wen ich schrieb , Ihro Gnaden ? « fragte Fräulein Brüsselbach , die Augen verschämt niederschlagend , zurück , » der Herr Graf und auch die gnädigste Comtesse sollten doch wohl zu wissen geruhen , daß meine Briefe an denjenigen gerichtet sind , dem das Geschick sie in die Hände spielt . « » So lassen Sie mich durch Zufall den Empfänger Ihres Schreibens werden , « versetzte ich , die Hand nach dem Papier ausstreckend . » Nichts in der Welt ist Zufall , Herr Graf , « antwortete Fräulein Brüsselbach mit derselben Verschämtheit , während sie das Papier in Briefform zusammenfaltete , » oder wollen Ew . Excellenz es etwa dem Zufall verdanken , daß Sie sich augenblicklich in der Gesellschaft des edlen Fräuleins an dieser geweihten Stätte befinden ? Indem ich diesen Brief schrieb , folgte ich einer Bestimmung des Schicksals ; eine ähnliche Bestimmmig führte Ihro Gnaden hierher , und derselben Bestimmung folgend , habe ich die Ehre , Ihnen , Herr Graf , mein unterthänigstes Schreiben zu Füßen zu legen . « Mit diesen Worten und einer etwas linkischen Verbeugung überreichte sie mir den Brief , und wiederum flogen ihre gutmüthig verschmitzten Blicke prüfend zwischen meiner Begleiterin und mir hin und her . Die vertrauliche Weise , in welcher ich zu der armen Geisteskranken sprach , war in der That nicht ohne die beabsichtigte Wirkung auf meine Gefährtin geblieben . Die Furcht war von ihr gewichen ; dagegen betrachtete sie die ihr fremde und geheimnißvolle Erscheinung mit einem Gemisch von Scheu und Theilnahme , doch bemerkte ich , daß ihre Blicke , sobald ich mit einem schwülstigen Titel angeredet wurde , mich jedesmal mit dem Ausdruck neugieriger Verlegenheit flüchtig streiften . Ihre Phantasie war unstreitig durch das merkwürdige Zusammentreffen mächtig aufgeregt worden und unbewußt bestrebte sie sich , die Worte der Wahnsinnigen , denselben gleichsam einen höhern Werth beilegend , zu deuten . Letzteres geschah ganz gegen meine Wünsche und Berechnung , weshalb ich , um einen derartigen nachteiligen Einfluß abzuschwächen , dem Gespräch eine scherzhafte Wendung zu geben suchte . » Muß ich den Brief in gleicher Weise beantworten ? « fragte ich lachend , das Papier entfaltend . » Handeln der gnädige Herr , wie das Geschick es Ihnen befehlen wird ; aber lesen Ihro Gnaden meine Worte nicht hier , « entgegnete Fräulein Brüsselbach mit einer abwehrenden Bewegung , » schreiben Sie und lassen Sie Ihre Antwort demjenigen zugehen , den das Geschick Ihro Gnaden im entscheidenden Augenblick zuführen wird , und irre ich nicht , so wird der Empfänger Ihre Frau Gemahlin sein . « So sprechend , deutete sie freundlich auf meine Begleiterin . Ich erschrak , doch beruhigte ich mich schnell wieder , als ich bemerkte , daß das junge Mädchen , weit entfernt davon , in Verlegenheit zu gerathen , lächelnd die mädchenhafte Scheu überwand und sich anschickte , selbst zu antworten . » Sie irren , « sagte sie unbefangen , obwohl ihre Wangen sich etwas höher färbten , » der Zufall hat uns vor einer Stunde erst zusammengeführt « – » In den Augen liegt das Herz , « unterbrach Fräulein Brüsselbach sie schnell , sie wohlgefällig und sogar theilnahmvoll betrachtend , » und glauben Sie mir , mein gnädigstes Fräulein , wenn das Geschick es ernstlich bestimmt hat , dann wird selbst das Unmögliche zur Wahrheit . Sie nennen es Zufall , was Sie mit dem Herrn Grafen zusammenführte , ich erkenne darin eine höhere Fügung ; es leuchtet aus Ihren Augen , ich lese es in seinen Blicken : Die Tochter ihres Vaters , Sie ahnte , wer er war , Beseligt und beglückend Folgt sie ihm zum Altar . « Diese Verse , welche sie mit theatralischem Pathos hersagte , begleitete sie mit so bezeichnenden Bewegungen , daß kein Zweifel darüber obwalten konnte , wen sie eigentlich meine . Betrachtete ich nun dieselben auch als gehaltlose Ergüsse eines kranken Gemüthes , die sie an jeden ihr zufällig Begegnenden gerichtet haben würde , so war ich doch überrascht durch das Zusammentreffen von Umständen , die , unter sich fremd , dennoch in so naher Beziehung zu einander zu stehen schienen : Neben mir befand sich ein junges Mädchen , mit welchem ich voraussichtlich bereits in den nächsten Stunden in ein gewisses verwandtschaftliches Verhältniß treten sollte ; sie war die Nichte meines mich in so hohem Grade liebenden Vormundes ; ich sollte zeitweise mit ihr unter demselben Dache leben und täglich mit ihr verkehren ; sie war mir erschienen wie ein holdes Traumgebilde ; sie kannte mich nicht und dennoch sprach sie in einer Weise von mir , die darlegte , daß sie sich in Gedanken viel mit mir beschäftigte , und nun trat noch die Irrsinnige mit ihrer Weissagung vor mich hin . Kein Wunder also , daß ich , der ich in jugendlichem Uebermuthe nur zu gern romantischen Ideen huldigte , hier mehr , als einen alltäglichen Zufall zu entdecken suchte und mit Entzücken der Möglichkeit , ja noch mehr , der Wahrscheinlichkeit gedachte , das liebe Engelsbild an mei ner Seite dereinst die Meinige nennen zu dürfen . Blitzschnell folgten alle diese Gedanken auf einander und ebenso schnell bildete sich auch der für meine Jahre gewiß natürliche Wunsch , von der armen überspannten Person noch mehr zu vernehmen , was in Beziehung zu meiner Zukunft gebracht werden könne . Zu meiner Gefährtin wagte ich kaum aufzublicken ; ich hegte die unbestimmte Furcht , von ihr errathen zu werden . Zu dergleichen Besorgnissen war indessen am allerwenigsten ein Grund vorhanden ; denn Gedanken , wie sie mich erfüllten , lagen dem kindlich unschuldigen Gemüthe unerreichbar fern , und zeugte auch die scharf begrenzte , tiefe , aber schnell wieder schwindende Nöthe auf ihren zarten Wangen abermals von einer innern Erregung , so war diese doch nur eine Folge der Befremdung über das seltsame Benehmen der Wahnsinnigen . » Fräulein Brüsselbach , Sie dichten ja ausnehmend schon , « brach ich endlich wieder das