Andersen.4 Ernestine las in großer Bewegung die Ge ­ schichte vom häßlichen jungen Entlein . Sie las , wie es überall mißhandelt und verstoßen wurde , weil es so ganz anders als alle Enten war , und wie es zuletzt ein herr ­ licher Schwan geworden , schöner und stolzer , als das gemeine Federvieh , von dem es eine so verächtliche Be ­ handlung erlitten hatte . Der Eindruck , den diese liebliche , rührende Dichtung auf sie hervorbrachte , war unbeschreiblich . Die Leidensgeschichte des armen Entleins war ja auch die ihre und wie mit Schwanesfittigen rauschte die Ver ­ heißung aus dem Gelesenen vor ihr auf . — „ Ob aus mir auch einmal solch ein Schwan wird ? “ fragte sie wieder und wieder , ihr Herz flog über von nie em ­ pfundenem Wohl und Wehe , sie legte die mageren Händchen vor das Gesicht und schluchzte , als müsse sie sich , — wie das Volk sagt , die Seele aus dem Leibe weinen . Da erwachte der Vater und fuhr erschrocken auf : „ Wer ist da ? “ Ernestine eilte zu ihm hin und warf sich vor seinem Bette auf die Knie . Sie ergriff seine Hand und wollte sie küssen , — er riß sie ihr zornig weg , aber die Tränen , die sie vergossen , hatten ihr Herz im Tiefsten erweicht : „ Vater , lieber Vater ! “ rief sie , „ ich war oft unartig und eigensinnig . Vergib es mir und habe mich nur ein klein wenig lieb , dann will ich Dich auch lieb haben ! “ Hartwich drehte den Kopf zur Wand und grollte : „ So unnütz geweckt zu werden ! Wie kannst Du Dich so spät zu mir hereinschleichen , — meinst Du , Dein dummes Gewinsel sei mir lieber , als ein erquickender Schlaf ? “ „ Vater “ , rief Ernestine , seine lahme Hand ergreifend , die er nicht wegziehen konnte . „ Vater , stoß ’ mich nicht mehr von Dir , ich will gut werden , hilf mir auch , daß ich es kann ; wenn Ihr immer hart mit mir seid , kann ich es nicht . Ich sah es heute , alle Kinder haben Eltern , die sich ihrer freuen , nur ich — ich bin allen Leuten ein Ärgernis und ich habe doch auch ein Herz und möchte doch auch einmal einen freundlichen Blick sehen und ein gutes Wort hören . Ich will ja gewiß nicht mehr so viel weinen , wenn Ihr mich nicht immer weinen macht und ich will auch Alles tun , um wie ein Junge zu werden , damit Du nicht mehr böse darüber bist , daß ich ein Mädchen bin . Ach Vater , mir ist heute , als wäre der liebe Gott bei mir gewesen und hätte mich ge ­ lehrt , was mir fehlt : Liebe , Vater , Liebe fehlt mir , — ach gib sie mir doch und habe Mitleid mit Deinem armen häßlichen Kinde ! “ Der Kranke hatte sich der Kleinen wieder zugewendet und starrte sie mit seinen verglasten Augen erstaunt an , — es war , als wolle sich aus dem dumpfen Zustand geistiger und körperlicher Versunkenheit ein Gefühl hervorringen , sein Atem ging rascher , seine schwere Zunge setzte sich mehrmals in Bewegung , Ernestine wagte nicht , ihn anzublicken , ein starker Branntweinduft , der sie plötzlich anwehte , verriet , daß der Vater ihr sein Gesicht ge ­ nähert habe , aber dieser heiße Hauch widerte sie so entsetzlich an , daß sie unwillkürlich den Kopf zurückbog und der Berührung des Mundes auswich , der ihr vielleicht den ersten Kuß in ihrem Leben geboten hatte . Der Kranke mußte das empfinden , denn er wandte sich wieder ab und murmelte etwas unverständliches vor sich hin . Nach längerem Schweigen schnalzte er mit der Zunge an seinem ausgetrockneten Gaumen und griff nach einem Glase , das neben ihm stand , aber es war leer . „ Durst ! “ sagte er verdrießlich . — „ Soll ich Dir Wasser geben , Väterchen ? “ fragte Ernestine . Der Kranke machte eine Gebärde des Ekels . — „ Nein ! höre , Du kannst zum Onkel hinaufgehen und ihm sagen , er möge mir noch einen Tropfen von dem gewissen schicken — er weiß schon , was ich meine . Aber sag ’ es ihm allein — hörst Du ? ganz allein ! Und erzähl ’ s auch Niemandem , sonst schlage ich Dich krumm und lahm , merk ’ Dir ’ s , Und nun geh ’ schnell , mich quält der Durst sehr ! “ Ernestine erhob sich von den Knien , sie blickte nun auf ihren Vater herab mit jenem Schmerz , den wir em ­ pfinden , wenn wir das beste , das heiligste Gefühl an einen Unwürdigen wegwarfen . Bisher hatte sie nicht nach ihm verlangt , heute zum erstenmal , als sie sich in ihrer Ver ­ lassenheit nach einem Wesen umsah , an das sie ein Recht der Liebe hätte , war ihr eingefallen , daß sie ja einen Vater besitze . Mit vollem überströmenden Herzen wollte sie ihn suchen und fand einen Trinker , der mit seiner Menschenwürde auch seine Vaterwürde abgelegt hatte . Stumm und wie gebrochen an Leib und Seele schlich sie hinaus , die Treppe hinauf zum Oheim . Sie sollte Brannt ­ wein für den Kranken holen und erinnerte sich doch , daß der Arzt ihm jedes geistige Getränk verboten hatte , — aber sie mußte tun , was der Vater befahl , wenn sie sich nicht dem Schlimmsten aussetzen wollte . Sie trat langsam und schüchtern bei dem Oheim ein , sie fürchtete dessen Frau . Es war Niemand im Zimmer , Bertha lag schon zu Bette , nur Leuthold stand unter dem geöffneten Fenster , in dessen Pfosten er ein langes Rohr einge ­ schraubt hatte .