch , auf die im lichten Mondnebel flimmernde Norddeutsche Tiefebene . Seltsam und verlockend – verstreute Lichter im blauen Glanz ! – blitzte und funkelte es aus der Ferne . Was Jakob Böhme sah und fühlte und wovon er zu schreiben versuchte , hier war ' s und konzentrierte sich in dem Herzen des unverständigen , verwahrlosten Geschöpfes , der Eilike Querian : das ewige Kontrariurn zwischen Finsternis und Licht – die » Quall « im Universo ! Was vielleicht Peter Schwanewede zu Pilsum am Pilsumer Watt in dieser Mondscheinnacht aus den Büchern des mystischen Philosophen mit ächzenden Hebebäumen und knarrenden Ketten des Geistes aufzuwinden trachtete : hier lag es auf den Lippen des Kindes , unter den Zähnen , die diese Lippen blutig preßten ! Das Auge Eilikes schwebte über den ganzen sichtbaren Ausschnitt der nächtlichen Weltenschöne von der Talwand zur Linken bis zum Hochgebirge auf der Rechten und wieder