Ferrara sich selber auszustellen als das Bänkelsängerbild einer tragischen Geschichte . Und doch blieb sein Herz dem beängstigenden Einflusse des Bruders nicht verschlossen . Was er in seinen hellen Tagen mit einem verächtlichen Lächeln als törichte Hirngespinste zur Seite geschoben hätte , das gewann in einer durch die Blindheit verdunkelten Gefühlswelt Wahrscheinlichkeit und Inhalt . Konnte nicht der unglückliche Bruder in gewissen Grenzen recht haben , und ihm wirklich Schlimmes angetan worden sein ? Hatte er nicht eine verstoßene Kindheit verlebt ? War es nicht möglich , daß ihm noch heute nach dem Leben getrachtet wurde ? War Don Giulio doch selbst , den die Hofintrigen immer angeekelt hatten , einem unbegreiflichen Attentat zum Opfer gefallen ! So war er nicht ferne davon , dem Bruder beizustimmen , wenn dieser die gepriesene Gerechtigkeit des Herzogs einen Abgrund der Ungerechtigkeit nannte , nicht besser als die teuflische Bosheit des Kardinals , und den Hof von Ferrara ein Geflecht sich erwürgender oder miteinander buhlender Schlangen , einen eklen Knäuel , den es ein Verdienst wäre , zu zerhauen und zu zertreten . Der arme Don Giulio war nicht imstande , seine eigene entsetzliche Erfahrung anders zu erklären als durch die allgemeine Verderbnis , und gab allmählich und unbewußt dem Bruder , welchem er sein Mitleid nicht versagen konnte , gewonnenes Spiel . Er war von dem Wahn und den Verschwörungsgedanken Don Ferrantes mehr umsponnen , als er selbst es wußte , und ein neues Erlebnis gab den Ausschlag . Unter dem durchsichtigen Himmel eines Herbsttages ritt auf einem der von der Polizei verbotenen Waldwege , die nach Pratello führten , eine Amazone , schlank von Wuchs und untadelig im Sattel , welche , wie aus einem Rittergedicht entsprungen , auf Abenteuer fuhr . Wie sie aber näher kam , trug ihr Antlitz den Ausdruck so tiefen und unheilbaren Leides , daß sie eher mit einem ewigen Schmerz das Kloster zu suchen schien . Nun erreichte sie eine den Niederblick auf das Schloß gewährende Lichtung , glitt vom Pferde und schlang unter den letzten Bäumen die Zügel ihres offenbar dem herzoglichen Marstall zugehörigen Rappen um eine junge Ulme . Dann schritt sie vor und war wiederum eine andre . In den feurigen , von flatterndem Kraushaar beschatteten Augen wohnte Wahrheit und auf dem weichen Munde neben einem kindlichen Zuge der Trotz der Liebe , ja eine gefährliche Entschlossenheit . Von der Höhe des Waldrandes , an dem sie stand , erblickte sie den ganzen ruhigen Reiz der Landschaft von Pratello . Das nur mit den notwendigsten Verteidigungswerken umgebene Schloß lag in einer unendlichen grünen Wiese , durch welche ein breiter , spiegelklarer Fluß zog , wo kleine Fischerboote ihre Segel blähten . Gondeln lagen an dem vorragenden Halbrund der bequemen Landungstreppe , die unter den Säulengang des inneren Hofes und zum Hauptgebäude führte . Statt der von der kriegerischen Zeit geforderten Festungsgräben hielt der Fluß die schöne Wohnstätte mit ihren Umfassungsmauern und Rundtürmen beschützend in den Armen . Von der Schönheit Pratellos ergriffen , suchte die Fahrende eine etwas tiefer im Wiesengrunde gelegene dichte Baumgruppe zu erreichen , in deren schwarzen Schatten eine breite Steinbank stand . In dieser Verborgenheit ließ sie sich nieder , denn sie scheute sich , Pratello zu betreten , und ließ die Stunden vorübergehen , bald das Schloß aufmerksam betrachtend , bald in ihre Gedanken versunken . Schon stand die Sonne auf der Mittagshöhe . Da sah sie , wie an der Landungstreppe von einem alten Fährmann eine Gondel gelöst wurde , an deren Steuer er sich wartend setzte . Nun trat ein schlanker Jüngling in schwarzer Tracht aus dem Schlosse , dessen Gesicht ein breitkrempiger Hut beschattete , ehrerbietig beobachtet von einem Häuflein ihm folgender Diener , und durchkreuzte den von Weinlaub umrankten Säulengang . Auf der Landungstreppe bot ihm der Fährmann die Hand zum Tritte in die Gondel , die er behend , aber behutsam bestieg . Dann übergab ihm der Alte die Ruder , und während sie der Jüngling zu schwingen begann , lenkte der andere das kleine Fahrzeug mit dem Steuer . Als sie am jenseitigen Wiesenbord anstießen , war es der Fährmann , der ans Ufer sprang und dem Jüngling beide Arme entgegenstreckte , den Aussteigenden eher bewahrend als ihn berührend . Dieser wandte sich ohne viel Besinnen in gerader oder beinahe gerader Richtung über die sanft ansteigenden Wiesen nach der Bank unter den Steineichen . Die Lauscherin blieb nach einem leichten Zusammenschrecken und Auffahren sitzen ; sie erriet den Blinden , der sich eine tägliche Anstrengung und Übung daraus machte , die Sehenden nachzuahmen , um diese und , soviel als möglich , sich selber zu täuschen , wobei ihm seine jugendliche Biegsamkeit , sein Ortssinn , sein scharfes Gehör und die Beflissenheit seines ihm jedes Hindernis sorgfältig aus dem Wege räumenden Gesindes zu Hilfe kam . Während zwei teilnahmvolle Augen von der Steinbank aus den sich nähernden Gang des Blinden beobachteten , strauchelte der Ärmste über einen im Grase liegenden Gegenstand , den die Spähende nicht unterscheiden konnte . Er stürzte auf das Knie , schnellte sich aber , mit der vorgestreckten Linken kaum den Boden berührend , leicht und geschmeidig wieder empor , ohne nur die Gerte zu verlieren , die er in der Rechten trug . Mit dieser prüfte er nun , sie leicht in der Hand führend , den übrigen Weg , einen kleinen Verdruß auf dem blassen , vom Hute verschatteten Angesicht verwindend . Die Hände über den Knien gefaltet , das Haupt lauschend vorgeneigt , verfolgte sie jede seiner Bewegungen . Er kam und setzte sich auf die bemooste Bank neben sie , von deren Dasein er keine Ahnung hatte . Was murmelte er ? Was tönte nur halblaut , nur halbverständlich ununterbrochen von seinen Lippen ? Erhob er Klage gegen das Schicksal ? Beleidigte oder verneinte er die Gottheit ? Beschuldigte er seine Brüder ? Oder sie , die ohne sein Wissen neben ihm saß ? Beweinte er seine Verirrungen ? Nichts von alledem .