die genau aussah , wie die am Eingang . Magdalene blieb zögernd stehen . Ohne Zweifel löste sich hier das Räthsel , aber wie ? … Wenn nun dieser unbekannte Raum , da vor ihr , Miasmen aushauchte , die sie augenblicklich betäubten und ihren Tod unvermeidlich herbeiführen mußten ? … Hier unten wollte sie nicht sterben – der Gedanke war entsetzlich – sie trat einen Schritt zurück . … Aber nun flog Alles , was sie heute schon gelitten , wieder durch ihre Seele . Noch vor einer Stunde schien ihr kein Preis zu hoch , ihre Seelenruhe wieder zu erlangen , und war , selbst wenn sie hier unten sterben sollte , dieser Gedanke schrecklicher , als das Bewußtsein , daß sie nun ein vielleicht langes Leben , so freudenleer und sonnenlos , mit müdegehetztem Herzen , an einem verhaßten Ort hinschleppen müsse ? … Ihre Pulse klopften heftig . Es war , als ob Stürme ihr Haupt umbrausten und mit schwarzen Flügeln über ihre Augen wehten … Sie faßte den Knauf an der Thür und stieß ihn zurück – ein lauter Krach , begleitet von Rasseln , betäubte ihr Ohr – ein Strahl , als ob die Sonne ihre ganze Lichtgewalt hier ausströmen wolle , blendete ihre Augen – sie wankte einen Schritt vorwärts und verbarg ihr Gesicht in beiden Händen , während abermals ein donnerähnliches Gepolter hinter ihr ertönte und den Boden unter ihren Füßen erschütterte . Endlich schlug sie die Augen auf … Wo war sie ? … Vor ihr lag ein reizendes Blumenparterre ; über ihr wölbte sich eine Gruppe prächtiger Linden ; sie selbst stand auf einem reinlichen Kiesplatz , und das leise Rauschen einer Fontaine schlug an ihr Ohr , deren silberner Strahl nicht weit von ihr durch das Gebüsch schimmerte . Im ersten Augenblick erschien dem jungen Mädchen , das aus dem schwachen Dämmerlicht eines engen Schachtes trat , die ganze Umgebung blendend und feenhaft , kein Wunder , wenn ihrer reichen Phantasie die überraschenden Lösungen der Märchenwelt vorschwebten . Aber nach einem einzigen forschenden Blick sanken die hochgehobenen Flügel der Einbildungskraft und machten einem heftigen Schrecken Platz … . Himmel , sie stand auf fremdem Grund [ 611 ] und Boden , in dem Garten irgend eines vornehmen Hausbesitzers ! … Unter einem luftigen Pavillon , jenseits des Blumenparterres , saß eine reizende Gruppe junger Mädchen . Sie plauderten , nachlässig in den Sessel zurückgelehnt und eine Arbeit in den Händen haltend , während mehrere andere einen Rosenstrauch in der Nähe plünderten und unter lautem Lachen die prächtigen Zentifolien in ihre Flechten steckten . Sie flatterten in ihren leichten , weißen Gewändern wie Tauben durch die Gebüsche , und Magdalene blieb , trotz ihres tiefen Schreckens , einen Augenblick wie angefesselt vor dem wunderlieblichen Bilde stehen . Dann aber wollte sie in den Gang zurückfliehen . Sie wandte sich um – da war jedoch keine Thür , keine Maueröffnung zu sehen , wohl aber stierte sie aus einem grünbemoosten , mächtig wallenden Barte das ernste Steingesicht eines großen Heiligenbildes an . Mit bebenden Händen tastete sie an der Mauer nach einem Knauf oder irgend einem Mittel , die verschwundene Pforte wieder aufzufinden . Sie durchwühlte die Brennnesseln am Fuße der Statue , befühlte jede Steinfalte des priesterlichen Gewandes und rüttelte zuletzt verzweiflungsvoll an dem Bilde , das wie zürnend seine starren Augen auf sie gerichtet hielt – vergebens , hier war ihr der Rückzug abgeschnitten , und vorwärts konnte sie nicht gehen , ohne den Hausbewohnern zu begegnen . … .Sie mußte an den Auftritt in Werners Hause denken . Ihre ärmliche Kleidung , die nicht ein mal durch ein schützendes Tuch bedeckt war , konnte ihr auch heute ähnliche Demüthigungen zuziehen . Sie sah ein , daß man anfänglich ihrer Erzählung keinen Glauben schenken würde , weil sie ja so unglaublich klingen mußte , und bis sie im Stande war , die Wahrheit zu beweisen , wie viele Anfechtungen hatte ihr stolzes Gemüth bis dahin zu erdulden ! Noch einmal blickte sie hinüber nach den jungen Mädchen ; sie sahen so harmlos und lieblich aus , sie wären jung wie sie , vielleicht , wenn sie muthig aus sie zuging und ihr Abenteuer erzählte , glaubten sie ihr und nahmen sie bis zur einbrechenden Dunkelheit auf oder gaben ihr eine Hülle , um über die Strafte gehen zu können . Schnell betrat sie den Kiesweg , der drüben vor dem Pavillon mündete , aber kaum hatte sie das erste Blumenbeet erreicht , als sie heftig erschrocken stehen blieb . Aus einem großen , eisernen Gitterthor , gerade ihr gegenüber , trat im schwarzen Seidenkleide , einen mächtigen Schlüsselbund über der sorgsam vorgebundenen weißen Schürze , die Räthin Bauer , gefolgt von ihrer Enkelin , die gleich der hinter ihr gehenden Magd eine Platte voll Tassen und Kuchenkörbe trug . … Es blieb Magdalenen kein Zweifel , der unterirdische Gang war ein Verbindungsweg zwischen zwei Klöstern gewesen , sie befand sich in Werner ’ s Garten . Das Herz stand ihr fast still vor Angst , aber da kam ihr plötzlich ein trostreicher Gedanke . In diesem Hause wohnte ja auch ihr alter , guter Jacob ; wenn es ihr gelang , seine Stube zu erreichen , dann war sie geborgen . Die Fenster des hohen Wohnhauses blinkten durch die Aeste einiger Kastanienbäume über ein niedriges Dach , jedenfalls das Hintergebäude , zu ihr herüber . Sie wußte nun die Richtung , die sie einzuschlagen hatte , und bog in einen schmalen Seitenweg ein , der durch ein Bosquet führte . Nach wenigen Schritten stand sie vor einem kleinen Gebäude , das sich an die Rückwand des Hinterhauses lehnte und oben große Glasfenster hatte . Halb zugezogene seidene Gardinen verbargen das Innere , zu welchem mehrere an beiden Seiten mit Topfgewächsen besetzte Stufen führten . Vielleicht stand dies Zimmer in Verbindung mit dem Hintergebäude oder führte wenigstens in den Hofraum . Magdalene trat schnell hinein ; es war Niemand darin