Blicken hineinstarrte . » Ich beschwöre dich , Wulfrin , nimm Vernunft an und laß dir sagen : das hat ein heidnischer Poet er sonnen , leichtfertig und lügnerisch hat er erfunden , was nicht sein darf , was nicht sein kann , was unter Christen und Heiden ein Greuel wäre ! « » Und du liesest so gemeine Bücher und ergötzest dich an dem Bösen , Schuft ? « » Ich lese mit christlichen Augen « , verteidigte sich Gnadenreich beleidigt , » zu meiner Warnung und Bewahrung , daß ich den Versucher kenne und nicht unversehens in die Sünde gleite ! « Die Hände des Höflings zitterten und krampften sich über dem Blatte . » Bei allen Heiligen , Wulfrin , zerstöre das Buch nicht ! Es ist das teuerste des Stiftes ! « » Ins Feuer mit ihm ! « schrie der Höfling , und weil kein Herd da war als der lodernde des offenen Himmels , riß er das Blatt in Fetzen und warf sie hoch auf in den wirbelnden Sturm . Es trat eine Stille ein . Graciosus betrachtete stöhnend das verstümmelte Buch , während Wulfrin mit verschlungenen Armen und unheimlichen Augen brütete . So beschlich ihn die zurückkommende Palma und setzte ihm den leichten von ihr gewundenen Kranz auf das belastete Haupt . Er fuhr zusammen , da er das Geflechte spürte , zerrte es sich ab , riß es entzwei und warf es mit einem Fluche dem vom Laufe erhitzten Mädchen zu Füßen . Da flammten ihr die Augen und sie streckte sich in die Höhe : » Du Abscheulicher ! Tust du mir so ? « Zornige Tränen drangen ihr hervor . » Nun nehme ich auch den Gnadenreich nicht , dir zuleide ! « » Palma « , befahl er , » gleich kehrst du nach Hause ! Über die Alp ! Wende dich nicht um ! Ich gehe durch die Schlucht ! Läufst du mir über den Weg , so werfe ich dich in den Strom ! « Sie sah ihn jammervoll an . Seine Todesblässe , das gesträubte Haar , das unglückliche Antlitz erfüllten sie mit Angst und Mitleid . Sie machte eine Bewegung gegen ihn , als wollte sie ihm mit beiden Händen die pochenden Schläfen halten . » Hinweg ! « rief er und riß das Schwert aus der Scheide . Da wandte sie sich . Er blickte über die Brüstung und sah , wie sie in wildem Laufe durch die Alp eilte . Auch er verließ das Kastell und schlug , von dem nahen Tosen des Stromes geführt , den Weg gegen die Schlucht ein , die furchtbarste in Rätien . Gnadenreich gab ihm kein Geleit . Da er in den Schlund hinabstieg , wo der Strom wütete , und er im Gestrüppe den Pfad suchte , störte sein Fuß oder der ihm vorleuchtende Wetterstrahl häßliches Nachtgevögel auf und eine pfeifende Fledermaus verwirrte sich in seinem Haare . Er betrat eine Hölle . Über der rasenden Flut drehten und krümmten sich ungeheure Gestalten , die der flammende Himmel auseinanderriß und die sich in der Finsternis wieder umarmten . Da war nichts mehr von den lichten Gesetzen und den schönen Maßen der Erde . Das war eine Welt der Willkür , des Trotzes , der Auflehnung . Gestreckte Arme schleuderten Felsstücke gegen den Himmel . Hier wuchs ein drohendes Haupt aus der Wand , dort hing ein gewaltiger Leib über dem Abgrund . Mitten im weißen Gischt lag ein Riese , ließ sich den ganzen Sturz und Stoß auf die Brust prallen und brüllte vor Wonne . Wulfrin aber schritt ohne Furcht , denn er fühlte sich wohl unter diesen Gesetzlosen . Auch ihn ergriff die Lust der Empörung , er glitt auf eine wilde Platte , ließ die Füße überhangen in die Tiefe , die nach ihm rief und spritzte , und sang und jauchzte mit dem Abgrund . Da traf der starre Blick seines zurückgeworfenen Hauptes auf ein Weib in einer Kutte , das am Wege saß . » Nonne , was hast du gefrevelt ? « fragte er . Sie erwiderte : » Ich bin die Faustine und habe den Mann vergiftet . Und du , Herr , was ist deine Tat ? « Lachend antwortete er : » Ich begehre die Schwester ! « Da entsetzte sich die Mörderin , schlug ein Kreuz über das andere und lief so geschwind sie konnte . Auch er erstaunte und erschrak vor dem lauten Worte seines Geheimnisses . Es jagte ihn auf und er floh vor sich selbst . Schweres Rollen erschütterte den Grund , als öffne er sich , ihn zu verschlingen . Von senkrechter Wand herab schlug ein mächtiger Block vor ihm nieder und sprang mit einem zweiten Satz in die aufspritzende Flut . Der Himmel schwieg eine Weile und Wulfrin tappte in dunkler Nacht . Da erhellte sich wiederum die Schlucht und auf einer über den Abgrund gestürzten Tanne sah er die Schwester mit nackten und sichern Füßen gegen sich wandeln und jetzt lag sie vor ihm und berührte seine Kniee . » Was habe ich dir getan « , weinte sie , » warum fliehst , warum verwünschest du mich ? Bruder , Bruder , was habe ich an dir gesündigt ? Ich kann es nicht finden ! Siehe , ich muß dir folgen , es ist stärker als ich ! Ich lief drüben , da sah ich den Steg . Töte mich lieber ! Ich kann nicht leben , wenn du mich hassest ! Tue , wie du gedroht hast ! « Er stieß einen Schrei aus , ergriff , schleuderte sie , sah sie im Gewitterlicht gegen den Felsen fahren , taumeln , tasten und ihre Kniee unter ihr weichen . Er neigte sich über die Zusammengesunkene . Sie regte sich nicht und an der Stirn klebte Blut . Da hob er sie auf mächtigen Armen an seine Brust und schritt ohne zu wissen wohin , das Liebe umfangend ,